Halle den 5 Aug.

Kaum wirst du vermuthen, was mich dazu bringt dir jezt zu schreiben. Denn, wie kannst du ahnden, dass ein furchtbares Geschick von allen Seiten auf deinen Freund und seine schuldlose Frau losstürmen sollte. Mit dir habe ich alles getheilt, und ich kann noch niemals innerlich berührt werden, ohne die Neigung zu fühlen mit dir zu theilen Gutes und Böses.

Mein Junge ist todt – Vor drei Monathe noch waren wir die glücklichen Eltern von drei Kinder – Nun ruhen zwei in dem nehmlichen Grab. Die arme Hanne leidet furchtbar – Drei Tage kæmpfte der Junge mit dem Tode. Was ich verloren habe, ich fühle es kaum, denn Hannes Leiden ist schauderhaft. Du würdest sie nicht kennen wenn Du sie sæhst –

So habe ich nie gelebt – Meine Frau in tiefem Gram versunken, meine Kinder todt, mein Wirkungskreis zerstört – Es giebt keine Seite meines Daseins, die nicht verwundet wære – Was ist das Leben? Mich ruft ein höheres, und strebe ein innerliches Leben zu erwecken, wo das äussere starb.

Bin ich nicht, wie ein fremder Lappen, einem Kleide angeheftet , dem ich nicht gehöre? Enger schnürt sich das Leben hier zusammen, ein Freund nach dem andern entweicht, der Athem geht mir aus, und mir bleibt nichts, als das stumme Brüten in erlähmter Thätigkeit, das Grab meiner Kinder und der Gram meiner Frau – Gott sei mit Dir, lieber Freund!

Dein HSteffens

Zitierhinweis

3482: Von Henrich Steffens. Halle, Sonntag, 5. 8. 1810. In: schleiermacher digital / Briefe, hg. v. Simon Gerber und Sarah Schmidt. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://schleiermacher-digital.de/v/fsb_0003482 [Druck: KGA V/10, Berlin 2015]