abgegangen d 4 May 1801

Wenn ich Dir diesesmahl nicht wie sonst bald nach dem Empfang deines lieben Briefes geantwortet habe, so bringt es die gegenwärtige Laage in welcher ich mich befinde mit sich – sie wirkt erstaunend auf mein Gemüth, und da ich immer noch auf deren Beßerung hoffte so verschob ich es, da mir überdies, so wohl dieser Brief als andre mehrere sehr schwer fallen.   Wahrscheinlich wird die trefliche Herz wenn sie mein lezter noch in Berlin getroffen dir etwas davon mitgetheilt haben, in welchem traurigen Zustand die gute Sell sich befindet – welcher freilich mehrentheils von ihrer CörperSchwäche – von ihren schwachen Nerven herrührt – das wenige Zusamenseyn mit ihrem Mann, der seit der Trauung und schon vorher in Biele mit seiner Compagnie liegt – da das ganze bataillon imer hier in der Nähe zerstreut ist – und also das gehen und kommen und nie ganz eingewöhnen, wiedrige Eindrükke auf sich macht – was ich schon Autorfußnote (mit Einfügungszeichen am linken Rand, überlaufend auf den unteren Rand, weiter überlaufend auf den unteren Rand von Bl. 12v, 13, 13v und den linken Rand von Bl. 12.) ⎡da war er ihr schon fürchterlich - unangenehm - alles meines bittens ohngeachtet konte sie nicht aufrichtig gegen ihn sein – und wurde sichtbar kränker an Leib und Seele – jezt macht sie sich eben wegen dieses Schweigens die grösten Vorwürfe – würde aber gewiß nicht heitrer  Vom Hg. korrigiert. würde – wenn auch alles zurükgegangen wäre – schon 8 Tage nach der Trauung. Daß Sell sehr sinnlich ist – und um nun sich übrigens die Grillen zu vertreiben oft sehr lustig[,] vermehrt ihre Quall und ihre Abneigung. 12 Tage vor der Trauung – bis jezt – zu reden predigen trösten warnen – und auch recht ernstlich zu schmählen hatte.  | 12v Man muß selbst hören und sehen – um davon zu urtheilen wie Sell sich bey der Kälte die sie ihm dem Morgen nach der Hochzeit gleich fühlen lies – bey dem schwanken unentschloßnen schwierigen Wesen, Unfeinheiten des Geistes und Unanständigkeiten – sich bewunderungswürdig geduldig und herzlich benimt – wenn er auch augenbliklich einmahl heftig wird – doch gleich wieder abbittet – Freilich sind ihm viel 1000 Schwierigkeiten vorher gemacht und manches von ihrer Reue und jamern, daß sie die Gemeine verlaßen vorher gesagt worden, aber, daß es so kommen würde, hat wohl Niemand auch sie selbst gedacht. –         Daß Emilie bald nach der Verheiratung in die Anstalt kamm, war höchst nothwendig – leider ist ihr der Zustand der Mutter nicht ganz entgangen – Bertha ist nun allein, so wie Emiliens Kälte ihn abschrekt so zieht ihn dieses schmeichelnde Wesen an, was aber für sie kein Gewinn – auch wirken die Unterredungen oder traurige wertlose Spannungen auf ihr reizbares Wesen sehr sie kan unter diesen Umständen auch fast gar nichts lernen – da ich viel bey der Mutter seyn muß – dazu komt noch die traurige  | 13 Geschichte mit den Pächtern – die wahrscheinlich so sich endigen wird – daß, wie die Vormünder sagen, sie nach Johany die Pferde verliehrt – auch ist es ihre Pflicht wenn Sell alsdenn nur einige Meilen von hier weg komt – mit ihm zu gehen. – Aus allem diesem geht hervor – daß mein Bleiben in Habendorf nur bis Johany möglich und auch wirklich in jeder Hinsicht zwekwiedrig – viele triftige Gründe machen meine Ueberzeugung immer stärker – und gegen diese muß mann nicht handeln – Wahr ist es – wäre ich mit Emilien zugleich gegangen – so war mehr Aussicht mich reichlich mit Schulen zu beschäftigen die mann (weil ich nicht die Arme auf einmahl so berauben wolte) – Andern gegeben – denen man sie nicht gleich wieder nehmen kann – doch werden wohl die Reise lustigen die Verwandte in Sachsen haben, mir Beschäftigung veranlaßen – – 

 Daß jezt unter diesen Umständen – da man unter 80 Thaler courant keine eigne Stube nebst allem was übrigens zum Leben gehört – haben kann – ich ganz – und gewiß auf immer Verzicht darauf thue – so begebe ich mich denn wieder in eine volle Stube – sehe mich aber doch bey dieser Entsagung  | 13v genötigt – da ich mit leeren Händen da stehe, und auch wie du wohl wißen wirst mich mit HandArbeit nicht durchbringen kann – Dich um Unterstüzung zu ersuchen und recht zutraulich darum zu bitten; frage dich also mein Bester ob es dir wohl möglich wäre mir für jezt – wird mein Verdienst größer oder wenn ich mich von dieser strapaze erholt meine Gesundheit so daß ich ganz in die Anstalt ziehen kann – so ist es anders aber für jezt mir 20 Thaler real Münze jährlich geben – damit ich Vierteljährig 5 Thr Zulage habe meine Bedürfniße – Zinse Kostgeld und andres allerley zu bestreiten mit Thränen in Augen rufe ich dir zu – „Gott wird dirs vergelten“ – auf allerley Weise denn in dieser unruhigen peinigenden Laage kann ich nicht dauern – an die Fürstin kan ich mich nach jener Autorfußnote (mit Einfügungszeichen am linken Rand von Blatt 13)  Die von Kleitsch wolten mich zu sich haben – bald als diese HeiratsGeschichte vorbei war aber die gute Comtesse hatte es gütig schon halb abgewendet – ehe sie mich frug abschlägigen Antwort nicht mehr wenden   – – ich hoffe mein Entschluß wird dir unter solchen Umständen die ich dir lange nicht trübe genug ausgemahlt nicht seltsam erscheinen 

Diese summe beträgt gerade den Tisch woran ich immer gegangen bin weil alles erhöhet ist.

Seit ich dis geschrieben habe ich wieder schrekliche Stunden erlebt

Zitierhinweis

3429: Von Charlotte (Lotte) Schleiermacher. Habendorf, Freitag, 4. 5. 1810. In: schleiermacher digital / Briefe, hg. v. Simon Gerber und Sarah Schmidt. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://schleiermacher-digital.de/v/fsb_0003429 [Druck: KGA V/10, Berlin 2015]