Dresden den 14n Octobri 1808.

Ganz anders als ich es gehofft hatte ist es mir hier ergangen, zumahl was die Lust & Tüchtigkeit zum Schreiben betrifft. Denn statt in der Nacht zu sizen wie ich erwartete, die artige Feder in der Hand, schreibe ich diese Zeilen als die ersten beynahe, welche ich meiner grenzenlosen Trägheit abgewinnen konnte & wenn ich mich recht befrage so erfahre ich, daß nur harte Rede & Drohungen die mein Gewissen gegen mich ausgestoßen eine solche Thathandlung von mir gewinnen konnten. Vielfache Gründe kann ich für meine Vertheidigung anführen, eine kleine Erzählung meines bisherigen Lebens wird selbige aber aufs vortrefflichste practisch(?) entwickeln. Sie erinnern sich noch der lezten Tage die wir in Berlin miteinander verbrachten, die mir sehr theuer & sehr unleidlich waren zu gleichen Zeit. Das erste weil mir recht deutlich die Überzeugung wurde daß ich nicht wegziehn würde ohne eine kleine Stelle in Ihrem Gedächtniß von mir erfüllt zu haben, lezteres weil eine unendliche Dumpfheit mir eine Aussicht in lange gestörte Tage eröffnete. Möge das erstere sich wie das leztere bewähren. Denn von meinen Einsteigen in den Wagen bis jezt erinnere ich mich keines Augenbliks in welchem ich recht ordentlich Ich gewesen wäre. Die Reise war | 1v glücklich und langweilig. Im Anfang ward andauernd bodenloser Sand, schneckenhaftes Fahren, & dann noch obenein Regen, einmahl auch schlafen auf schlechtem Streu ohne Abendbrod, & was solche Geschichten mehr sind. Ich hatte den Schnupfen, die Kurländer waren gutmüthig & bornirt, Varnhagen irdisch & etwas persönlich. In der Regel aber herrschte tiefer Friede unter uns der selbst durch heftiges Schnarchen nicht gestört wurde, welches etwa ein Glücklichen ausstieß dem der seelige Plaz im Grunde des Wagens zu Theil stand. In Dresden kamen wir Sontag Nachmittags an, bey ganz trübem Wetter & leisem Regen. Ich fühlte mich weder krank noch gesund, sondern in einer wunderlichen Art von Helldunkel der innern Stimmung, das mir immer getreu bleibt. Den Abend mußte zu Hause verbracht werden, so gut es gieng, treffliches Essen machte das Leben erträglich, die Schlafenszeit kam auch heran & am anderen Morgen wurden gleich die Besichtigungen aller Art begonnen. Zuerst wurde die Gallerie besehen & von dem Inspektor Pechwell(?) aufs unvernünftigste erklärt; wenn man aber erwägt daß dieser Esel öfters des Jahres als Tage drinnen sind, ohne nur die Gegenstände zu sehn (als Myops), horndumme Dinge über die schönsten Bilder vorbringt & immer mit genau denselben Worten so könnte man verrükt darüber werden, daß er es nicht selbst seit langem geworden ist. Um so mehr, | 2 da er in Miene & Art einzeln kurze Säze hinzuwerfen mit Wolf allgemein anerkannte Ähnlichkeit besizt. Nachdem ich seiner erläuternden Obhut entkommen war, ergözte ich mich, wie ein losgebundnes junges Pferd, meine eignen Sprünge auf der herrlichen Weide vorzunehmen. Warum mußte ich nun allein seyn, warum die süße Lust der Mittheilung entbehren, ich Armer, der ich nicht schreiben kann, sondern nur hören & ein wenig reden? Warum haben Sie nicht bey mir seyn wollen auf ein Bündniß in Kraft gedoppelten Sinnes & gedoppelter Überlegung die großen Gewalten zu bestehen die dem alleinen zu ungleichem Kampf drohten? Nun ist die Zeit aus & ich muß ausgezischt werden, weil ich keine ordentliche Beute aus dem Kreis trage. Auch Sie sollen büßen & Strafe