Sonntag d 20t. Nov. 8

An Jettchen No 23.

Unmöglich kann ich doch den Brief an Jette abschikken ohne Dich mein süßes Herz wenigstens mit ein Paar Worten zu grüßen. Denn in Poseriz mußt du doch nun wieder sein. Aber höre Töchterchen vergißt Du auch deinen alten Vater nicht über der Wittowschen Freundin ? Denke Morgen sind es vierzehn Tage seit ich nichts von Dir gehört habe. Nun nun glaube nur ja nicht daß ich im Ernst schelten wollte, oder gar daß ich irgend besorgt wäre. Ich nehme das meiste auf die fatalen Posten, und dann kann ich mir auch recht gut denken wie du beim besten Willen doch nicht viel zum Schreiben kommst auf Wittow. Unbequem ist es aber doch eine Braut auf Rügen zu haben! und im Winter kann es noch weit ärger werden wenn erst die Passage zwischen euch und dem festen Lande gehemmt ist.  Dann kann es mich doch bisweilen recht verdrießen daß ich nicht etwa ein Bild oder einen Schattenriß von Dir habe – wiewol ich gar nicht einmal wissen würde ob der lezte recht ähnlich wäre denn ich habe Dich nie eben viel von der Seite angesehn und könnte mir auch alles nicht viel helfen ohne Dein Auge. Wie haben wir seligen Menschen doch gar nicht daran gedacht daß uns so etwas lieb sein würde! Oder hast Du gar nichts dergleichen?  Uebrigens sehe ich unsere Verbindung jezt bald an allen Straßenekken angeschlagen, denn hier ist sie über Königsberg an ein Paar Frauen gekommen von denen ich nicht weiß wie verschwiegen sie sind und in Anklam hat es Lotte Schwarz an Gassens Schwiegereltern erzählt. Da ist nun gewiß kein Halten mehr.  Es schadet durchaus gar nichts aber ich gefiel mir sehr in dieser Stille und halben Heimlichkeit. Es war mir ordentlich bedeutend daß die Leute nichts von dem wußten was sie doch in ihrem Leben nicht | 52v verstehen können. Nein die rechte Liebe und das rechte Leben verstehn sie leider gar nicht, und wer weiß ob sie nicht in ihrer Unwissenheit noch sagen werden, wir wären doch nicht recht glüklich miteinander. Und besonders werden wir ihnen gar nicht zärtlich vorkommen denn das wollen wir doch immer recht ins geheim sein daß es nur die Leute im Dorfe sehn aber sonst niemand. 

Wie vollkommen oder unvollkommen das Verhältnis zwischen Lotte und Jette war  über den ursprünglichen Text geschriebenist habe ich schon in Götemiz ganz genau gesehen und gebe Dir in allem ganz Recht was du darüber sagst.   Die Sache ist aber die daß ihre Naturen nicht recht ineinander greifen. Aber doch hat Jette (die mir auch eben darüber geschrieben hat) Recht zu sagen wenn sie auch alles so gewußt hätte wäre sie doch nach Götemiz gegangen.  Sie würden auch genauer in einander greifen wenn sie sich erst recht lange in  über den ursprünglichen Text geschriebenan einander gewöhnt hätten, nun aber bleiben sie dazu nicht lange genug beisammen. Lottens g  über den ursprünglichen Text geschriebenrechtes inneres Wesen taucht oft ganz unter und verbirgt sich in Stille und Unthätigkeit und die Augenblikke wo sie sich recht mittheilt sind für Jette zu selten. Eben so verbirgt sich nicht selten Jettens ineres Wesen für Lotten hinter ihre leichte Munterkeit hinter ihr freies Verkehr mit allen Menschen denn dies ist was Lotte am wenigsten recht versteht. Indeß dies muß man gehen lassen es ist doch für beide sehr gut und schön daß sie so zusammen sind. Daß Lotte es für ihr ganzes Leben nicht ganz so nuzt kommt daher weil sie eine gewisse Scheu hat zu handeln in ihrem Hause anders als im ganz gewöhnlichen Gang um nicht anzustoßen damit und zwar auf eine solche Art daß sie Jette mit hinein verwikkelt. Jette wird Dir sagen daß ich ihr sehr zugeredet habe recht zu überlegen ob sie nicht lieber noch vor Winter hieher zurük kommen sollte; allein das meine ich rein um ihrer Gesundheit willen, nicht liegt irgend eine veränderte oder falsch aufgefaßte Vorstellung von ihrem Verhältnis zu Lotte dabei zum Grunde, auch kein Eigennuz, und in diesem Sinne überlege Du es auch doch auch mit und zieht Lotte selbst mit in den Rath.

Da ist nun mein Blättchen zu Ende und meine Zeit auch. Aber wenn ich auch drei Bogen schriebe, satt stände ich doch nicht auf. Nun möchte ich mich noch hinsezen zu Dir und rechte Zärtlichkeiten treiben aber ganz stille stille damit der kleine Schelm Henriette es nicht sieht und nachmachte. Aber sage mir doch wie lange läßt Du sie noch den langen unausstehlichen Namen Schleiermacher sagen? willst Du sie noch nichts vom Väterchen lehren? Bist Du noch eifersüchtig auf deinen Titel als Töchterchen und willst ihn ihr nicht abtreten? Herze mir nur die süßen Kinder recht inbrünstig und sage Jettchen dem kleinsten, wenn sie lehren wolle müsse sie sich auch recht der Deutlichkeit im Vortragen befleißigen und Friede soll ja wenn er aufmerksam gewesen ist dann gehörigen Lärm vorführen und es sich tüchtig schmekken lassen. Grüße mir Sophie aufs herzlichste und ob ich denn nie ein Wörtchen von ihr hörte.

Ernst

Hast Du etwa von Wolfs Antwort bekommen? ich nicht.

Zitierhinweis

2931: An Henriette von Willich. Berlin, Montag, 21. 11. 1808. In: schleiermacher digital / Briefe, hg. v. Simon Gerber und Sarah Schmidt. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://schleiermacher-digital.de/v/fsb_0002931 [Druck: KGA V/10, Berlin 2015]