Sagard den 3t Novemb. 8.

No. 15.

Vor ein paar Stunden hat mir die Willich Deinen Brief vom 22 October von Götemitz mitgebracht; sie war auf eine Nacht dort hin gewiß um ihren Mann abzuhohlen der lange in Stralsund in Geschäften war.    Willich hat sich sehr über die Einlage an ihn gefreut.    Die Bitte ums Schreiben die Du wohl erwartet hast, komt noch.     Es wäre mir sehr lieb wenn Du ein paar Worte an Tante Willich in Stralsund schriebest, sie liebte Ehrenfried sehr und fühlt sich großen Antheil an den Kindern , es wird sie sehr erquicken und Du kannst es dadurch völlig gut machen wenn du sie vielleicht ein bischen bei deinem Hiersein versäumt hast.   Dann auch an Schlichtkrull dem ich so vielen Dank schuldig bin und der der Kinder Mit-Vormund ist.   Ob du an Kathen schreiben willst das überlasse ich dir ganz – thue wie es dir ist.   – Du ungerechter Mann daß Du mich schelten willst wo ich es gar nicht verdiene. Wußte ich denn vorher wie sich meine Reise machen würde? Habe ich Wagen und Pferde zu commandiren? das muß sich ja alles nach der Güte und Bequemlichkeit Andrer richten. So kann ich Dir auch heute nur das aller Nächste sagen, nehmlich das Louise , Mariane , Hane und ich morgen nach Wieck reisen; und weiter gar nichts, ich weiß nicht wann und wie ich zurückkomme, es können vielleicht 8 vielleicht 14 Tage darauf gehen. Uebrigens glaube ich daß mir diesmahl recht wohl in Wieck sein wird.   Philippine ist dort, die Mißverhältnisse sollen sich gelöset haben und Theodor ist mir doch immer recht werth | 51v er wird es Dir auch noch werden, ich prophezeie es vorher, er war grade in der unglücklichsten Stimmung und Lage als du ihn sahest, und man kennt ihn wohl nicht sogleich.  

Sein durchaus religiöser Sinn hat mich immer zu ihm hingezogen, und nun Philippinens Mann, die ich wirklich sehr liebe – dadurch kommt er mir viel näher –

So habe ich mich enthalten können so viel schon geschrieben und noch kein liebes Wort Dir zugerufen, noch keinen herzlichen Kuß auf Deine Lippen gedrückt –  süßer Ernst Du kannst doch ganz einzig hold küssen, so zart und doch so innig innig – Du hast einen gar zu lieben Mund.  

Himmel! wenn je ein Mensch meine Briefe läse wo sollte ich bleiben vor Schamröthe daß ich Dir das alles so schreibe – aber es ist mir ganz einzig mit Dir, ich könnte mit Dir über alles alles reden, Du bist mir gar nicht wie ein Mann sondern wie eine zarte reine Jungfrau, so unschuldig wie ein Kind, und das giebt mir ein so köstliches Gefühl. – Mein Herzensmann wie habe ich Dich doch ganz außerordentlich lieb!

Wie herrlich ist es daß Du in einer so großen Thätigkeit lebst und dich Kraft fühlst noch wieder etwas Neues anzugreifen – O Ernst wie süß ist  korr. aus: daßdas von Dir daß ich an Allem soll Theil haben – o Gott ja Du hebst mich unaussprechlich! könte ich Dir nur sagen wie ich fühle daß alles Gute in mir von Dir in mich einströmt.        Welch ein Leben | 52 in mir aufgehet wenn ich einen Brief von Dir habe das ist nicht auszudrücken. Ich war gerade etwas trübe diese lezten Tage gewesen, es war wieder Unzufriedenheit mit mir selbst; mich dünkte ich war so kalt und dumpf eine Zeitlang hingegangen, ohne recht lebendig Ehrenfrieds Andenken in mir gehegt, ohne mich recht andächtig gesamlet zu haben; mich beunruhigte der Gedanke daß Du mich besser glaubest als ich bin und was so mehr der trüben Gedanken waren. Sobald ich aber Deinen Brief gelesen, waren alle Nebel zerstreut und hell und klar wurde es in meiner Seele. Du sagst mir auch gar zu viel Liebes süßes! So sehr gerne höre ich auch von Deinen Arbeiten und kann mich in Alles lebhaft hinein denken.

