Lassen Sie mich lieber Boeckh aus Ihren lieben Briefen erst das Unangenehme über Seite schaffen. Sie denken leicht daß ich nichts anderes meine als was Sie mir von Friedrich Schlegel schreiben. Es war mir nicht ganz neu aber es hat mich sehr geschmerzt. Er hat schon als er den ersten Theil des Platon empfangen hatte an Reimer geschrieben wie er sich wundre und es von mir nicht erwartet hätte daß ich seine Ideen benuzt hätte ohne seiner zu erwähnen, und dergleichen aber doch nicht daß er sich irgend etwas allein und ausschließend angemaßt hätte. Er konnte wissen daß Reimer mir den Brief zeigen würde also schrieb ich ihm darüber sehr derb ihm den Kopf zurechtsezend über die Eitelkeit und Unwahrheit die schon in seinen damaligen Aeußerungen lag und ihn an den ganzen Hergang der Sache erinnernd. Er antwortete gar nichts darauf, vorwendend (wo ich nicht irre schrieb seine Frau dies an unsere gemeinschaftliche Freundin Herz) die Sache nehme die Wendung eines gemeinen Zankes und den wollte er nicht mit mir führen.  Daß er nun aber diese Sache ganz hinter meinem Rükken wieder aufwärmt, das thut mir weh, noch weher aber daß er nur noch von einer „Erinnerung an ehemalige Verhältnisse“ etwas weiß da ich doch ganz derselbige gegen ihn bin, der ich immer war. Ich will ihm in diesen Tagen wieder schreiben und darum thut es mir noth das bittere Gefühl loszuwerden um dann ganz wieder in der alten | Stimmung zu sein.  Deßhalb will ich wenigstens diese Parthie gleich abhandeln ohne zu wissen ob ich meinen Brief werde abschikken können. Sie wird etwas weitläuftig werden, das müssen Sie Sich schon gefallen lassen.

Es muß schon Anno 1798 gewesen sein als Friedrich Schlegel in unsern philosophirenden Unterhaltungen, in denen Plato nicht selten vorkam zuerst die Idee ganz flüchtig den Gedanken äußerte daß es nothwendig wäre in dem dermaligen Zustande der Philosophie den Platon recht geltend zu machen, und ihn deshalb vollständig zu übersezen. Schon mit der ersten Aeußerung war auch die verbunden daß dies unser gemeinsames Werk sein müsse. Ich sagte nicht Nein sondern faßte den Entwurf mit großer Liebe auf. Daß eine Anordnung des Ganzen nothwendig sei, darüber waren wir bald verstanden, soviel ich mich aber erinnere schwankten wir zwischen einer chronologischen und einer solchen welche mehr darauf berechnet wäre der gegenwärtigen Zeit den Plato am besten und schnellsten aufzuschließen. Ich weiß nicht ob Schlegel damals schon die Einsicht hatte die mir erst später aufging daß beides eines und dasselbe sein müsse. Aber darüber waren wir einig daß man die erste wenigstens suchen und für sich besizen müsse. Den Phädros und Protagoras an das Ende  über der Zeileden Anfang und die Republik mit Zubehör an das Ende zu sezen (worin schon das Unterscheiden dreier verschiedener Massen liegt, wiewol ich mich nicht erinnere daß dies in unsern Gesprächen bestimt vorgekomen wäre) darüber waren wir gleich Eins, und gewiß hat es | Schlegel zuerst ausgesprochen da er sich weit mehr mit der Sache beschäftigte. Daß Parmenides ziemlich früh sein müsse glaube ich zuerst gesagt zu haben und es ihm zum Theil auch durch den Gedanken anschaulich gemacht zu haben daß den er hernach fester gehalten hat als ich, daß Parmenides und Protagoras in einem Gegensaz des theoretisch en und praktisch en ständen. mehr ins  über der ZeileDoch auch dies geschah erst späterhin und mehr ins Einzelne gingen damals unsere Unterredungen über den Plato nicht. Friedrich fing an ihn