Halle den 1sten Jul 9.

 Wäre ich nur meinem ersten Gefühle der Freude über Ihren lieben Brief gefolgt, bester Freund, so hätte ich Ihnen augenbliklich mit umgehender Post schreiben müssen, so entzükt war ich aus jedem Worte Ihres Briefes die Freude ja eine recht ausgelassene hervorleuchten zu sehen. Tausend Seegen über Sie, theuerster Freund und die Ihrigen, und mir das Glück Sie bald in diesem, schönen Leben zu sehen was mir wohl und weh thun würde, aber doch gewis recht wohl.  Glauben Sie nur nicht daß ich mir Sie nicht als Gatte und Vater denken könnte, es war mir im Gegentheil immer etwas wunderlich Sie anders zu sehen; Sie kamen mir eher immer als ein Strohwittwer vor, dessen Frau nur verreißt ist. Auch mache ich mir gewis bei der ersten Gelegenheit die Freude Sie in Ihrer neuen Würde zu sehen und Ihre liebe Frau nun einmal ordentlich zu sehen denn da ich sie nur einmal vor mehreren Jahren bei der Herz in einer großen Gesellschaft und mit meinen schlechten Augen gesehen so will das nicht viel sagen. Ich schob es also auf Ihnen zu schreiben weil ich täglich hofte Gelegenheit zu haben Ihnen Auskunft über mancherlei interessantes was in unsrer Nähe vorging zu geben, das Ding wird mir aber  | 47v nun doch zu lang und Gott weis wie lange Sie noch warten müssten wenn Sie darauf warten sollten. Die Comödie hat zwar in unserer Nachbarschaft aber nicht bei uns gespielt, vielmehr haben sich die Oestreicher nach allen Gerüchten denn weiter giebt es hier nichts nach Grimma und Wurzen zurükgezogen, seit einigen Tagen hört man durchaus nichts davon. Das ganze Unternehmen, eben wie das Vordringen in Baireuth und nach Nürnberg bleibt räthselhaft. Das Einzige ist gewis, man lobt überall die strenge Mannszucht der Oestreicher und klagt bitter über die Zügellosigkeit der Holländer und Westphalen . Man hält immer den Punkt wo der andere sich befindet für den wichtigeren und so möchte ich denn auch jetzt in Berlin sein, wo ich über manches Aufschluß zu erhalten hoffte, vielleicht aber geht es Ihnen ebenso mit uns und da würden Sie Sich größtentheils täuschen.

  Es ist ein eigen Ding sich von einem Freunde und wenn Sie es auch selbst sind, sich eine Diät für die innren Angelegenheiten des Gemüths verschreiben zu lassen. Man kann sehr wohl das Richtige einsehen und es geht einem doch anders.   So ist es mit mir, und ich habe nur Hofnung daß es besser werde wenn ich dem Geiste Zeit lasse sich selbst zu gestalten, wobei ich gern gestehe daß ich meine Kraft und Thätigkeit für etwas  | 48 sehr geringes achte. Mir schaudert vor der Leere in die ich versinken müßte wenn ich eigenmächtig ein Gefühl unterdrükken wollte das nun einmal den Ton meines ganzen jetzigen Wesens ausmacht; und sowie ich überzeugt bin daß unsre Schicksale eigentlich nur wir selbst, das treue Abbild unsres Wesens sind, so glaube ich auch daß ich darin nichts übereilen darf sondern dankbar die mir wohlthuende Ruhe genießen muß während welcher mir die endliche Auflösung noch nicht vor die Augen tritt. Nur allmählig kann sich mein Gefühl umgestalten wenn es überall sich je also gestaltet. Freilich befinde ich mich dafür jetzt noch oft zumahl wenn ich sie oft sehe in einer sehr schmerzlichen Spannung aber ihre Gegenwart und Freundschaft ist mir doch zu süß als daß ich  Vom Hg. korrigiert. ich wagen sollte da einzugreifen was bei mir wenn es gelänge nur eine widrige Stumpfheit hervorbringen würde. Sie werden mich gewis bemitleiden vielleicht verdammen lieber Freund aber Sie sind auch jetzt zu glücklich um nicht etwas zu strenge zu sein. Sie ahnden wohl daß es nach allem diesen mit den Arbeiten noch nicht viel geworden ist. Daran liegt jedoch gewis nur ein sehr kleiner Theil der Schuld bei mir, denn die aus meiner Lage hervorgehende Unlust zur Arbeit würde ich gewis überwunden haben und werde es auch, aber es haben sich die letzte Zeit  | 48v viel Stöhrungen eingefunden, erstlich meine Reise, dann die doppelte PastoratsArbeit,   dann die Anfertigung des Catalogus der Bücher meines Collegen woran ich seit 6 Wochen täglich 3 bis 4 Stunden gearbeitet habe und doch heute erst mit Steffens an die LandKarten zu gehen denke,   dann die vielen politischen Unruhen die uns wirklich hier manchen Tag geraubt haben endlich die Anwesenheit verschiedener Fremder z.B. Siebekings aus Göttingen , Reimers , und Steffens Bruder mit dem Rittmeister Berger worüber Ihnen Steffens mehr schreiben wird, so bald wir Nachricht von  korr. aus: ihnenIhnen erhalten haben was leider noch nicht geschehen ist. Sie sehen an Vorwand fehlt es mir eben nicht, auch nicht an Beschäftigung da ich außer manchen kleinen Geschäften die ich beibehalten mußte täglich 2 Stunden bei Steffens Natur Philosophie und Physiologie höre . Wie es mit dem Augustin werden wird weis ich nicht, wahrscheinlich lese ich ihn allein, Rienäcker hat mehr Lust sich über Ihre Grundlinien der Kritik zu machen was allerdings höchst nöthig ist und wo wir beide nur wohl kaum hinreichen werden uns durchzuarbeiten. Wundern Sie Sich nicht daß ich von doppelten Pastorats Arbeiten spreche da Sie die Vereinigung schon längst eingerichtet glauben dem ist aber nicht so, noch heut früh glaubte ich die Sache in weitem Felde und nur so eben erfahre ich vom Präfecten daß die Bestätigung unsrer  | 49 Vorschläge eingelaufen ist so daß die Sache in einigen Wochen wirklich in Gange sein wird. Gottlob denn ich hatte das incognito predigen und die Quälerei mit einer unbiegsamen Sprache herzlich satt. Nächstens also sollen Sie mehr davon hören. Ich verhehle es nicht daß ich mit einer gewissen Bangigkeit an das Werk gehe indem ich durch Correspondenz und Gespräch verwöhnt und im deutschen Kanzelvortrage noch sehr ungeübt befürchte einige Mühe zu haben den rechten Ton zu treffen.