Mich schwindelt oft wenn ich an alles Große und Schöne des künftigen Lebens denke. Wenn es mich gleich ausnehmend freut daß Du so gar nicht eitel und stolz bist auf das was Du bist, so bin ich es nebenher doch recht ordentlich und erlaube mir gar kein geringes Ergötzen darüber daß ich die Frau eines berühmten Mannes werde. Wäre nur nicht dabei die sehr störende Furcht daß ich mich doch als solche sehr schlecht ausnehmen werde. Nanny giebt freilich schon guten Rath ich solle mich auf vornehme Mienen üben – die Gottlose findet das wohl sehr nöthig.

Bester Ernst sage mir doch ein Wort ob der bewußte Plan ganz aufgegeben ist oder nicht. | 52v Ja süßer Ernst wenn mein Zimmer neben deinem sein könnte das wäre herrlich. Ich will auch immer recht leise dann kommen und ohne Dich weiter zu stören Dir über die Schultern sehen was Du schreibst, und nur manchmal die Hand küssen mit der Du nicht schreibst – so daß es Dich nicht unterbrechen darf. Wann gehst Du aber einmahl nach dem Kanonierhause und sagst mir wie es Dir gefällt? der kleine Garten ist mir außerordentlich lieb besonders für die Kinder . Ist es denn nun schon ganz gewiß daß in Berlin Universität wird und wir das Kanonierhaus für eine kleine Ewigkeit beziehen? Hier ist Alles sehr froh über Berlin. Mich reizt die schöne Königstadt doch auch gewaltig[.] Wie mir ist wenn ich an die herrlichen Concerte die Opern denke und was mehr so ist!   Jette meinte neulich meine Stimme sei ganz leidlich es verlohne sich immer mich ordentlich zu üben und vielleicht könne ich mit in die Singacademie aufgenommen werden – darüber war ich nun etwas außer mir. Musik wirkt ganz unaussprechlich auf mich und ist für meine Natur ganz besonders wohlthuend.  Mein Ernst mit dem Höchsten, mit Dir selbst, wie viel Schönes giebst Du mir noch außerdem. – Ja in der Laube war ich wohl, aber leider setzen konnte ich mich nicht denn es war die liebe Bank schon lange fortgenommen. Geängstigt habe ich Dich? Du lieber Mann ich konnte doch nicht anders als annehmen Du wollest mich bloß als Töchterchen bei Dir haben, übrigens habe ich Dir schon gesagt daß ich unserer völligen Liebe noch nicht ganz gewiß war | 53 und also auch so glücklich noch nicht sein konnte als ich es jezt bin, aber doch war mir sehr wohl und die ganze Ahndung was es künftig zwischen uns werden würde lag schon in mir.         Unsere Kinderchens sind wohl und wissen Beide recht gut von Dir, manches Küßchen wird von den kleinen Lippen in die Luft hinein Dir zugeworfen. Der Junge gewinnt jezt alle Herzen, er ist gar zu zärtlich und schmeichelnd.

In Götemitz ist Alles wohl und mit den neuen Hausgenossen sind sie zufrieden – aber Jette schreibt Dir gewiß von dort umständlich. Ach hätte unsere liebe arme Lotte nur die schwere Stunde erst überstanden.– Die kleinen Mädchen hier habe ich so erfreut daß sie ganz rothe Bakken kriegten indem ich ihnen einen eignen Gruß von Dir brachte. Henriette befindet sich hier eigentlich vortreflich unter den Kindern.