leiden, da Sie nun schlechte Sachen lesen müßen; denn wären Sie bey mir gewesen so hätten Sie selbst gute reden können. Wie soll ich Ihnen aber den ersten Eindruck beschreiben, dem ich von den herrlichen Gemählden erlitten? Im Anfange schlich ich scheu an ihnen vorbey wie ein Wild, das sich aus dem Park in die Gemächer des Schloßes verirrt hat. Sie sahen mir spöttisch nach & schauten mich an wo ich gieng, als wollten  korr. aus: Siesie mir es absehen ob ich auch einer wäre von den Gaffern die in der Dummheit des Herzens Schaarenweise vorbeyziehn. Bald | 2v blickten sie milder und vertraulicher, meine beharrlichen Besuche & mein emsiges Treiben mochten sie erweicht haben. Jezt, da ich sie verlaßen soll, sind sie mit mir zur Sprache gekommen & wäre nur mein Sinn geübt daß er den rechten Grund & die wahre Deutung ihrer Laute verstünde, ich wäre so auf immer von allem Wehe geborgen. Aufbewahren werde ich alles was sie mir geklungen, bey dem heiligsten was ich besize, & zu seiner Zeit wird auch hier das Dunkle sich in Licht verkehren. Viel mehr weiß ich nicht zu sagen, denn wie lange muß man geschaut haben, wie treu alles einzeln aufgefaßt, wie fest es auf den ächten leuchtenden Punkt bezogen haben, wie gesund & frisch & Tugendhaft muß man bey alle diesem seyn um der besondern Erscheinung die wahre Überschrift zu geben; wie wenig von allen diesen Foderungen kann ich erfüllen, & dennoch sollen Sie noch einige meiner Gedanken hören, die ich nicht bey mir behalten mag, wenn sie gleich weder neu noch reif sind. Dem Friedrich Schlegel muß ich große Ehre geben, denn wie er mir noch im Gedächtniß steht, so hatt er trefflich über die Mahlerey gesprochen & vieles aus meinem Herzen. Die lezten Worte seines Reiseberichts aus dem Taschenbuch, daß die göttliche Bedeutung der eigentliche Gegenstand dieser Kunst sey, muß ich als den Text betrachten, den alles was ich über sie denke & empfinde nun erläutern & ausführen. Ich habe gelernt | 3 mit ihm die Darstellung des Leibes, unter seiner Potenz, in die Plastik verweisen, dem höheren Mimischen aber, wo es auftritt eigentlich als zweyte Bildnerin des Leibes, als Schöpferinn der Miene, der Stellung, des Gewandes, freyen Raum zu laßen. Der Gegensaz & das Wesen beyder Künste zeigt sich hieraus deutlich, auch ihre Folge in der Geschichte. Denn in einer Zeit da der Leib als solcher in Blüthe stand & es sogar die εὐφυια unter den Tugenden genannt wurde da war es gehörig daß die Göttlichkeit aller Naturrichtungen des Körpers, (oder des Menschen unter der Naturform) durch die Kunst dargelegt wurde; in der christlichen Zeit aber da die äußre Schönheit ein zweytes geworden ist muß jene Kraft hell hervorleuchten die jeden Leib zu einem Diener der ewigen Gebote erheben kann. In dem Antliz aber, dem freibeweglichen Spiegel jeder leisen Empfindung, ist sie am deutlichsten geoffenbart und von da in der kaum festzuhaltenden Eigenthümlichkeit der Haltung & in den Gewändern & Umgebungen, weil diese freyes Erzeugniß jener Kraft sind. Darum muß ich dem Raphael die Palme zu erkennen von allen Mahlern, die ich gesehen, weil er die göttlichste Gesinnung ja den eigentlich innersten Grund des Gemüthes mit einer Klarheit aus den Mienen seiner Gestalten herausleuchten läßt, daß der Beschauer sich wahren muß vor der andringenden Lichtquelle, seiner | 3v Gestallt einige Dunkelheit zu retten. Diejeinige muß ich ganz abweisen die entweder