Cassel den 21ten Nov.

  Ich habe mir den heutigen Tag dazu ausersehn, bester Schleiermacher, Ihnen zu schreiben und für den lieben, lieben Brief zudanken, der mir eine so schöne Zukunft für Sie eröffnet. Seyn Sie tausendfach gesegnet daß Sie mich so bald an dieser Freude Theil nehmen liessen die wohl niemand mehr beherzigen kann als ich; die seit wir uns kennen garkeine schönre Empfindung kannte als wenn ich Sie glücklich und sich freuen sah. Ich habe nicht aufhören können daran zudenken bis ich mir Ihren neuen Lebens Plan mit allen kleinen Umständen ganz fertig ausgearbeitet hatte, der nun gar hell und freundlich vor mir liegt. Ich möchte Ihnen noch viel darüber sagen aber Sie haben so schön gesorgt daß einem gar nichts zu wünschen übrig bleibt. Ich bin in Ihrem häuslichen Kreise schon ganz einheimisch, sehe mich geliebt von der theuren Frau welche Sie Gattin nennen, und spiele mit den Kindern. Leztere gestehe ich sind mir bey meinem arrangement ganz besonders zustatten gekommen, und ich kann Sie nicht genug dafür loben. Unbeschreiblich verlangt mich nun mehr zuhören von all diesen geliebten Gegenständen, und nicht wenig bilde ich mir auf die Verwandtschaft ein, daran haben Sie vieleicht | 22v noch nicht einmahl gedacht. Was meynen Sie lieber Schleiermacher wenn Sie bey der Herz ein Wort für mich einlegten? ich wage kaum Sie zubitten mir zuschreiben da ich so wenig von dem Genuß zurück geben kan den ihre Briefe mir gewähren. Aber grüßen Sie sie ja recht innig; ich denke mir die liebe Frau heute beschäftigt Ihnen ein kleines Fest zubereiten; wo sind die Zeiten hin wie mir dies Glück vergönnt war. Mit besondrer Rührung werde ich ewig des Geburtstags gedenken den wir so froh auf Ihrem Sälchen feyerten; es war dies eigentlich der Tag meiner Bekantschaft mit Ihnen. Meine durch all zu große Schmerzen abgestumpften Sinne, hatten bisdahin mich von jedem Versuch Ihnen näher zukommen, von jedem Anspruch an Ihre Theilnahme die bald so wohlthätig auf mich wirken sollte abgehalten. Wie sehr stach dagegen der Geburtstag des folgenden Jahres ab, den wir so traurig in Berlin zubrachten; u nd doch, was gäbe ich nicht jetzt für eine frohe Stunde bey der Herz als ich da zwey mit ihr war. Sie glauben garnicht lieber Schleiermacher wie herzlich schlecht es uns in dieser Hinsicht hier geht. Wir sind nun fast sieben Monathe hier und haben noch nicht eine liebe Bekantschaft. Das Äussere | 23 von Cassel kann einen schon kurze Zeit bestechen und ich werde die beyden ersten Monathe unsres Auffenthalts, die wir ganz im Genuß der Natur und der Musick, der lang entbehrten verlebten, nie vergessen. Doch je näher wir mit dem Innern bekannt werden je fremder fühlen wir uns. Ein so gänzlicher Mangel an Bildung jeder Art, ist mir an keinem Orte vorgekommen und ich mache hier zum ersten Mahl die Erfahrung daß selbst das Herz verderbt wird in den Menschen[,] die besseren Empfindungen als Theilnahme, Geistfreyheit, Diensteiffer, Sinn für Kunst und Wissenschaften will ich garnicht einmahl nennen, unbekannt bleiben; denn nie habe ich Neid und Mistrauen und was alles dahin gehört, bey Menschen die übrigens ganz harmlos scheinen, in so hohem Grade gefunden als hier. – Bis vorm Jahr ist hier kein Buchhändler gewesen der etwas andres als Gesang Bücher zu verkauffen gehabt hätte. Nun sollte man wenigstens glauben daß die Leute als einzigen Ersaz die Pflichten der Religion eiffrig übten, aber keineswegs; ich habe nie weniger Andacht in den Kirchen gefunden als hier auch ist die ganz abscheuliche Gewohnheit daß alle Häuser die zuvermiethen, | 23v Sachen die zuverkauffen sind, unmittelbar nach der Predigt von der Kanzel abges... werden. Ich gehe auch nicht