An Schleier [Autorfußnote Bl. 37]

 Warum lieber Schleier entschuldigen Sie Sich doch bei mir? thun Sie das nie wieder, ich bitte Sie!

Wohl habe ich mich innig gesehnt nach ein brüderliches Wort! und geschmerzt hat michs daß ich es nicht erhielt – aber eben darum keine Entschuldigung – mein geliebter Bruder! 

Vgl. Brief *2796.

Es fehlte Dir nicht an Zeit, auch mir ein herzliches Wort zu sagen, etwas andres war es, woran es fehlte, sonst hätte ich es erhalten, da mich doch so herzlich darnach verlangte.

Wohl weiß ich daß Sie Briefe von mir haben, die Sie mir weder erwidert, noch beantwortet, ich schloß sie immer mit der Bitte um Antwort – ich habe sie nicht erhalten, und werde sie nun gewiß nicht erhalten.        Sie erinnern Sich woll lieber Schleiermacher daß ich das vorher schon wuste, und es mir nicht unerwartet gekommen.

Wollen Sie mir einen Gefallen thun? schicken Sie mir meine lezten Briefe wieder, besonders den welchen ich Ihnen von Poseriz schrieb, worin ich Ihnen alles sagte, wie ich glaubte daß es in mir sei, es war eine | 37v  Vom Hg. korrigiert. war eine Täuschung in mir, die von – Briefen erregt war – Ihnen sprach ich alles aus, mehr wie ich es mir selbst ausgesprochen hatte – das Wort stellt oft etwas hin, was so nicht die leise Ahndung des Herzens meinte – darum lieber Schleier senden Sie mir diese Briefe zurük – ich bitte Sie sehr dies nicht zu vergeßen – thun Sie dies um meinet willen. Nanny wird mir einge Sachen schicken um das Porto zu ersparen legen Sie sie da hinein. Bitte! lieber Schleier vergeßen Sie sie nicht.

Morgen ist Ehrenfrieds GeburtsTag! An den lezten welchen er erlebte, schrieb er mir nach Greifswald wo ich war.

Ich habe in diesen Tagen einige herliche Briefe von ihm gelesen. Sie athmen innige Freude Dich gefunden zu haben, er kannte Dich in ersten Briefen noch nicht Persöhnlich, sollte Dich aber sehen – mich wollte er auch Dich zu führen, wie er alles mit mir theilte – In einem andern Briefe war er bei Dir gewesen in Berlin – o Schleier welch ein Schaz sind mir die Briefe des | 38 geliebten Bruders, und seine Liebe! die mir ewig bleibt.

Es ist hir immer noch in der Erndte und nur ein par flüchtige Stunde habe ich in Stralsund sein können – diese habe ich dazu verwand, zu besorgen,  korr. aus: dasdaß nun fürs erste die Stelle wo er ruht bezeichnet wird durch einen grünen Hügel und ein kleines schwarzes Kreuz.

Lebe wohl mein Bruder, es wird die Zeit wiederkommen, wo ich auch Deiner Mittheilungen wieder genießen werde.

L

Götemiz den 4t Sep. – 8

10 Uhr Morgen. Eben las ich Lotte und der Herz die herrliche Predigt vor:

 korr. aus: DasDaß überall Friede ist, im Reiche Gottes“

Schleier! wenn ich so etwas lese ist mir immer als würde dies Alles gewiß erreichen!

Zitierhinweis

2814: Von Luise von Willich. Götemitz, Sonntag, 4. 9. 1808. In: schleiermacher digital / Briefe, hg. v. Simon Gerber und Sarah Schmidt. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://schleiermacher-digital.de/v/fsb_0002814 [Druck: KGA V/10, Berlin 2015]