zu lesen; ich konnte nicht dazu kommen, und eilte nicht weil ich das Unternehmen bei Friedrichs Art als ein sehr ungewisses auf jeden Fall aber noch weitentfernt liegendes ansah. Friedrich ging hernach nach Jena ; nichts Platonisches in unsern Briefen bis er mir plözlich schrieb Wagner wolle den Platon übersezen, wir müßten also schleunig unser Unternehmen ankündigen und zum Werk schreiten; er habe auch schon mit Frommann so gut als abgeschlossen. Dies kam mir sehr unerwartet und ich konnte auch um so mehr wenige ein ganzes Studium des Plato beginnen weil ich gleich ans Uebersezen gehen sollte. Ich schrieb also Friedrich ich müßte auf diese Weise die ganze nähere Anordnung ihm überlassen und würde mich in den Einleitungen auf dasjenige beschränken was jedes Gespräch unmittelbar beträfe. Ich that dies um so lieber weil er mir schrieb er sei mit der ganzen Anordnung auf dem Reinen. Ich dachte wenn sie mir im Einzelnen so zusagte wie wir in der allgemeinen Idee übereingestimt hatten so sei alles gut, wo nicht so bliebe mir immer übrig | mich ganz auf das Uebersezen zurükzuziehn und ihm alle Einleitung zu überlassen. Ich las damals einige Gespräche mit Heindorf. Friedrich wollte den Phaedon auch ( zu  über den ursprünglichen Text geschriebenden wir auch gelesen hatten) zu der ersten Masse ziehn). Das war mein erstes Bedenken. Ich schrieb ihm wenig oder gar nicht darüber weil er imer Hofnung machte nach Berlin zu kommen. Er schrieb auch wenig aber einiges erinnere ich mich noch von seinen damaligen Ansichten. Den Phaedon zog er zu der ersten jugendlich leicht verständlichen Masse. Laches Charmides Philebus und Republik wollte er (wegen der vier Kardinaltugenden) zu  über den ursprünglichen Text geschriebenals Ein großes Ganzes ansehn. Den Alcibiades I hielt er für eins von den vollendetsten Gesprächen den Alcibiades II und die Leges schrieb er schon dem Xenocrates zu. Unterdeß hatte ich ihm meine erste Arbeit die Uebersezung des Phaedros geschikt um mir seine Gegenbemerkungen zu erbitten damit eine Einheit der  über der Zeilein die Uebersezung käme nebst einer Einleitung welche im wesentlichen dasselbe enthielt wie die jezige. Jene Uebersezung gab er wie sie war weil ihn Frommann drängte in den Drukk ganz ohne meine Vollmacht. Ich ließ sie cassiren und mußte die Kosten bezahlen. Unterdeß übersezte ich den Protagoras . Er hatte den Parmenides und Phaedon übernommen. Endlich kam er im December 1801 nach Berlin, wohnte bei mir, lebte sehr zerstreut und ich erinere mich nur einer einzigen ordentlichen Unterredung über den Platon. In dieser trug ich ihm meine Zweifel in Ansehung des Phaedon vor und meine | Einwendungen gegen den Alcibiades I, auch wie ich diesen sowol, wenn er ächt sein sollte als auch den Laches und Charmides nur als Ausflüsse aus dem Protagoras ansehn könnte. Auch vertheidigte ich den Euthydem gegen ihn aus einer Stelle des Sophisten, die sich meiner Meinung nach auf ihn bezog. Schon hieraus können Sie sehen wie sich damals meine ganze Anordnung schon gebildet hatte. Ich hatte mit Heindorf den Parmenides den Theaetet , den Sophisten und einige andre Gespräche für mich gelesen und daraus sich mir alles bestimmt entwikkelt. Schlegels Gegenreden auf meine Reden zeigten mir nun, was ich zum Theil schon aus seinen  über den ursprünglichen Text geschriebeneinzelnen Aeußerungen in Briefen geschlossen hätte  über den ursprünglichen Text geschriebenhatte , daß seine Ansichten sich bedeutend geändert hatten. Er