mehr hin es ist mir zuwiederlich auch haben wir nicht einen einzigen guten Prediger. Meine Erwartungen von der Heiligkeit des Chatolischen Gottesdienstes sind auch gewaltig getäuscht worden o! mein lieber wie ist es möglich daß ein so äusserliches Treiben das Herz erheben kann. Ich danke Ihnen jetzt inniger als je für den Seegen den Sie mir mit Ihren Predigten gegeben haben, die mich, nach einem Choral von den reinen, sanften Stimmen meiner Schwestern gesungen, recht das innerste Herz erfreuen und mich erquicken, wie den Wanderer in der Wüste ein frischer Trunk erquickt. Auch nicht eine gute Schule giebt es hier was mich für unsern Fritz der nun 6 Jahr alt ist recht besorgt macht. Er ist bis jetzt unverdorben, liest mir fleißig vor, weiß eine große Anzahl guter Lieder auswendig und fängt an sehr hübsch zuschreiben so lange ist es so gegangen, nun wird ernstlicher Unterricht immer nothwendiger und ich fürchte sehr für die nächsten Jahre da die Mutter sich nie entschliessen wird ihn von sich zugeben und hier so garnicht der Ort, und Vater nicht der Man ist ihn etwas strenger und auffmerksamer zuerziehn als bis jetzt | 24 nöthig war. Auch wird Vater ewig Monathweise abwesend sein so wie auch in diesem Augenblick er auf dem Wege nach Prag und Wien ist, wo er den Auftrag hat einige Sänger für die Italiänische Opera buffa, die man mit der deutschen Oper zuverbinden denkt zu engagieren, und wir werden ihn erst Weinachten wiedersehn. Sie sind sehr gut sich noch für mein Talent zu interessieren was hier ganz in Vergessenheit komt ich bin, aber erst seit wenig Wochen, so glücklich wieder etwas componieren zukönnen da hat denn auch Novalis ’ „ Lobt doch unsre stillen Feste [“] , endlich seine Melodie erhalten und ich habe recht schmerzlich dabey gefühlt daß niemand mehr da ist dem ich vorsingen kann. Arnim schreibt mir daß er nach Berlin zurückgeht und uns vorher hier besuchen wird, dann denke ich Aufträge wegen der Lieder bey Werkmeister mitzugeben, die mir der Mensch ohne allen Grund verweigert zurück zugeben und dann doch noch mit dem Druck nicht Ernst macht. Mit den Götheschen Liedern die Vater schon im frühsten Frühjahr dem Buchhändler übergeben scheint es nicht besser zugehn. Hier wird er auch kein Glück damit machen denn was Göthe ist weiß hier kein Mensch. Unter | 24v allen Frauen die ich hier kennengelernt ist nur eine die den Göthe gelesen hat, sie ist erst seit kurzem hier. Diese sagt mir dafür aber auch jedesmahl daß wir zusammen sind daß sie durchaus ganz unmusikalisch sey. Bey Ihrem Nahmen, den ich anfangs aus lieber Gewohnheit öfter nannt, bin ich mehrmahl gefragt worden „ist das ein guter Prediger?[“], oder „was ist das?[“] bis ich mich nach und nach darin gefunden nichts mehr über die Lippen zubringen was mir so heilig ist.

 Ihres Wiedersehns mit Steffens habe ich mich in meiner Entfernung auch innigst gefreut, Steffens ist wirklich äusserst brav;  Gott möge ihn dafür belohnen und ihn einst wieder mit Ihnen vereinen. Seyen Sie tausend Mahl gegrüst mein bester Freund, noch vielen innigen Dank für Ihr Vertrauen, es kann an Ihrem Glück niemand innigern Antheil nehmen als ich. Bleiben Sie mir stets freundlich.

Louise

Entschuldigen Sie mein unleserliches Schreiben es ist diesen Abend sehr schlecht mit den Materialien dazu bestellt aber es sollte einmahl geschrieben sein. Noch viele Grüße an Nanny und noch mehr von Sophie für Sie selbst.

Zitierhinweis

2934: Von Luise Reichardt. Kassel, Montag, 21. 11. 1808. In: schleiermacher digital / Briefe, hg. v. Simon Gerber und Sarah Schmidt. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://schleiermacher-digital.de/v/fsb_0002934 [Druck: KGA V/10, Berlin 2015]