von irgend einer Seite her die menschliche Figur(?) nun recht genau nachbilden, wenn auch selbst veredeln wollen, oder dem Auge durch die Mischung der Farben wohlgefällig werden. In beyden Fällen der Form oder Farbe und wären es beyde zugleich & für sich auftretten wollen müßen sie verhöhnt werden, wenigstens aus dem engern Kreise der vortrefflichsten herausgewiesen. Wenn diese Sätze bestehen sollten wie hart würde dann das Gericht über viele bewunderte Meister hereinbrechen, wie viele falsche Götter von den Altären herunter geworfen werden müßen. Correggio mit seiner Farbenmagie & Tizian der so wahr allen Dingen die Farbe absieht dürften sich nur in den Vorhallen sehen lassen, im innern aber jene Meister die nicht selbst einer Richtung der Natur verkauft, tief im Gefühl trugen daß hier das äußre nicht an sich (als Naturidee) sondern als Ausdruck des Innern (als geschichtliche idee) soll dargestellt werden. Die Landschaftsmahlerey scheint hiebey übel wegzukommen, auch habe ich in der Darstellungen alles zu sehr nach einer Seite gewandt; denn  korr. aus: Siesie bildet den eigentlich plastischen Theil der Mahlerey, den natürlichen. Die Alten die nur den Leib als Wohnung der Seele individuell betrachteten & denen die Gegend, das Clima, nur wie die pflanze, dunkel | 4 & ohne deutliches, bestimmtes Gefühl Gegenstand war, haben in der Poesie selbst sie wenig aufgenommen in den leiblichen Künsten sie meines Wißens nicht berührt. So hat sich uns der Gesichtskreis nun erweitert daß wir die Gegend mit dem Auge betrachten, wie jene den Leib, d.h., daß die Natur, das Element vorherrscht, für den Körper aber habe wir eine höhere Anschauung gewonnen; dagegen an Kraft & Fülle die Anschauung der Alten nun als ειδωλον αμαυρον unter uns umgeht. Daher ist die Darstellung des Nakten untergeordnet in der Mahlerey, auch werden die Gewänder nicht naß angelegt, denn die moderne Seele verhüllt eben darum dem Leib immer, weil sie weiß daß er sie nur im minimum ausdrücken kann & nur als Haltung, Stellung als mimisch beseelt, durch das Gewand hindurch, nicht in der eigenen Gewallt der Erscheinung, braucht sie ihn als symbol. Die Landschaft dagegen spricht als Sinn der Geschichte für die Natur aus & bildet mit der Plastick ein Ganzes. Wie diese in allgemeinen Gestalten die Geschlechter & Gattungen der Menschen aussprach, so zeigt jene noch allgemeiner vielleicht die Climate, Erdstriche, Jahres ja Tageszeiten, kurz sie stellt an den Gegenständen die Art dar wie sie in dem menschlichen Gemüthe leben, & erst seit die Menschen reisen, seit  korr. aus: sichsie sich aus den Wurzeln gerissen haben | 4v gelingt ihnen diese Art Darstellung; auch haben selten die Meister ihre Heymath, sondern meist fremde Gegenden dargestellt. Hieraus nun dürfte sich ein Saz ergeben der von Schlegel nicht würde gebilligt werden, daß nämlich diese beyden Zweige der Mahlerey in ihren größten & individuellsten Erscheinungen nothwendig getrennt seyn müßen & wo sie sich beyde finden, eins dem andern untergeordnet ist. (Unsre Kunst scheint sich hiebey an die Musik anzuschließen; welche einen Gegensaz aufzeigt, der wenn auch scheinbar verschieden, doch aus einem princip hervorgeht mit ihr) Daß ferner, diese Abtheilung gesezt, in jeder auf ganz verschiedenen Eintheilungsgründen die specifischen Differenzen beruhen. Doch wohin reißt mich der Wahnsinn? Um alles was ich gesagt zu begründen müßte