d. 18t. Aug. 8.

No 3.

Am Montage als es grade vier Wochen waren daß wir uns das schöne Wort gegeben hatten erhielt ich Deinen ersten Brief meine süße Jette. Gott wieviel ist mir doch gegeben worden in so kurzem  über den ursprünglichen Text geschriebenkurzer Zeit! wie ist das so lange irrende Leben auf einmal zur Vollendung gekommen! Es ist mir auch nun gar nicht mehr so daß ich wol fragen möchte ob es auch wahr ist ich bin nun schon ganz darin eingelebt, ich habe und genieße es wirklich täglich und stündlich, mein Denken an Dich und die Kinder ist ganz so wie des abwesenden Gatten und Vaters sein muß. Dir ist wol auch so, Du denkst mich auf der Reise, und daß ich bald wiederkomme und daß wir dann eine andere Wohnung beziehen. Anders kann es auch nicht sein, die Sehnsucht nach Dir und die schöne ruhige Gewißheit daß ich Dich habe sind ganz eins.  Aber liebste Jette wie ist es doch mit der Dankbarkeit die Du da hast in Deinem Gefühl für mich? Weißt Du wol wenn ich Dir alles sagen soll was mir nicht lieb ist an Dir so möchte ich mit dieser anfangen. Du meinst gewiß etwas recht schönes wiewol ich nicht recht weiß was; aber sieh es Dir nur recht an und nenne es nicht so. Denn Dankbarkeit weiset auf Wohlthat zurük und so etwas kann es doch gar nicht geben zwischen uns. Kann man sich selbst wohlthun? die rechte Hand etwa der linken, der Kopf dem Herzen, die Nerven den Muskeln oder so etwas? kann der Vater seinem Kinde wohlthun? Und dann ist mir immer als könnte ich Dankbarkeit nur fühlen gegen einen Menschen der mir sonst gleichgültig ist, einen vornehmen Gönner oder dergleichen, und wenn man es recht besieht ist es immer nichts. Ueber die Verehrung schäme ich mich ein wenig. Aber das laß gut sein! Jeder von uns hat etwas voraus was ihn dem andern ehrwürdig machen muß, und ich will Dich dann auch schon gehörig verehren von meiner Seite. Aber die kindliche Liebe, ja mein süßes Herz die nehme ich immer an, denn dieses schöne Verhältniß und unsere gemeinsame Liebe zu unserm theuren Ehrenfried und allem was sein | 13v ist, ist ja der Grund jeder Liebe in uns, und unseres ganzen schönen Glükkes.           Mein gutes Herz daß Dir die Art recht ist wie ich mich Dir genähert habe, das freut mich sehr und ich finde es sehr natürlich; aber glaube nur nicht daß darin irgend ein besonderes Verdienst von meiner Seite ist oder etwas ausgerechnetes, absichtliches oder auch nur daß ich Dir irgend etwas verborgen hätte bis auf den rechten Moment. Nein liebe Jette ich habe Dir jedesmal alles ausgesprochen was mir selbst ganz klar war; alles andere lag wol dunkel in mir aber eben so lange es dunkel war konnte es sich wol nicht eher entwikkeln bis das klare ausgesprochen war, und konnte sich nicht anders als so unbewußt in der ersten leisen Sprache aussprechen die eigentlich noch keine ist, und so hat es sich Dir ja auch schon früher eingeschlichen als Ahndung von dem was in mir wäre. Das wurde mir zuerst ganz klar daß unser Leben zusammengehörte, daß ich von Dir und den Kindern nicht lassen könnte, und daß Du Dich auch an Niemand so halten könntest wie an mich; und so habe ich es Dir ausgesprochen. Dann wurde mir klar daß ich in meinem Leben nichts weiter zu suchen hätte, daß ich volle Genüge hätte wenn wir uns einander wären alles was wir mit voller Zustimmung unserer Herzen sein könnten. Und als ich Dich bat Du solltest nur meine Frau heißen wollen, wenn Du da dies ausdrüklich und bestimmt aufgefaßt hättest und gesagt, sein im vollen Sinne des Wortes könntest Du es nicht: so würde ich doch eben so froh und sicher eingeschlagen haben und gewußt daß ich alles Gute und Schöne gefunden hätte was mir werden könnte. Ich würde mir freilich den Wunsch vorbehalten haben daß eine Zeit kommen möchte wo Du es auch sein wolltest; aber der wäre ja eben nur der volle Ausdruk davon gewesen daß ich lebendig und mit voller Klarheit fühlte und wüßte wie ich nur an Dich, an Dich allein gewiesen bin. Und so siehst Du wol daß ich Dir immer alles offenbart habe, was in  über den ursprünglichen Text geschriebenjedes wie es in mir war, und daß die ganze volle Liebe in mir und in Dir schon vorher war, aber nur allmählig recht ins Bewußtsein kommen konnte. Darum | 14 ist mir nun auch klar daß was in uns ist auf eine W  über den ursprünglichen Text geschriebenwahrhaft göttliche Weise geworden ist, aus dem innern unseres Wesens heraus durch seine höchste Natur, anknüpfend an unser gesammtes Sein, nicht von irgend etwas einzelnem ausgehend; und also auch auf keine Art einseitig und unsicher. Warum wolltest Du Dich also nicht auch rein gehen lassen allem was so in Dir ist, aller Freude an dieser neuen Offenbarung Gottes für uns? Du bist ja jugendlich und frisch, warum solltest Du nicht so ins Leben hineingehn? meinst Du nicht daß ich eben diese frische Jugendlichkeit in Dir liebe? daß ich ihrer bedarf? daß sie zu diesem ganzen Gang unseres Lebens auch mitgewirkt hat in uns beiden? Denke sie ist unser schöner Besiz, mein so gut als Dein, sei immer gern die jugendliche Mutter der süßen Kinder die jugendliche erfrischende töchterliche Gattin Deines Ernst, Deines Väterchen. Liebe süße Jette, laß Dich recht innig umarmen, und durch die zärtlichsten Liebkosungen einsegnen dazu daß sie Dir immer bleibe diese liebliche Frischheit des Lebens. – Des Schmerzes bedarfst Du jezt nicht mehr, Ehrenfried soll Dir nun nicht mehr fehlen; wie wir unseres Glükkes sicher sind so sind wir auch seiner Freude sicher, und seine Freude muß ja Deinen Schmerz vertreiben. Aber wenn wir je aufhören könnten mit ihm zu leben, ihn in und mit uns leben zu lassen, dann wären wir nicht wir, und könnten auch uns nicht mehr lieben mit dieser selbigen Liebe. Das kann also nicht geschehn, und so werden auch diese Schwankungen die jezt so natürlich sind Dir immer mehr verschwinden, und das Vergangene und Gegenwärtige wird immer mehr Eins werden in Dir.

