Halle den 9ten Januar 10.

Ich erschrecke ordentlich, mein theurer lieber Schleiermacher indem ich Ihren letzten Brief, vom August 9. wieder ansehe wie es möglich gewesen daß ich in so langer Zeit gar nichts directes von Ihnen gehört oder gesehen. Machen Sie das doch bald wieder gut: meinen Theil der Schuld mag das Erwarten Ihres Briefes, denn die doppelte Auction der Bücher und Karten meines verstorbenen Collegen, die mir umfänglich viel Zeit gekostet, Langeweilen(?) und Verdruß die Menge verschaft hat, Laster(?)keiten u.s.w. tragen. In der That bin ich auch mit Geschäften jetzt hinlänglich versehen, habe täglich Religionsunterricht, höre zwei Collegia bei Steffens und predige fleißig. Dies letztere macht mir des Memorirens wegen sehr saure Arbeit, obgleich ich Nachmittags wo sich ein durchaus verschiedenes Auditorium einfindet von Anfange an frei gesprochen habe, bin ich doch noch nicht im Stande gewesen meine Schüchternheit so weit zu überwinden es auch Vormittags zu thun. Es ist gewis da etwas nicht Rechtes darunter, auch soll es [...] werden, umsomehr da ich überzeugt bin, bei gehöriger strenger Vorbereitung viel eindringender und im anständigen Sinne populärerer zu sprechen als zu schreiben. Denn obwohl ich wie Gott weiß bewußt bin daß mir kein Gedanke an Flunkern bei der Arbeit einfällt so sieht das Zeug doch immer etwas steif und gemacht aus und eben daß Steffens zuweilen damit zufrieden ist beweißt nur wie wenig die übrigen es sein sollten. Man schreibt offenbar zu gedrängt und zu schwer für die Leute die es oft herzlich gut meinen mögen aber doch nicht mitkommen können: Es sind mir da einige Worte Luthers gewaltig aufs Herz gefallen, worin er von dem Unterschiede spricht zwischen dem Ton seiner Predigten und dem der anderweitigen Untersuchung und es ist wenngleich bei sehr veränderten Umständen doch immer sehr viel wahres daran. Ich möchte Sie wohl einmal darüber sprechen: Sie würden erstaunen wenn Sie Rienäcker hörten, eine solche Gründlichkeit, lebendige Darstellung  | 50v herzliche Sprache und wahre Salbung ist mir kaum vorgekommen, er ist unstreitig der erste Prediger hier und weit und breit, doch sagen die Leute sie verständen ihn nicht, was ich nun gar nicht verstehe da sie behaupten mich der ich bei weitem weniger Ruhe und Reichthum und wahre Dialektik habe, zu verstehn: Es ist mir bei allem dem recht wehmühtig wenn ich von ihm spreche denn wer weiß wie lange wir ihn noch haben, in seinem Gemüthe sieht es traurig aus. Er führt eine höchst unglükliche Ehe, weil es scheint sie werde kinderlos bleiben. Er ist im höchsten Grade hypochondrisch, weist mit entsetzlicher Heftigkeit die Schuld der Kinderlosigkeit bald auf seine Frau bald auf sich. Glaubt sich verachtet und verspottet, geht in einem Tage zehnmal von der zärtlichsten Liebe zu den bittersten Vorwürfen gegen seine Frau über. Diesen Sommer fürchteten wir er würde sich das Leben nehmen, er hatte seine Frau oft damit bedroht, dann wieder dringt er auf Scheidung, dann will er sein Amt niederlegen, dann spricht er von einer Schuld die er niemandem entdekt. Bei dem allem ist er im Aeußeren still, zuweilen doch jetzt seltener, heiter, und wie groß auch sein Vertrauen zu mir und Steffens so wissen wir dies alles doch nur von seiner Frau und einigen abgebrochenen eigenen Aeußerungen. Nur ganz kürzlich hat Steffens der eben zu ihm kam als er einen heftigen Auftritt mit seiner Frau gehabt und auf Scheidung gedrungen und schon seinen Abschied geschrieben hatte, Gelegenheit gefunden ihm derb ins Gewissen zu reden: er schien überzeugt, und denselben Nachmittag war alles wieder auf dem alten Flecke. Gewis ist seine Frau obgleich ohne ihren Willen etwas Schuld an der Heftigkeit seines Zustandes, sie mag ganz gut sein aber sie ist leider höchst ungeschikt, taktlos und es fehlt ihr gänzlich an der hier so nöthigen Ruhe und Sanftmuth. Wir lassen ihn soweit die Umstände es nur erlauben wenig aus den Augen, aber es schaudert uns wenn wir daran denken wie das enden soll. Mitten aus diesen gewaltigen Stürmen des Inneren setzt er sich an die Arbeit und nur  | 51 wir können leise Spuren seines geängsteten Zustandes in seinen Predigten finden während jeder andere nur das frömmste und mildeste Gemüth darin ahnden könnte. Wissen Sie irgend einen Rath so thun Sie es, aber lassen Sie dies alles ja aufs strengste unter uns bleiben.