ich Jahre lang schauen & viele Bogen beschreiben; Sie aber, lieber, theurer Freund, werden mir verzeihen daß ich so unverhohlen Ihnen die speculativen Hirngespinnste darlege, die mein ergriffnes Gefühl aus der bewegten Fluth meines Inneren heraufgetaucht hat. Sie müßen sogar für jezt über die einzelnen Mahle mir noch ein wenig zuhören & gefaßt seyn darauf, daß ich noch oft von anderen Gegenden her aus der Erinnerung mein Herz über diese herrlichen Dinge gegen Sie ausschütte. Steigen nun nicht vor Ihrem | 5 begeisterten Auge die beyden Madonnen auf? die Raphaelsche & die deutsche Hätte ich Engelszungen, ich würde nicht müde werden sie zu preisen & die Männer zu verherrlichen die es jedem Menschen möglich gemacht haben einen solchen Himmel von Menschenbildung zu sehen, zu fühlen, ganz in sich einzusaugen, auf ewig am innersten ewigen ersten Leben Theil nehmen zu lassen. Wie lebendig ist mir die Rede des Erlösers geworden, „Lasset die Kindlein zu mir kommen“ , als ich die Raphaelschen Kinder sah. Der kleine Jesus blickt tief ernst vor sich hinaus in die Welt, das Haupt an die göttliche Mutter gelehnt. Was dem gewöhnlichen Mensch sich verdunkelt wenn er in die Welt der Erscheinung tritt, die Idee, diese lebt in ihm in voller Klarheit, mit weit geöffnetem unendlich tiefem Auge sieht er die Schatten, deren wunderlich Gewirre seinen heiligen Ernst nicht stört, als wären es Traumgestalten, Nachtwandler, die nur Er zum rechten Leben im Licht erheben könne. Die hohe Mutter trägt ihn, eine süße Last, ruhig sinnend sieht sie vor sich her, ohne etwas anzubliken das Urbild aller göttlichsten Reinheit & Lieblichkeit weiß sie nicht darum, alles ist in die stille Herrlichkeit des Seyns aufgelöst, jeder Gedanke in dem seligen Gefühl des Kindes untergegangen. Das hohe ruhige Auge durchprüfft jeden Busen, & die leiseste unreine Regung muss von ihr erbeben. Die deutsche Mutter ist milder sanfter, nicht so schonungslos strenge | 5v gegen den Beschauer. Das fest geschloßne Auge verleiht Muth seine Leiden zu klagen, sich in Liebe & Zutrauen der süßen Gestalt zu nähern. Wie lieblich wie deutsch ist das zarte Oval des Gesichts, die leise Röthe, wie schön die gelben Loken die voll über die Schultern hinabsinken. Aber still, still! daß nicht die heiligen Wesen den Frevler mit ewiger Pein strafen. Diese beyden Gemählde betrachte ich als die Hausgötter der Sammlung & versäum es nie nach meinem Eintritt vor ihnen meinen Gottesdienst zu vollbringen; ich bin ja ordentlich katholisch geworden. Einige Kopien nach Raphael haben mich genöthigt den unabänderlichen Entschluß zu faßen ihre Originale zu sehen & sollte ich an das Ende der Welt reisen müßen; denn unmöglich wäre es mir den Gedanken auszuhalten daß so herrliche Offenbarungen des Geistes nicht auch an mir ihre himmlische Kraft beweisen sollten. Ein überaus schönes Bild aus seiner Schule ist noch hier zu sehen; von Bagnacavallo . Zwey andre(?) treffliche von Penni . Von diesen nächstens, wie überhaupt von noch mehreren anderen Bildern & Dingen; denn ich merke daß bald muß geendet werden, damit der Brief nicht zu einem Buch anwachse & ich habe doch noch allerley zu erzählen von mir selbst. Ich muß mich bey Ihnen anklagen darüber, daß so viel herrliche Kunstwerke die ich schaue | 6 die ich recht mit Lust in mich einsauge, mich gar nicht merklich verbeßern. Eine große Gleichgültigkeit gegen das Leben, ja oft eine