Berlin den 20ten October 1808.

 Die kleine Reise, wiewohl leider ohne die Frauen ausgeführt war doch recht hübsch. Wir wollten erst zu Fuß gehen Reimer und ich weil aber ein dritter, ein Herr von Lützow, ein Freund von Fritz Dohna ein gar herrlicher Mensch, der über Dessau in Geschäften weiterreiste sich zu uns gesellte, der Bagage bei sich hatte, die zu Fuß nicht fortzubringen war, so fuhren wir. Steffens und Blanc fanden wir schon in Dessau , und die Freude war, wie Du denken kannst gar groß. Steffens ist munter und frisch wie er lange nicht war, und so hat er auch Frau und Kinder zurück gelassen. Wir waren auch ganz die Alten zusammen und freuten uns der Aussicht auf ein künftiges Zusammenleben und alles dessen wodurch wir es im Nothfall herbeiführen helfen wollten. Einen ganzen Tag brachten wir, wiewohl im Regen doch sehr vergnügt in Wörlitz zu. Auf dem Wege erzählte ich Steffens von Jettchen ; Du kennst ihn und kannst Dir seine innige Freude denken. Er fand das auch das schönste was mir je hätte werden können, und meinte auch grade auf solche Art hätte es kommen müssen. Wir durchstreiften den Garten nach allen Seiten und ohnerachtet des Regens that uns doch nichts so leid als daß wir nicht alle die wir liebten zusammen hatten auf dem herrlichen Fleck. Lützow der Geschäfte beim Erbprinzen und sonst hatte konnte nicht immer bei uns sein aber er hat sich auch bis über die Ohren verliebt in Steffens zu meiner großen Freude. Zum Rückweg konnten wir keinen Wagen bekommen und ich wollte im schlechten Wetter nicht wagen ihn zu Fuß zu machen weil ich Sonntag früh zu predigen hatte und | 76v wir wenn alles recht glücklich ging erst Sonnabend ganz spät Abends hätten ankommen können. Wir mußten also Extrapost reisen auf offner Kalesche eine entsetzlich kalte Nacht hindurch. Von Potsdam gingen wir dann um uns zu erwärmen zu Fuß und kamen unerwartet einen halben Tag früher.   Die arme Nanny hatte sich so gefreut auf diese Reise, wo sie Hanne und Caroline wiederzusehen hoffte, nun war ihr das zu Wasser geworden, aber sie hat sich doch gar prächtig drein gefunden. Es freut mich recht daß sie so große Fortschritte in Deiner Liebe gemacht hat; sie entwickelt sich auch wirklich zusehends besser und schöner, und unstreitig würde ihr inneres Wesen nicht so herausgekommen sein in Plesse wie hier. Wir stehn auch gar vortrefflich zusammen aber besonders seit Rügen , was zu allem Guten und Schönen einen neuen Sprung gegeben hat, wird es alle Tage schöner. – Die Vollmacht des Briefaufbrechens mußte ich ihr ja in Beziehung auf die Deinigen besonders geben, da leicht Einlagen an sie und an Alexander darin sein konnten die ja früher ankamen wenn sie von hier aus bestellt wurden. Übrigens folgte ja gar daraus nicht daß sie die Briefe lesen sollte was sie auch nicht gethan hat und wie Du Dir das hast zusammendenken können sie könnte auch Deinen Brief an F. erbrochen haben begreife ich gar nicht. Empfindlich bin ich übrigens über Deine Schelte gar nicht gewesen, liebe einzige Jette, über gar keine, denn ich glaube ich habe schon drei Parthien bekommen. Wenn ich es je mündlich werde liegt das wohl nur darin daß es im Gespräch leichter einen unrechten Augenblick giebt die Stelle anzubringen, im Schreiben aber nicht, oder vielleicht auch eine gewisse Manier die in Briefen auch nicht vorkommen kann. Sage mir aber, meine einzige Alte ist es nicht auch Jettchens Werk und weil ich seitdem ganz besonders in Gnade bei Dir stehe daß Du meine Unausstehlichkeiten so sehr | 77 gering anschlägst? Hast Du auch das Grimmig böse Aussehn vergessen was ich manchmal habe, wie Ihr sagt? und den ökonomischen Leichtsinn, und manches andre?  