In Hinsicht meiner kann ich Ihnen wenig erfreuliches sagen. Ich bin ruhig und gefaßt aber ich weiß was mir abgeht und mein Leben erscheint mir überaus dürftig. Sie ist ewig dieselbe und jede Spur der anfänglichen Befangenheit ist verschwunden, noch neulich sagte die Mutter : Karoline ist immer heiter. Und sie ist es oft so daß es mich beinahe in Verzweiflung setzen könnte, und doch muß ich mich schämen wenn ich sie betrachte. Ich habe es auch nicht über mich gewinnen können diese Seite wieder zu berühren und glaube auch nicht daß ich ihr viel helfen könnte. Als Müfling hier war, denn ich muß Ihnen doch meine Thorheiten auch sagen, ging mit einem Male das Gerücht er werde sie heirathen; und obwohl niemand besser als ich das Gegentheil wissen konnte so bin ich doch in 4 Wochen nicht ruhig geworden und habe mich gar nicht überwinden können den, allerdings etwas albernen Menschen, zu sehen; auch ist die Mutter wirklich oft unerträglich wenn sie die Liebe zu dem Kinde so auf den überträgt ob sie gleich das erbärmliche in seinen ganzen militairischen Benehmen zuweilen einsieht, es ist doch gewis schade daß das Kind ihm so gleicht.

Eine Frage lieber Schleiermacher liegt mir sehr am Herzen. Sie können leicht denken daß ich aus tausend Gründen lieber in Berlin als hier wäre, denn wie wunderlich die Dinge auch noch aussehen mögen so scheint es mir doch sehr wahrscheinlich daß auch Steffens einmal dahin gerufen werde, sollte ich ihn verlieren, es würde mir vorkommen als verließe ich zum ersten mal in meinem Leben das väterliche Haus, dann steht mir doch über kurz oder lang in meinen anderen Verhältnissen etwas bevor wovon ich noch gar nicht begreife wie ich davon Zeuge sein konnte: dies und vieles andere läßt  | 51v mich wünschen wieder in Berlin angestellt zu werden. Daß dies nicht bei der Colonie geschehe versteht sich von selbst, denn wollten sie mich auch so mag ich sie doch nicht. Nun ist aber in Berlin nur eine Stelle die ich ohne Indiskretion fordern kann, es ist die Prediger Stelle an der Charité die wie Rienäcker versichert zum Theil von Ihnen abhängt. Sagen Sie mir doch wie es darum steht, ob überhaupt Aussicht vorhanden und ob Sie mit einiger Wahrscheinlichkeit nahe oder fern. Die übrigen scheinbaren Nachtheile habe ich mir wohl schon angesehen und meine mich darin zu finden. Nur schlagen Sie mir nicht etwa eine andre von Berlin entfernte Stelle vor, das ist jetzt wenigstens nicht für mich.

Die Aufhebung war Helmstädt und Rinteln ist jetzt dekretirt, von Theologen nennt man Wegscheider und Pott die man für Halle bestimmt, doch möchte letzterer es schwerlich annehmen. Auch Klosterbergen ist jetzt aufgehoben.

Ich höre von hier und dort manches sehr erfreuliche von Ihrer Gesundheit, Gott gebe daß es wahr sei. Sie werden wohl nun einen jungen Mann kennen Stuhr den eine übrigens sehr ehrenvolle Uebereilung von hier vertrieben, Grüßen Sie ihn doch freundlich von mir.

Ich muß nun schließen lieber Schleiermacher um Steffens Vorlesung nicht zu versäumen, Sie sollen meine ich auch eine rechte Freude an seinem Aufsatz über die Farben haben den Sie noch nicht kennen. Grüßen Sie herzlich Nanny , Reimer und vor allen Dingen Ihre liebe Frau die ich dann doch auch vor mehreren Jahren einmal bei der Herz gesehen habe, wer weiß ob ich Sie beide nicht diesen Sommer schon einmal wiedersehe. Leben Sie recht wohl und schreiben Sie bald.

Blanc

Zitierhinweis

3387: Von Ludwig Gottfried Blanc. Halle, Dienstag, 9. 1. 1810. In: schleiermacher digital / Briefe, hg. v. Simon Gerber und Sarah Schmidt. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://schleiermacher-digital.de/v/fsb_0003387 [Druck: KGA V/10, Berlin 2015]