verwarf nun alle kleinen Gespräche nebst dem Menon, in der Folge hat er dann auch über den Gorgias und das Symposion das Verdammungsurtheil gesprochen und meine Verwerfung des Alcibiades I stillschweigend angenommen. Damals wurde es mir nun ganz deutlich daß ich an dem gemeinsamen Werke nichts würde thun können als übersezen und alle Einleitungen ihm überlassen müssen. Darum stritt ich mich auch nicht des Phaidon wegen. Späterhin fragte ich ihn noch einmal von Stolpe aus schriftlich über seine genaue Meinung vom Cratylos weil mir noch nicht ganz deutlich war ob dieser vor oder nach den Sophisten zu sezen wäre. Zur Antwort beschenkte er mich ungefordert mit seinem ganzen Verzeichniß aber ohne irgend etwas über die Gründe seiner Anordnung weder was jenen einzelnen Fall noch was das Ganze | betrifft zu sagen, dergleichen ich überhaupt so gut als gar nicht von ihm gehört, wenn Sie die ersten leitenden Punkte abrechnen über welche wir in unsern ersten Unterhaltungen einig wurden. In diesen aber ein Recht zu reclamiren und eine Priorität ist das wunderlichste Ding von der Welt denn es war durchaus ein gemeinsames Denken wie es im genauesten freundschaftlichsten Verkehr nur vorkommen kann. Dieses abgerechnet habe ich gar nichts von ihm, und auch im Einzelnen nichts mit ihm gemein. Für die Stelle welche wir dem Phädros anweisen habe ich ihn nie etwas anderes anführen gehört als den Styl und die alte Tradition. Was er über den Parmenides gesagt mögen Sie Selbst sehen aus seiner Einleitung, die er schon für den Drukk an Frommann geschikt hatte , und dieser mir abschriftlich mittheilte. Ich schikke Ihnen diese, entweder mit diesem Briefe oder gelegentlich zur Ansicht. Sie werden sehen wieviel ich aus einer solchen Ansicht kann genommen haben. Den durchaus unkritischen Gedanken über den Phaidrus hatte ich in die Einleitung nicht aufnehmen wollen und er flikte ihn also hier ein. Auch werden Sie Ihre Konjectur dadurch bestätigt finden. Was sonst das Einzelne betrift: so erinnere ich mich, daß als er seine große Richtung noch nicht vorgenommen hatte er den Gorgias auf den Menon folgen ließ und beide nebst dem Laches und Charmides in seine dritte Periode der höchsten Vollendung und Klarheit sezte, nach Sophister und Politicus und Symposium. Dies fiel freilich weg als er alle diese Sagchen verwarf aber es geht daraus unwidersprechlich hervor, daß die ganze Eintheilung in verschiedne Massen und Perioden für ihn eine ganz andere Bedeutung hatte als für mich.  Bringen Sie nun in Anschlag wie meine Anordnung durchaus zusammen hängt mit dem aufgestellten Charakter der verschiedenen Perioden (worüber ich nie etwas ähnliches von ihm gehört | sondern ihm schienen nur die verschiedenen Grade der schriftstellerischen Vollendung die leitende Idee gewesen zu sein) und mit den Beweisen und einzelnen historischen Spuren aus Einem Stükk ist, wie ich mir schmeichle: so werden Sie aus dem allen selbst abnehmen wieviel Recht Schlegel hat sich diese Anordnung als sein Eigenthum anzueignen zurükzufordern, auch nur im Ganzen, viel weniger auch  über den ursprünglichen Text geschriebennoch im Einzelnen, worüber ich gewiß gar nie irgend etwas tüchtiges oder brauchbares von ihm gesehn oder gehört habe.  