An Lotte Kathen. [Autorfußnote Bl. 34v]

Berl. d 20t. Oct. 8

Liebste Lotte so wie Sie mein Leben, das künftige schöne, ganz erkennen ohne daß die Entfernung Sie hindert so glaube ich auch das Ihrige richtig anzuschauen ohne daß die Ungleichheiten die darin sind mich stören. Ich habe recht aufgefaßt wie das aus Ihrem Wesen und aus Ihrer Lage unmittelbar hervorgeht, und stimme Ihnen allerdings bei daß das Uebel sich mildern läßt aber nicht vertilgen. Aber eben deswegen liebe Lotte, ich darf es Ihnen sagen ohne daß Sie mich mißverstehen, habe ich niemals, so sehr ich auch Ihre schmerzlichen Empfindungen mitfühle, bei mir selbst gedacht „die arme Lotte“ ausgenomen in Beziehung auf dasjenige was sich wirklich abstellen ließ, und was Sie nun auch größtentheils werden beseitiget haben da Sie glüklicherweise das wirthschaftliche Detail in andre Hände gegeben haben. Dazu wünsche ich Ihnen recht ernstlich Glükk; möchte nur Ihre Wahl recht vortreflich gewesen sein und der Zwekk vollständig erreicht werden. Unsere Jette die mich sonst recht gut bekannt damit macht wie es in Götemiz hergeht, hat mir noch nichts darüber geschrieben. Rechnen wir dies und ähnliches ab liebe Freundin so sind [Sie] mir mit allem ihrem Weh, es bleibt freilich noch genug übrig nur eine neue Bestätigung dessen was ich ganz im Allgemeinen ursprünglich angeschaut habe und so oft im Einzelnen wieder finde, daß das Schiksal eines jeden Menschen im Großen angesehn in unmittelbar harmonischer Beziehung ist mit seinem innern eigenthümlichen Wesen, und so machte ich auch bei Ihnen nichts anderes. Für Alle die fähig sind  korr. aus: sieSie zu kennen entfaltet sich Ihre ganze Natur gewiß in Ihrer Lage am herrlichsten, und ich kann mir z.B. recht gut denken daß unter ganz veränderten Umständen ich Sie vielleicht nicht so rein und recht würde erkannt haben wie jezt. Nur lassen Sie ja nicht ab Geduld zu haben vorzüglich mit sich selbst, und | 34v fangen Sie besonders jezt die Vorsicht sich zu schonen immer von so weitem an als möglich ist.

Von mir weiß ich Ihnen nichts zu sagen als daß ich lauter Glük und Freude bin. Ich fühle es mit jedem Tage mehr was mir herrliches geworden ist und bevorsteht, und bin auch was alles äußere betrift von einer Zuversicht der nichts gleich kommt. Ich habe nie geklagt, ich fand mein Leben nachdem ich den ersten Schmerz verwunden hatte, dank Euch Lieben Allen sehr reich; aber was ist doch das Alles gegen jezt? und wie vervielfältigt sich das schöne Glükk in der Freude die Alle die uns lieben daran haben. Nur wenn ich denke, was mußt Du nun alles thun, was kann von dir gefordert werden da dir über Erwarten und Verdienst so großes geworden ist, wird mir etwas bange. Aber auch nicht sehr denn ich fühle mich in der That auch so rasch und kräftig als noch nie und denke es muß nun alles was ich unternehme treflich gelingen.        Mein Gott es ist nun schon ein Vierteljahr her, und ein halbes geht noch drüber hin. Die Zeit scheint mir noch einmal so schnell zu fliegen in dieser neuen Lebensepoche, und ich kann mir denken daß wenn wir werden alt und grau sein Jettchen und ich wird uns sein als wären wenige Tage vergangen.

Liebe theure Schwester Sie sollen recht viel Freude haben an uns nicht nur wenn Gott soviel Heil und Segen über uns schüttet wie ich wirklich mit kräftigem Glauben erwarte, sondern auch wenn das Leben hie und da die dunkle Seite herauskehren sollte. Sorge und Schmerz gehören auch mit dazu. Habe ich nicht ganz eigentlich damit angefangen Jettchen Sorge zu machen? vergebliche freilich, aber es war ganz herrlich wie sie sich darin aussprach, und ich weiß nun schon, als wenn sie viel schweres mit mir durchgelebt hätte was ich an ihr haben werde unter allen Umständen. Doch das wußte ich auch vorher schon.         Sie ist jezt auf Jasmund , und diese kleine Reise macht für unsere Mittheilung fast so großen Unterschied als meine große nach Königsberg . Sie wird auch dort eine schöne Erndte halten an Freude über unsern Verein. – Sie haben nun Ihre großen Kinder gut versorgt liebe Freundin das ist herrlich. Treiben Sie um so ungetheilter Ihr Wesen mit den Kleinen. Sie sagen mir nichts von Gottlieb . Macht er Fortschritte haben Sie angefangen ihn regelmäßig zu beschäftigen? ich halte das für ganz ungemein nothwendig und kann es Ihnen gar nicht dringend genug machen. Grüßen Sie das ganze Haus recht herzlich von mir.

Schleier.

Zitierhinweis

2884: An Charlotte von Kathen. Berlin, Donnerstag, 20. 10. 1808. In: schleiermacher digital / Briefe, hg. v. Simon Gerber und Sarah Schmidt. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://schleiermacher-digital.de/v/fsb_0002884 [Druck: KGA V/10, Berlin 2015]