  Es freut mich daß Sie mit einiger Zuversicht die Einrichtung der Universität in Berlin zu erwarten scheinen,   ich muß Ihnen gestehn mir kamen seit einiger Zeit die Sachen so toll in Preußen vor daß ich glaubte entweder Halle wieder hergestellt zu sehen oder daß überhaupt für Sie wenigstens von einer Universität in Berlin gar nicht die Rede sein könnte je nachdem der endliche Kampf abliefe. Preußens Benehmen ist nächst dem Rußischen wohl das räthselhafteste was es giebt. Gott gebe daß es gut ende. –   Ich bedauere Ihrer Tante keine bessre Nachrichten wegen der O'Bernschen Erbschaft geben zu können aber es ist kein Testament vorhanden sondern eine bloße Schenkung an seine letzte Frau, ich habe die Abschrift gesehen worin Ihrer Tante mit keiner Sylbe erwähnt wird, doch spricht die Wittwe häufig von dem Original welches wie sie sagt einige Legate enthielte sobald Sie es bekommen hat will ich Ihnen Nachricht geben ich zweifle aber daß es mehr enthalte  | 49v als die gerichtliche Abschrift.  

Steffens fängt an ernstlich böse auf Sie zu werden und wenn ich nicht zu sehr durch Ihren Brief bestochen wäre so könnte ich ihm wohl nicht Unrecht geben. Rienäcker ist ziemlich wohl seine Frau weniger, sie und alle Patienten der Stadt, ja selbst die gesunden beeifern sich die neuen Bäder hier zu benutzen die wirklich durch Reils unermüdliche Thätigkeit in Aufnahme zu kommen scheinen. Ich kann Ihnen nicht sagen was der Rienäcker für ein herrlicher Mensch ist es ist ein rechtes Glück für mich daß ich ihn habe und ich freue mich auf die nahe Zeit wo ich mit ihm und Dohlhof in so enger Amtsverbindung sein werde . Bald hätte ich vergessen Sie zu fragen ob die Stelle eines Professors anatomiae in Königsberg schon besetzt ist oder nicht, Meckel wünschte es zu wissen, doch dies bei der veränderlichen Laune des Mannes ganz unter uns. Ferner sagte mir mein Küster eine Frau bei welcher ein Student Nahmens Leopold gewohnt habe ihr gesagt dieser Student sei ihr 8 r. schuldig geblieben bei seinem Abgange anno 6. Diese Schuld hätten Sie übernommen und dafür die Bücher des Studenten an sich genommen. Was wissen Sie davon? Es ist möglich ja beinahe wahrscheinlich daß Harscher wieder nach Halle komme er hat sich neulich bei mir über den Zustand der hiesigen medizinischen Anstalten erkundigt. Nun leben Sie herzlich wohl theurer Freund, und lassen Sie Ihre Besuche nicht gar zu selten sein. Empfehlen Sie mich Ihrer lieben Frau und sagen Sie Nanny ich dankte ihr herzlich für ihren freundlichen Gruß.

Blanc

Zitierhinweis

3287: Von Ludwig Gottfried Blanc. Halle, Sonnabend, 1.7.1809. In: schleiermacher digital / Briefe, hg. v. Simon Gerber und Sarah Schmidt. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://schleiermacher-digital.de/v/fsb_0003287 [Druck: KGA V/10, Berlin 2015]