Sonntag d. 13t. Nov. 8.

No 21.

Liebste Jette nuher ein Paar Worte heute. Gestern habe ich eine Trauung gehabt. Ein alter Freund der vor vier Jahren eine liebe Frau verlor die ihm drei kleine Kinder zurükließ hat wieder geheirathet. . Ich habe gewiß recht von Herzen und wol auch recht gut das Lob der Ehe gesprochen und hernach den Leuten die da wünschten daß nur viele Ehelose meine Rede gehört hätten im Scherz gesagt sie müßten sich nach meinen Worten richten und nicht nach meinen Werken. Aber was für herrliche Werke hatte ich in Gedanken und zwei Freunde waren da die darum wußten. Spalding und der Bräutigam selbst. Aber so schön wie unsere Ehe ist diese nicht. Sie ist mehr durch das väterliche Bedürfniß entstanden und ehe dieses durch äußere Umstände dringend ward hatten sich beide kaum gekant. Aber es sind gute liebe Menschen und sie werden sich hübsch zusammen einleben. Doch wie gern hätte ich ihnen diesen höheren Grad von Glükseligkeit gegönnt so weit sie dessen empfänglich sind. Liebste Jette es ist ein seltenes Glükk was uns wird und mit immer neuer Demuth nehme ich es aus des höchsten Hand aber geniessen muß wollen wir es auch recht köstlich. So sagte ich zu meinem Freund. Nun wollen wir auch noch recht frisch ein tüchtiges Ende in die Welt hinein leben wakker und fröhlich.  Ich wollte ich hätte die Traurede aufschreiben können – wiewol für uns wäre sie doch nicht gut genug gewesen.   Ist es dir denn auch recht daß ich Willich gleichsam schon gebeten uns zu trauen? Ja wenn es möglich wäre daß Herrmann es thun könnte wäre mir das wol noch lieber gewesen und dir auch. Das geht aber wol schwerlich und so ist es immer das schönste was | 49v uns werden kann.    Sage mir nur dünkt es dich immer so nahe bis dahin und mich immer noch so lang? bist Du nicht auch manchmal ein wenig ungeduldig?  ich sehr oft aber immer auf eine lustige Art und so daß ich mich selbst zum Besten habe. Nanny könnte Dir komisches genug davon erzählen. Aber sehnen kann ich mich dann auch recht innig und das ist gar nicht komisch aber auch nicht ungeduldig. Heute habe ich gepredigt im Dom mit großem Feuer und so daß ich einmal zufrieden mit mir war was nicht immer der Fall ist. Höre Kind wenn Du erst hier bist sollst Du nicht immer zu mir in die Kirche gehn sondern auch zu andern; ich kann dir ziemlich immer vorhersagen ob Du mehr oder weniger bei mir versäumst. Wenn Du aber zu mir gehst mußt Du mir immer irgend ein Wort über die Predigt sagen was Dir dran gefallen hat oder nicht oder was dir als etwas besonderes aufgefallen ist das mag ich gar zu gern. Wenn ich gar nichts höre glaube ich gar zu leicht daß ich unerträglich schlecht gepredigt habe. Doch das werde ich dann gewiß nicht mehr Du wirst mich immer auf irgend eine Art besonders begeistern, und das wahre Leben wird auch noch lebendigere Reden hervor bringen. Nach der Kirche bin ich bei den jungen Leuten gewesen da war es aber zu voll um hübsch zu sein. Dann bei einem Bekannten (für Jette schreibe ich den Namen hin Schmalz ) der von Gensd'armen bewacht ist, es hat aber nichts zu sagen. Dabei fällt mir ein daß ich hinter die Geschichte von dem kleinen Zettelchen gekommen bin die sehr lustig und tröstlich ist. Nun ich zu Hause komme ist es sehr spät geworden und zum Ueberfluß ist ein liebes Mädchen bei Nanny die mir hier zusammen vorplaudern.   Ich wollt noch an die große Jette schreiben und an die liebe herrliche Israel ;  aber es ist nicht mehr möglich. Grüße mir doch alles aufs herzlichste.  Nun sage mir nur auch ich habe Dir alle Posttage geschrieben aber ich fürchte Du bekommst immer zwei Briefe zusammen. Suche doch nun mir aus zu mitteln welches der wahre Posttag ist an dem ich schreiben muß ob Dienstag oder Sonnabend  über den ursprünglichen Text geschriebenSonntag .  Morgen hoffe ich auf einen Brief. Lebe wol liebe süße herzlich umarmt, sehnsuchtsvoll an meine Brust geschlossen küsse mir unsere Kinder und grüße alles um dich her. Was sagst du mir zu dem Hause? das währt noch eine Ewigkeit ehe ich es erfahre. Ernst

Zitierhinweis

2919: An Henriette von Willich. Berlin, Sonntag, 13. 11. 1808. In: schleiermacher digital / Briefe, hg. v. Simon Gerber und Sarah Schmidt. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://schleiermacher-digital.de/v/fsb_0002919 [Druck: KGA V/10, Berlin 2015]