Als ich ihm bei seinen Verwerfungen die Citationen in unbezweifelten Aristotelischen Werken entgegenhielt, schien er über das chronologische und persönliche Verhältniß des Aristoteles zum Platon entweder im Dunkeln zu sein oder es à la Ast zu vernachläßigen. Was den Timaeus betrifft so hat er mir geschrieben, er sei von einer gewissen Stelle an (ich müßte erst seine Briefe nachsehen um sie anzugeben) untergeschoben, weil von da an Ideen vorkämen, welche offenbar Aristotelisch wären. Ich zweifle ob er, damals wenigstens, in dieser Beziehung den Aristoteles durchlaufen hatte, um sicher zu sein, daß dieser nicht auch jenes untergeschobene Stükk anführe. Als Friedrich das Werk selbst aufgab, schrieb er mir er wolle die Resultate seiner Forschungen über den Platon in einer sehr bald zu erwartenden Kritik des Platon zusammenfassen, die ich dann auch gutmüthigerweise in meiner Ankündigung des deutschen Plato mit angekündigt habe. Wollte ich nun nachher nicht etwas Besonderes schreiben: so mußte ich, soviel mir bekannt war, auf seine Fantasien wenigstens an den Hauptstellen Rüksicht nehmen; aber nennen konnte ich ihn doch unmöglich dabei!! Machen Sie aber hieraus nicht etwa den Schluß, er sei verdrießlich diese seine Kritik durch meine Bearbeitung theils überflüßig theils unpassend gemacht zu sehen. Sondern es ist ihm rein so Ernst wie er | es sagt. Er hat mich zu gering angesehen und sich eingebildet mir mehr gegeben zu haben als er hat. Je mehr ich  korr. aus: ihmim einzelnen vielleicht Recht habe gegen ihn desto mehr Werth legt er auf die erste Idee und glaubt diese allein gehabt zu haben, nur seiner Gedanken in ihrer Vollendung sich erinnernd und nicht des Einflusses, den ich doch auch auf diese gehabt. Ich überzeuge mich in dieser Hinsicht weniger Persönlichkeit zu haben als er, allein es kann mir doch nicht gleichgültig sein, ob er vielleicht nach meinem Tode eben so zum Publicum spricht, wie er zu Creuzer gesprochen hat. Daher werde ich doch Gelegenheit suchen müssen in der Charakteristik des Platon, die ich nach Vollendung der Uebersetzung als Anhang zu geben denke in der Vorrede wenigstens das Nöthige über die Geschiche des Werkes beizubringen.

Auf diese habe ich denn auch manches verspart was Sie in Ihrer Recension an mir vermissen, was ich aber in den Einleitungen nur übergangen habe theils weil es sich aus einem einzelnen Gespräch nicht darstellen läßt theils weil ich die Aufmerksamkeit nicht nach zu vielen Seiten zerstreuen wollte, theils auch weil ich zuversichtlich darauf rechnete daß mir während der Arbeit noch neue Aufschlüsse kommen würden. Dahin gehört unter andern alles historische über einzelne Dogmen, und so auch eine kritische Zusammenstellung aller Mythen. Was jenen Punkt betrifft so glaube ich eines  über den ursprünglichen Text geschriebeneine Hülfe wie Spalding Buttmann und Heindorf sie mir im gramatischen leisten nicht in dem gleichen Grade zu bedürfen, und ich hoffe die Folge soll Sie hierüber außer Sorgen sezen. Was den Mythos im Phaedrus besonders betrifft so habe ich zuerst keinen solchen Glauben an die Philolaischen Fragmente wie Sie. Eher halte ich was unter unbekanteren Namen geht a priori für ächt habe aber die größten Zweifel gegen alles sich für als Pythagoräisch ausgebende was Aristoteles, wo sich die Veranlassung dazu doch aufdrängt, nicht anführt. Dies ist für diese ganze Sache fast der | erste kritische Kanon. Ueberdies kann ich keine Bekanntschaft des Platon mit pythagoräischen Schriften vor seiner Italischen Reise zugeben, ohnerachtet Pythagoristen, erden(?)shaftes Auskehricht des zerstörten Bundes aus der exoterischen Klasse, freilich weit früher in Athen komödiert worden ist, dies sind zwei ganz verschiedene Gegenstände.