Aber nun laß Dir auch eine Epistel lesen liebe Jette – Nemlich ganz wunderlich finde ich es daß Du es ein Unrechtthun nennst daß ich es sage Du sähest meine Schwachheiten besser als die andern. Die genauste Freundschaft soll ja und muß auch die genauste Kenntniß geben und der schönste Vorzug liegt ja darin daß der Freund den Freund mit seinen Fehlern liebt, andre ihn aber oft nur lieben weil sie sie nicht sehen. Wie wunderlich mir aber immer zu Muthe ist, liebe Jette, wenn Du mich groß nennst, das kann ich Dir gar nicht sagen. Du weißt daß ich die Bescheidenheit ordentlich hasse, und daß ich recht gut weiß was ungefähr an mir ist, aber groß, das wüßte ich wahrlich nicht wo es mir säße. Und mit dem Satze fällt denn auch die Folgerung weg daß ich mit dem Kleinern leicht könnte fertig werden, ich habe noch keinen Finger gerührt um besser zu werden in irgend einem Stück und bin darin der gemeinste und fast niederträchtigste Mensch den es geben kann; was so geschehen ist, ist mir ganz ohne mein Zuthun gekommen. –  Wegen Henriettens habe ich recht ernsthaft an Jettchen geschrieben sie müsse sie wieder zu dem Gefühl der mütterlichen Autorität und der kindlichen Abhängigkeit, welches den Kindern so natürlich ist zurückführen. Dieß ist eine gar wichtige Seite die man ja nicht vernachlässigen darf, und wenn auch für eine Zeitlang etwas von der wirklich unendlichen Liebenswürdigkeit des Kindes sollte verloren gehen was leicht sein könnte. Ob ich wohl Geschick haben werde Kinder zu erziehen? ich der ich mich selbst so gar nicht erziehe und nichts in mir machen kann? ich verlasse mich lediglich auf Gott und die Liebe was ja beides Eins ist . Ja wenn Gott seine Verheißung | 77v auch an mir erfüllt und zum Amte den Verstand giebt so sollen die Kinder recht die Freude unseres Lebens sein – diese und andre! Soll ich Dir sagen, liebe Jette daß ich noch gar nicht ganz von der wunderlichen Ahnung loskommen kann ich würde keine andern haben als diese? ich sage mir tausendmal daß diese Ahndung nur in der alten Gewöhnung von Eleonore her mich kinderlos zu denken ihren Grund hat ich lache mich hundertmal darüber aus aber ich kann sie nicht ganz los werden. Ein kleiner Schleiermacher, kannst Du Dir denn das recht denken? Wenn mir einmal die Vorstellung etwas lebhaft wird so werde ich ordentlich närrisch darüber vor Freude. Was machst Du dann aber für Spitzfindigkeiten und sagst daß Du dann außer dem Leben ständest? Du stehst ja recht mitten drin einzige Jette! wie willst Du doch unser Leben und Deins unterscheiden? und daran soll gar nicht gedacht werden daß Du zurückbleiben müßtest wenn ich Jette hole auch ohne Alexander der gewiß jetzt von seinen Eltern nichts nimmt und von seinem Gehalte wie alle dortigen Officianten starke Abzüge erleidet. Gesprochen habe ich nicht mit ihm darüber weil mir die Sache von selbst so klar ist. Sein Bruder ist hier durchgegangen ich habe ihn aber nur einen Augenblick und sie gar nicht gesehen weil er grade am Tage meiner Abreise nach Dessau kam. Von dem Werke welches Dich so interessirt kann ich Dir leider wenig sagen. Ich muß fürchten daß seine Erscheinung sich sehr verzögert und vielleicht in der Form in der es entworfen war nun gar nicht erfolgt. Du weißt wie es mit den Schriftstellern ist wenn die Noth sie nicht drängt so scheint es zu gehn. Politische Neuigkeiten weiß ich Dir nicht zu sagen als daß jetzt hier die bestimmtesten Anstalten zur Räumung gemacht werden, und Stegemann der hier ist sie als unausbleiblich bald erfolgend ansieht, und die Rückkunft | 78 des Hofes Anfangs December profezeihet. Ob damit zusammenhängt daß auch die Wittwenkasse wieder vollständig zahlen wird weiß ich nicht, ich wenigstens werde dann vom 1ten Januar an bezahlt. So wenig das nun auch sagen will so bin ich doch selbst unter diesen Umständen, die bei weitem nicht so günstig sind als die welche ich mir ohne die Räumung gedacht hatte ganz gewiß Jettchen im Frühjahr zu holen und mit dem neuen Amte zugleich, das nun allerdings in der Kanonierstraße seinen Anfang nimmt, auch das schöne Leben anzufangen. Vorlesungen und Plato müssen anfänglich das übrige thun und im Herbst kommt dann, hoffe ich, die Universität zustande.

Zitierhinweis

2883: An Henriette Herz. Berlin, Donnerstag, 20. 10. 1808. In: schleiermacher digital / Briefe, hg. v. Simon Gerber und Sarah Schmidt. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://schleiermacher-digital.de/v/fsb_0002883 [Druck: KGA V/10, Berlin 2015]