ordentliche Feigherzigkeit & Menschenfurcht plagen mich anhaltend & die Zeit, die ich nicht bey Kunstwerken zubringe, sehe ich mir kaum ähnlich. Ein Glük ist es, daß mir noch der Ausweg offen steht alles auf den Körper zu schieben, & mir daher eine vortreffliche Diät vorzuschreiben, wodurch ich wenigstens um Eine Freude reicher werde. Beßer geht es denn auch mit dem Leichnam, obwohl ich viel an Rheumatischen Schmerzen gelitten, auch am rechten Bein eine neue Drüse bekommen habe. Dagegen hat mir schon die geringe Anäherung zum Süden, die man hier spührt manchen kleinen Schauer erregt, ich fühle, wie allmählich das Reich der Willkühr naht, & wie immer mehr & mehr ich mit meiner ächt alt- hallischen Art den Dingen mit sittlicher Art & Kunst auf den Grund zu gehen, als ein lächerlicher Fremder oder als ausgeartetes Landskind erscheinen werde. Von den Koryphäen zwar der hiesigen neu wißenden(?) Welt habe ich nichts gesehen & wenig gehört, doch aber genug um der alten Meinung über selbige getreu zu verbleiben. Varnhagen hat sie gesucht, aber ohne sie zu finden. Einen Bekannten & Genoßen von ihnen habe ich meinerseits kennen gelernt, den Mahler Hartmann einen Schwaben & wundersame Patron der noch vollkommen schwäbisch spricht & alles kennt von der Zeder auf Libanon bis zum Ysop der an der Wand wächst. Dabey ist er lebendig, liebenswürdig, eitel obwohl ältlich & erzählt stets Geschichtchen meist von seinen Kirchen. Er kennt die ganze Welt des Steffens , die Herz & Gott weiß was alles. | 6v Ist ein intimus von dem hiesigen Naturphilosophen Schubert , dem Müller , Kleist . Mit ersterm wollte er mich durchaus bekannt machen, als mit einem kindlichen in großer Unbewußtheit tief wißenden. Ich aber verbat alles baldiges Reisen vorschüzend, denn Gott behüte mich vor jungen philosophischen Autoren. Bey dem Hartmann selbst bin ich gewesen um doch zu sehn was jezunden die Malerey heraus bringt, denn er hat den Ruf einer der ersten Künstler zu seyn. Nach meiner geringen Einsicht will aber was er macht nicht viel sagen, ob ich gleich nichts beßres neues gesehen habe. Es ist in der Sache kein rechter Humor, keine Unergründlichkeit etc. etc. denn zu einem gehörig motivierten Urtheil hätte ich die Bilder länger sehn müssen als meine Faulheit mir gestattete. Eins war eine Magdalene die bey der Nachtzeit Christus die Füße salbt, das andre die 3. Marien das Grab besuchend; ein Stük was hier ausgestellt & viel besprochen war. Einen Schaz habe ich dafür bey ihm gesehen, einen Albert Dürer; Adam & Eva vor dem Baum der Erkenntniß, wie Eva eben den Apfel von der Schlange wegen nimmt. Fleißig daß einem die Augen übergehen & doch ganz edel & großherzig. Ein kräftiger treuer Adam, festes derbes Fleisch, die Eva weniger schön. Der Baum wundervoll ausgeführt, jedes Blättchen zart & fein zu schauen, alles mit gar lieblichen & wohlthuenden Farben; links in dem Hintergrund ein köstliches Landschäftchen. (Der kleine Altar in der Gallerien soll dagegen nicht von Dürer seyn; bleibt aber doch ein köstliches Bild.) So paarte sich das Gute & Schlechte, daß man ohne das eine das andre nicht erlangt; schlechte Gemälde muß man den Guten zu Lieb mit sehen; glücklich daß das innre Auge nicht | 7 an das äußre gefeßelt ist. – Kurz muß ich Ihnen noch die übrigen Merkwürdigkeiten, die ich gesehen, herzählen; damit  korr. aus: sieSie erwägen können, wieviel neuen Stoff ich eingespeichert