Halle den 4ten Octob 8.

Ihr lieber freundlicher Brief, mein theuerster Schleiermacher hat mich wie Sie leicht denken können in großer Unruhe und Ungewisheit versetzt. Sehnlichst erwarte ich den Augenblik Sie zu sehen um Ihnen wo möglich zu sagen wie ich Sie liebe und verehre. Ihre freundliche Theilnahme mildert sehr das peinliche meiner Lage und giebt mir Muth und Hofnung, während so vieles andre mich niederschlägt.   Ich kann es leider nicht läugnen Sie haben in Ihrem Briefe nur ausgesprochen was ich dunkel ahndete, und obgleich ich wohl weis daß bei meinem bisherigen Umgang mit Karolinen ich von ihr nichts anders erwarten konnte als das Wohlwollen der Freundschaft und ich dessen auch von ihr ganz gewis bin, so beruhte doch meine Furcht dieses Verhältnis auf irgend eine Weise anders und deutlicher zu bestimmen blos darauf daß Ihre Vermuthung eines früher verbundenen Verhältnisses mir dunkel vorschwebte. Tausendmal ist mir in ihrem Wesen eine Unbefangenheit und Ruhe eine gewisse Sicherheit aufgefallen die sich leider nur zu gut durch Ihre | 34v Vermuthung erklären ließe. Und doch widersprechen auch dieser Vermuthung soviel tausend Dinge daß ich mich aus der Verwirrung nicht zu finden weiß. Wäre ein solches Verhältnis verbunden, wie sollten nicht mehrere darum wissen: und bei der lästig neugierigen Art womit man sich hier um solche Dinge bekümmert, bei der undelikaten Art womit die Leute oft ihre Vermuthungen äußern, ja bei dem Neide den Karoline ganz augenscheinlich in einigen erregt, wie wäre es da möglich daß man mich nicht auf ein solches Verhältnis, wäre auch vor wer weiß wie lange einmal davon die Rede gewesen, aufmerksam gemacht hätte.  Ja was noch mehr ist müßte ich es der Mutter nicht als eine wahre Unredlichkeit zurechnen wenn sie mit dem Bewustsein eines solchen Verhältnisses, und da es unmöglich ist daß sie die Vermuthungen der Leute nicht wenigstens ahnden wo nicht kennen sollte, wenn sie dennoch meinen Umgang ganz entschieden duldete und gern sähe, bei dem Vertrauen was sie mir in vielen Dingen geschenkt hat, wie sollte sie mich täuschen wollen, oder doch einer möglichen Täuschung nicht wenigstens durch einige entschiedene Worte zuvorkommen. Und wenn Sie meine Worte in dem reinsten | 35 Sinn nehmen so kann ich Ihnen sagen daß es mir mehr als einmal geschienen hat die Mutter habe mich sehr wohl errathen und misbillige meine Absichten duchaus nicht. Das sind nun freilich auch solche Dinge die man sieht aber nicht nennen kann. Sind aber diese Voraussetzungen alle wahr wie sie es mir durchaus scheinen, so frage ich Sie ob ich Ihrer Vermuthung mehr Raum geben darf als sie sich ohnedies schon zuweilen erschleicht. Oder sollte dies frühere Verhältnis auch der Mutter unbekannt sein? auch das ist mir unter den jetzigen Umständen nicht denkbar. Sie sehen wohl wie mich dies alles hin und her werfen und beunruhigen muß, dennoch aber bin ich entschloßen Ihrem Rathe zu folgen und wenigstens noch die fernere Bestimmung meiner Lage die nothwendig bald erfolgen muß abzuwarten, um mir wenigstens eine Ungewisheit wenn auch gemeinerer Art erst vom Halse zu schaffen. Der guten Mutter thun Sie wohl etwas zu viel, innerlich ist sie freilich so wie Sie sagen aber die ZeitUmstände und die Besorgnisse die sie für ihre eigne Lage hegt scheinen sie sehr gemildert zu haben und nachsichtiger gemacht zu haben als sie es wohl sonst gewesen sein mag. Sehen Sie da wiederum eine Beobachtung die ich zu meinen Gunsten auslege. | 35v

