S. Hochwürden / dem Herrn HofPrediger Professor / Doctor Schleiermacher / zu / Berlin [Autorfußnote Bl. 4v]

Königsberg den 4 Aug 1810.

Ob Sie, verehrter Freund, als für Sie bestimmte Exemplare der zweiten Auflage meiner Tabellen der Kirchengeschichte erhalten haben, weiß ich wirklich nicht zu sagen, da ich vom 1sten August des vorigen Jahres bis zu meiner Abreise hieher in einer Verwirrung gelebt habe, welche zu überstehen ich mir kaum schmeicheln konnte – ich hatte in 8 Wochen noch ein Alphabet von jenen Tabellen, meine Schrift über Amerikanische Sprachen und über Amos zu schreiben und vor meiner Abreise druken zu lassen, und alle wirthschaftlichen Besorgungen oben ein, da ich meine Frau mit den Kindern 4 Wochen früher zu der älterlichen Familien gehen ließ, von denen wir so weit getrennt werden mußten. In jener Zeit sahe ich auch den theuren Steffens, mit dem ich sonst oft von Ihnen sprach, wenig, bis zu einem der letzten Abende, den ich auf dem Kronprinz neben ihm verbrachte und wo wir uns gegenseitig sagten, daß wir uns sehr  | 3v Werth gewesen waren. Ich liebe den guten Steffens sehr, darf ich bitten, daß Sie ihn bald aufs freundlichste von mir grüßen. Ich habe ihm vor dem Verluste seines lieben Töchterchens geschrieben, und nicht von ihm gehört, ob er meine Bitte erfüllt hat. Werden Sie ihn nach Berlin ziehen können? Doch ich komme auf meine Kirchengeschichte zurük und sende eben(?) Ihnen meine Beendigung des Henkeschen Lehrbuchs auch in Einschluß an Herrn Staatsrath Nicolovius zu, welches ich als ein Andenken an unser ehemaliges Zusammenleben anzusehen bitte. Ich denke noch oft an dasselbe, und da hier so Mancher ist, der auch mit Ihnen zusammen lebte, besonders der brave Wedeke : so habe ich doppelte Veranlassung dazu. Wohnen Sie regelmäßig den Sitzungen der Section bei (in der UA(?) Zeitung lese ich daß Sie dort als Doctor der Wissenschaftlichen Deputation einen Platz angenommen haben): so hören Sie auch von uns Königsbergern Manches, denn dazu gehöre ich ganz, auch aus Neigung. Meine gute Frau nimmt ebenso innig Theil an diesen Gefühlen. Die Familien Krüger und Gerlach, die vielleicht auch Ihnen bekannt geworden sind, jene mit Staatsrath Nicolovius nahe  | 4 verwandt sind und mehr als oft Verwandte sind, und viele andere machen uns das Leben sehr angenehm. Ich lebe in mehr Ansehen, als ich mir redlich bewußt bin, zu verdienen, habe aber desto weniger Ursache, aus meinem kindlichen Sinne, dem ich mich gern ganz überlasse, und meiner wissenschaftlichen Ruhe aufgestöhrt zu werden durch eine Leidenschaft – kurz ich lebe hier ganz glüklich, mit 4 Knaben, denn zwei Kinder habe ich leider noch in Halle begraben lassen, zwei in zehn Tagen!!! und vergesse das nimmer.

Leben Sie recht wohl, ich habe Ihnen genug vorgeplaudert, und die letztere Erinnerung(?) mahnt zur Pause. Ich verfehlte Sie in Berlin , so wie den guten Spalding und den unvergeßlichen Karsten . Wenn GeheimRath Wolf zurük ist: so bitte ich mich ihm sehr zu empfehlen. In der wissenschaftlichen Ruhe, worin ich lebe, und so wenig von dem höre, was geschieht, habe ich doch vernommen, daß er ins Bad gereißt sey.

Mit wahrer Achtung und Ergebenheit bin ich

Der Ihrige Vater.

Zitierhinweis

3481: Von Johann Severin Vater. Königsberg, Sonnabend, 4. 8. 1810. In: schleiermacher digital / Briefe, hg. v. Simon Gerber und Sarah Schmidt. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://schleiermacher-digital.de/v/fsb_0003481 [Druck: KGA V/10, Berlin 2015]