Was unsere Kinder betrifft: so ist die gute Sophie da in mancherlei falschen Vorstellungen befangen, die aber aus ihrer Lage und ihrem eignen Wesen sehr natürlich hervorgehn. Auch wenn sie das wahre einfache Wesen meint, was zwar etwas sehr herrliches ist aber doch nicht jedermanns Ding, so thun die Umgebungen wenig dazu. Wie viele Menschen bleiben wahrhaft einfach mitten im Weltgetümmel und wie oft entwikeln sich in der Einsamkeit Charaktere die eben den Gegensaz, ich meine auch den guten zu jenem | 14v einfachen Wesen enthalten. Ich denke unserm kleinen Ehrenfried soll nichts sein einfaches Wesen rauben, aber er soll inniger mit der Welt verbunden werden, soll früh mit allen seinen Kräften, in das gemeinsame Leben der Menschheit hineingehn und mit diesem sein eigenthümliches Wesen zu einem fruchtbaren Bunde vermählen; und dies sind Vorzüge die [...]  über der Zeilederen Mangel eben an den Männern in Eurem schönen Lande so deutlich gemerkt wird. Henriettens Hauptzug ist die Einfachheit nicht wenn ich recht sehe; aber wir wollen schon so mit ihr leben daß die Einheit in dieser Fülle heraustreten, daß alles fest werden soll und einträchtig bei einander wohnen. Wie freut es mich mein liebes süßes Leben, daß Du so schönes Vertrauen zu mir hast auch der Kinder wegen: Ich habe es auch aber glaube nur mit mir daß auch das alles nicht mein eigen ist, sondern unser gemeinschaftliches. Ich hatte sonst gar keinen Sinn für kleine Kinder und verstand sie nicht; bei den unsrigen erst ist er mir aufgegangen, und dies Talent in mir ist eins mit unserer Liebe, ihre erste schöne Frucht, das eigne Glük daß ich zugleich Verlobter geworden bin und Vater.  Findest Du es auch wie Luise daß ich Ehrenfried ähnlich bin in meinem Wesen mit den Kindern? ich glaube kaum daß es anders sein kann; er redet zu mir durch die Kinder und zu ihnen durch mich, und wenn ich nicht so wäre daß ich ihnen grade ihn ersezen könnte so könnte ich doch auch nicht recht ihr Vater sein.  Dabei fällt mir ein daß dies nun schon mein dritter Brief ist, und daß ich bei einem Haare wieder vergessen hätte Dir etwas ganz wichtiges zu schreiben,  daß ich nemlich schon auf dem Wagen zwischen Stralsund und Greifswalde ausgemacht und beschlossen habe , unser erster Sohn solle Heinrich Herrmann Ehrenfried heißen dagegen mußt Du nun nichts einwenden.  Du siehst ich kann nicht einmal lassen, auch schon die künftigen Verhältnisse mit Dir zu theilen, wieviel mehr noch alle gegenwärtigen. Du mußt Dich nun ansehen als vollständig in mein ganzes Leben eingeweiht; es ist nichts darin was Dir nicht angehörte, was Du nicht theilen solltest, und was ich Dir nicht mit Freuden aufschließen werde. Mit dem Nichtverstehen kann es | 15v auch für das was Dir das wesentliche sein muß keine Noth haben. Es ist nichts in meinem Leben, in allen meinen Bestrebungen wovon Du nicht den Geist richtig auffassen könntest, sonst könntest Du ja auch mich selbst nich verstehn, nicht mein sein. Vielmehr wirst Du, das liegt ja in der Natur der Sache, in diesem Verstehen immer die erste sein, weil sich ja Dir am nächsten und unmittelbarsten mein ganzes Leben und Sein offenbart; und am Willen dazu wird es Dir nicht fehlen, dafür kenne ich Dich. Auch würde es mir weh thun, wenn es irgend etwas mir wichtiges gäbe was auch seinem innern Wesen nach kein Interesse für Dich hätte. Was aber das Einzelne, das Materielle betrift da mögen nun Andere vor Dir stehn, und Deine Muße Deine Neigung, die Richtung Deines Talents wird Dich führen und beschränken.