Die erste Masse dieses Briefes hat nun leider ein Paar Monate gelegen; sogar die Messe habe ich vorbeigehen lassen, so daß ich Ihnen nun nicht einmal jene schöne Einleitungzuschikken kann. Doch das geschieht gelegentlich; so wie ich auch hoffe noch öfter auf Ihre Recension zurükzukommen. Noch über manches Einzelne darin wollte ich Ihnen besonders sprechen, aber es ist mir in diesem Augenblik nicht gegenwärtig und auf den Augenblik kommt es nun an denn ich reise Morgen auf einige Wochen nach Rügen und kann dies nicht wieder unvollendet und unabgesendet liegen lassen. Nach meiner Rükkunft gehe ich an die lezte Arbeit des neuen Bandes und finde gewiß davon  über den ursprünglichen Text geschriebendabei Veranlassung Ihnen bald wieder zu schreiben.        Die Platonische Kritik wächst mir übrigens mächtig über den Kopf, und ich werde bald, schneller als einem das sonst in der Theologie zu begegnen pflegte, ein Hyperorthodoxer sein. Heindorf will nun den Kriton gar nicht mehr, auch nicht auf meine vielen Bedingungen, gelten lassen, und auch den Menexenos spricht er weit unbedingter ab als ich. Kaum werde ich dieses anders zu be | handeln wissen als auf gleichem Fuß mit dem Alcibiades I. Eine solche Akrisie aber wie die Astische ist mir lange nicht vorgekommen; dabei steht dem Mann das Vornehmthun ganz köstlich. Ich denke nicht sobald wieder etwas von ihm anzusehn. Eichstaedt klagt mir sehr jämmerlich daß er beide Recensionen die Ihrige und die Astische veranlaßt und nun selbst keine habe. Die Ihrige hätten ihm die Heidelberger debauchirt und die Astische hätte er früher nicht gemocht. An lezterem hat er dann sehr recht gethan.   Den Scherz den Sie mir versprochen in der Jenaer Zeitung habe ich auch noch nicht gefunden. Aber ich kann Niemand zureden in jener Zeitung zu recensiren, es ist mir selbst höchst widerlich; großentheils sehr schlechte Geselschaft, und alle Augenblikke ergeben sich die Leute einmal dem Teufel umsonst.   Freilich habe ich auch Marheineke und Ihnen der Jahrbücher wegen noch nicht geantwortet; aber ich denke Sie sezen voraus qui tacet consentire videtur, und wer wollte nicht gern an einem solchen Institut theilnehmen. Die  über den ursprünglichen Text geschriebenEine Recension über Ammons ReligionsVorträge würde ich schon eingeschikt haben wenn nicht der eine Band des Werkes unter Bücher verpakt gewesen wäre die in Halle zurük geblieben waren, die ich alle Augenblikke erwartete und jezt erst bekomen habe. Mit dem Paulus aber müßte sich doch die Redaction gedulden können bis andere Beschäftigungen mich veranlaßten ihn zu gebrauchen, sonst möchte die Sache doch zu viel Zeit kosten. | Wenn dies der Redaction nicht bequem und angemessen ist so wird sie mich verbinden wenn sie das Werk einem andern übergiebt: vielleicht findet sich sonst etwas der Art was ich eher fertigen kann.            Schlegels Recensionen in den Jahrbüchern sind von großer Milde, aber schon sehr durchscheinendem Katholicismus, und eigentlich wol weniger klar und sicher als sie den Meisten vorkommen werden. Auch bei dieser Gelegenheit hat Schlegel auf mich sticheln wollen in einem Briefe in dem er sagte „Fichte werde wol mit ihm auch [...](?)  