Gott gebe daß es Ihnen gelingen möge bald etwas zu erfahren, ich wüßte kaum wie ich dazu kommen sollte, da es doch klar ist daß nur wenige oder Niemand um ein solches früheres Verhältnis wissen können. Ueberdies kömmt es mir wie etwas unwürdiges vor wenn ich andre Leute und wären es auch die nächsten Freunde der Familie, auf eine verstohlene Weise aushorchen sollte, da es doch nach meiner Ueberzeugung dieser Familie selbst zukäme mir im Falle einer Täuschung die Augen zu öfnen. Erinnern Sie Sich aber wohl wie Nanny einmal lebhaft protestirte als die Frage aufgeworfen wurde ob sie auch dem Bruder zu lieb das Geheimnis ihrer Freundin wohl verrathen würde.

 Daß Sie Karolinen nicht liebten können Sie nun wohl nicht geschrieben haben, das aber haben Sie wörtlich geschrieben daß meine Voraussetzung Sie hätten „die Aussicht auf ein hübsches Mädchen“ die Sie durch einen früheren Scherz bei mir veranlaßt hatten, von mir „ganz fälschlich und ohne Grund“ angenommen würde.

Bei welcher von beiden Gemeinden ich Prediger sein möchte darüber bin ich mir einen Augenblik unentschieden gewesen, der böse Umstand war nur bisher der daß die DomKasse nicht im Stande ist die gewöhnlichen Zuschüsse zu leisten und für die Zukunft zu sichern, was darum wichtig ist | 36 weil bei der 3ten Domprediger Stelle nur 200 r königlich(?) Gehalt sind, und überdies zu befürchten war die Regierung würde gar keinen 3ten Prediger wieder anstellen wollen. Die Sachen stehen aber jetzt ganz anders. Der Präfekt von Halberstadt hat die Idée die dortigen beiden reformirten Gemeinden zu vereinigen, Frantz(?) hatte schon gegen mich mehrmals denselben Wunsch geäußert und als er erfuhr die Sache habe sich hier zerschlagen hat er nach Halberstadt berichtet und auf Vereinigung angetragen. Darauf sind Dohlhoff und ich, jeder besonders aufgefordert worden einen Plan zu dieser Vereinigung einzureichen. Diesen haben wir entworfen und er kann jetzt schon in den Händen des Ministers sein. Die Gemeinen denen ich dies alles mitgetheilt hatte um nicht zu scheinen hinter ihrem Rücken gehandelt zu haben, haben wie ich erfahren nun auch an den Minister dagegen geschrieben. So stehen nun die Sachen, Sie sehen das muß sich bald entscheiden, wenn nur nicht wie ich beinahe fürchte ein MittelDing daraus wird wie etwa in Leipzig oder Dresden – Wegen der Dessauer Partie bin ich in einer eigenen Ungewisheit. Sie scheinen die Sache nur höchstens als wahrscheinlich anzusehen und vom Prokurator Stelzer habe ich gehört | 36v Steffens der in diesem Augenblick in Leipzig ist habe einen Brief von Reimer worin sogar der Tag schon bestimt sei, wollte Gott das letzte wäre richtig, doch in 2 Tagen werde ich ja von Steffens das nähere hören.

Doch dieser Brief muß fort damit er Sie auf jeden Fall noch in Berlin treffe, also nochmals meinen herzlichsten Dank für Ihre Liebe, ich werde nicht eher ruhig bis ich Sie gesehen, möchten Sie mir doch gute Nachrichten bringen. Herzliche Grüße an Nanny und Reimer . Kommen Sie ja bald,

Blanc

Zitierhinweis

2853: Von Ludwig Gottfried Blanc. Halle, Dienstag, 4. 10. 1808. In: schleiermacher digital / Briefe, hg. v. Simon Gerber und Sarah Schmidt. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://schleiermacher-digital.de/v/fsb_0002853 [Druck: KGA V/10, Berlin 2015]