  An dem was mich jezt am meisten bewegt und beschäftigt mußt Du aber auch Antheil nehmen, und  wenn Dir große Jette nichts gesagt hat von dem was ich ihr in meinem lezten Briefe geschrieben habe, vielleicht um Dich nicht in Deiner ersten Freude durch Besorgniß zu stören, so fordere es ihr doch ab.  Ich verlasse mich auf Deinen Muth und auf Dein Vertrauen zu mir. Mir ahndet keine Gefahr, laß Dir auch keine ahnden ich gehe keinen andern Weg als den meines Berufes und an Mäßigung und Vorsicht fehlt es weder mir noch denen welche im einzelnen mein Thun zu leiten haben. Es ist durchaus eine würdige schöne tadellose Rolle die ich spiele. Und was kann es schöneres geben, als daß ich den Zustand der Dinge auf dem das Glük unseres Lebens beruhen muß, selbst kann leiten und herbeiführen helfen. Der Himmel gebe nur daß die Dinge einen solchen Gang gehn daß die Ausführung dessen was unternommen  über der Zeilebeschlossen ist, wirklich kann unternommen werden, welches nur unter solchen Umständen geschehen soll, unter denen | 15 es kaum mißlingen kann[.] Und so bete für mich daß Gott mich leite und segne und schüze, wie ich bete daß er Dich möge muthig erhalten und kräftig.   Thue alles mit in meinem Namen für Dich und die Kinder und so sei auch versichert daß ich in Deinem Namen für mich sorgen werde aufs beste, und daß in allen Geschäften Sorgen Arbeiten du immer in mir und mit mir bist. Küsse die Kinder von mir, und wenn es Noth thut erinnere Henrietten an den Abschied den ich von ihr nahm als wir aus dem Götemizer Holz zurükgingen. Freude sollen uns die Kinder gewiß beide machen. Grüße Alle unsere Lieben aufs herzlichste, und Du mein süßes Leben mein theures Kind meine herrliche Braut sei mir auf jede Weise umarmt und geliebkost und gesegnet

Noch eins. Es kann sein daß ich noch eine Reise nach Königsberg machen muß, doch ist die Sache die ich in vieler Rüksicht wünschen muß noch sehr ungewiß. Länger als drei Wochen hält sie mich wol kaum entfernt. Kommt es schnell so soll doch Nany Dir sogleich Nachricht davon geben, und wir wollen doch auch während der Zeit von einander hören.

Von der Kanonierstraße kann ich Dir noch nichts schreiben denn ich bin noch nicht da gewesen.

Tausend schönste Küsse wie sie die Dorfleute gar nicht gesehen haben von         Deinem Ernst

Der umgeschlagene Brief ist an große Jette .

Zitierhinweis

2791: An Henriette von Willich. Berlin, Donnerstag, 18. 8. 1808. In: schleiermacher digital / Briefe, hg. v. Simon Gerber und Sarah Schmidt. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://schleiermacher-digital.de/v/fsb_0002791 [Druck: KGA V/10, Berlin 2015]