Nun muß ich auch wohl zu Bette, ich fing nur an zu schreiben als die Andern sich niederlegten, denn Morgen ist keine Zeit mehr. Wie ich heute heiter einschlafen werde, gestern war es gar nicht so!  Könnte ich nur immer recht weinen wenn ich mich gedrückt fühle aber wie selten kommt es mir so daß mir die Thränen recht frei strömen – und doch kann ich mich so unendlich darnach sehnen.  korr. aus: DasDaß sich mir die Augen feuchten das kömt mir wohl öfter, aber ein rechtes Ausweinen kann bei mir nur mit einem eigenen seltnen | 53v Zustand verbunden sein, denn es komt mir nicht leicht ein Weinen ohne religiöse Empfindung, und nur wenn ich ganz in solcher aufgelöset wäre könnten meine Thränen sich ganz frei ergießen.  Ich habe wohl solche Augenblicke gehabt, besonders bald nach Ehrenfrieds Tode, doch auch nur wenn ich mich danach sehnte, darnach strebte – nun lange nicht.        Ernst wie unendlich störend ist mir dies nicht weinen müssen bei innrer Bewegung an mir selbst gewesen und eigentlich der ganze Grund warum ich mich für kälter und gefühlloser gehalten als Andre um mich her. Ist es Dir denn nicht sehr störend?        Heute Morgen hatte ich einige schöne Momente, ich stand auf eben mit der Reue und dem Schmerz daß ich nicht mehr so zu Ehrenfried und zu Gott bete und da ward es allmählich immer heller in mir und ich fühlte mir Gott wieder nahe –

Mein theurer geliebter Ernst an Deiner Brust werde ich mich immer rein und gut fühlen.

Schlafe sanft aller Seegen Gottes über Dich Du theure Seele –



Der Koffer ist gepackt ich denke ich kann noch immer ein Weilchen mit Dir plaudern, wer weiß ich wann ich wieder dazu komme. In Wieck hoffen wir mit Schlichtkrulls zusammen zu treffen die schon lange dahin wollten. | 54 Hier habe ich viel mit Malchen Hane gelebt, sie ist ein sehr liebenswürdiges Wesen, ihr bitter Leben ist wahrlich recht bedeutend und recht schön. Dann bin ich auch viel mit Marianen gewesen, ich kann mit der noch freier über vieles auswechseln als mit Sophien obgleich diese mir nicht weniger lieb ist – sie ist gar schätzenswerth in ihrem stillen Wirken und ihrer Verständigkeit; wo ich in äußern Dingen Rath haben will ist mir immer Marianne die weiseste der ich vertraue, sie ist auch gegen mich gar zu mütterlich gestimmt. Louise trägt mir sehr viel herzliches für Dich auf – ach Ernst könnte ich doch was für sie thun um ihr Leben in Zukunft erträglicher zu machen, ordentlich drücken kann es mich daß ich so glücklich werde und sie so verlassen zurüklasse. Warum macht sie sich ihr Leben doch auch nicht reicher da es ihr doch nicht Fähigkeit fehlen kann – warum ergreift sie nicht irgend eine Kunst, eine Wissenschaft da sie so viel übrige Zeit haben könnte – ich weiß nicht ob ich mich darin täusche aber mich dünkt ich wollte ein sehr erträgliches Leben in der größten Abgeschiedenheit führen. Es ist heut ein Hundswetter, der abscheulichste Sturm, die werden eine unangenehme Reise haben.

Aber ich muß aufhören mein Lieber vergiß mir auch nicht das historische Buch, ich habe mit Hane gelesen etwas von des Anacharsis Reise in Griechenland | 54v welch ein unbeschreiblicher Genuß in die Vorwelt zu blicken! mit ordentlicher Gier hasche ich nach allem was mir sie erhalten kann –  Sage mir auch immer recht ordentlich was Du treibst mein süßer Ernst  und grüße Nanny herzlich.        Ach bleib mir auch immer so gut wie jezt – ganz Deine Jette.

Ich habe doch wohl von Allen sehr herzlich gegrüßt.

Zitierhinweis

2907: Von Henriette von Willich. Sagard, Donnerstag, 3. 11. 1808. In: schleiermacher digital / Briefe, hg. v. Simon Gerber und Sarah Schmidt. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://schleiermacher-digital.de/v/fsb_0002907 [Druck: KGA V/10, Berlin 2015]