über der Zeilenicht zufrieden sein; aber er habe doch wenigstens überall die Würde behauptet die der Gegenstand erfodre.[“]   Einiges merkwürdige, wie die große Abhandlung von Daub, habe ich noch nicht gelesen. Ganz geheuer und fest f  über den ursprünglichen Text geschrieben begründet scheint sie mir auch nicht zu sein, wiewol vortrefliche Sachen darin stehn.         Ich möchte Ihnen auch ungern beistimmen wenn Sie in dem Verfahren der Herren Daub und Schwarz in Ansehung meiner etwas zu finden glauben, was man lieber nicht sieht und nicht nennt. Es kann ja gar wol sein, daß sie mit De Wette zusammen alles was dort erfordert wird auszufüllen sich überzeugt hatten und daß sie manches störende erwarten wenn ich mit dem u [...](?)  über den ursprünglichen Text geschriebenmeinigen noch dazu käme. Dergleichen muß man wirklich mit der größten Milde beurtheilen. Ganz ein andres aber ist es mit Herrn Ewald. Da kann man Höchstens dem Unverstand zu Gute halten was vielleicht die Schlechtigkeit ausgebrütet hat. Desto mehr freut es mich daß der brave Creuzer sich so lebhaft für mich interessirt hat. Danken Sie ihm in meinem Namen recht herzlich dafür. Was seine historischen Bemühungen in der Philosophie betrift so bin ich ganz Ihrer Meinung. Die Bildung durch die Neuplatoniker tritt darin | sehr einseitig hervor, und da diese keine reinen Hellenen waren so faßt er eben deshalb auch alles ältre zumal weniger in seinem wahren Charakter auf.  So werden freilich auch unsere Heraklite sehr verschieden werden. Der meinige ist nun, für dies mal, was mich betrifft fertig, nur den Druk lasse ich noch unvollendet zurük. Etwas schwerfällig, wie ich pflege, werden Sie auch dieses finden, und für Ast wird es wieder einzeln zusammengeforscht sein nicht aus der TotalAnschauung der Hellenischen Philosophie, die freilich nur der Kundige  über der Zeiledarin erkenen wird, aber die auch in dem philologischen Museum äußerlich wenigstens nicht dominiren durfte. Kommt mir nun Creuzer noch mit vielen Fragmenten die ich zurükgelassen, so werde ich einen kleinen Schrek haben des unerwarteten wegen. Aber daß ich einige Irrthümer glüklich beseitiget und einige Dunkelheiten aufgeklärt wird er mir auch so wol nicht abstreiten.Ist Ihnen meine kleine Schrift über Universitäten etwa zu Gesicht gekommen? Diese ist nächst dem Heraklit so ziemlich alles was ich den Winter producirt habe. Ihre Grüße habe ich bestellt bis auf den an Madame Herz den ich selbst bestellen will denn sie ist seit mehreren Monaten auf Rügen wo ich sie nun zu sehn gedenke. Leben Sie wohl! Die Zeit drängt mich gewaltig. Bald sollen Sie wieder von mir hören.

Schleiermacher

B. d 18. Jun. 8.

Heindorf meint Sie hätten schon die Antwort. Er hat in diesen Tagen seit langer Zeit wieder einmal Blut gespien, aber ich denke es ist nicht gefährlich

Zitierhinweis

2701: An August Boeckh. Berlin, wohl Ende April bis Sonnabend, 18. 6. 1808. In: schleiermacher digital / Briefe, hg. v. Simon Gerber und Sarah Schmidt. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://schleiermacher-digital.de/v/fsb_0002701 [Druck: KGA V/10, Berlin 2015]