habe auf den kommenden Winter. Erst die Antiken, leider sehr cursorisch &nur so daß ich gewißen Schmerz empfand nicht öfter sehn zu können. Denn sehr irrig ist es zu glauben dem ungeübten sage der Gyps mehr zu als der Marmor. Gar die Herrlichkeit der gänzlich ins unendliche gehenden Organisation der Oberfläche in dem Marmorbilde wird in Gyps nur sehr allgemein & ungründlich wiedergegeben & man muß sich mit den großen Umrißen des Ganzen begnügen, statt in jedem kleinsten Theilchen tausendfaches Leben zu fühlen. Dieses kann ich mit Grund der Wahrheit versichern, denn auch die Abgüße des Mengs habe ich gesehen & würde nie fest versprechen nicht mit den Kopien vorlieb zu nehmen, sondern so bald möglich zu den Originalen zu eilen. Über [...](?) jezt nichts, vielleicht auch später nicht; denn halbgesehenes soll der Mund nicht kund thun. Soviel nur daß ich den Ajax & die koloßale Juno mit lebhafter Erinnerung an Sie neben Ihrem Bilde meiner Phantasie anbefohlen habe. Zum dritten habe ich noch die Rüstkammer besucht, mehr dem Varnhagen zu gefallen, der von Fouqué getrieben war, als mir; & sehr erbaut finde ich mich nicht. Es ist alles zu jung darinn um recht alt zu seyn; keine Harnische älter als 300. Jahr, was für einen Harnisch ein bagatell ist; das Japanische & Chinesische Zeugs dagegen ist entsezlich dumm angebracht daneben. | 7v

Italienische Oper habe ich auch gehört. Unergründlich & unaussprechlicher Unsinn. Die Menschen wollen mit Teufelsgewalt zu Violinen werden; wäre ich der liebe Herrgott so sollte es ihnen darin nicht fehlen, wäre ich der König so ließe ich sie vorläufig auf andre Art streichen; was sie auch durch die Albernheit ihrer Mimik allein reichlich verdienten, denn nicht eine Person auf dem ganzen Theater rührt ein einziges Glied wie sichs schickt. Die Musik war flach, dumm, & ein gemisch von Concertsäzen aus Violinsoanten. Der Castrat Sanarotti (?) dagegen ist ein herrliches Instrument & singt einfach & schön, Schade daß die Kirchenmusik eine Auswahl aus dem Schlechtesten ist, Haße das beste sonst Naumann(?) , Sydelmann & was noch für Männer des Jammers. – Varnhagen ist ein 9 Tagen abwesend gewesen, eine Excursion nach Leipzig vollführend, wo sich die Levi die Meße über aufgehalten. Unterdeßen bestand mein Umgang aus dem jungen Maler Mayer & den beyden Gerlachs die vor 8. Tagen nach Deßau gegangen. Der junge hat sich in Göttlingen ziemlich fest in die Geschicklichkeit gesezt sehr unbefangen & unangefochten viel mehr zu sagen als er weiß. Sonst ist er frisch, brav, keck, verträgt sehr vortrefflich Wiederspruch & disputirt für sein Leben gerne, ohne doch an den Materien halb soviel Intereße zu nehmen als an der Form. Nun muß aber geendet werden & zwar plözlich. Viel spahre ich auf, besonders Elegische Sachen über Berlin . Schreiben Sie um Gotteswillen nach Tübingen poste restante ordre an mich blos, & melden Sie was man sagt, & was die himlischen Frauen machen. Entschuldigen Sie, vertreten Sie mich; vor allem aber glauben Sie daß ich sehnlich wünsche, wenn auch fern, Ihnen immer näher & näher zu kommen.

Zitierhinweis

2872: Von Nikolaus Harscher. Dresden, Freitag, 14. 10. 1808, erarbeitet von Simon Gerber und Sarah Schmidt. In: schleiermacher digital / Briefe, hg. v. Simon Gerber und Sarah Schmidt. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://schleiermacher-digital.de/v/fsb_0002872 [Druck: KGA V/10, Berlin 2015]