den 28 Apr

 Deinen lezten Brief muss ich eilig beantworten. Wolf hat seine Tochter aufgetragen ein Billet an Mine Alberti zu schreiben, damit diese mich erforschten sollte, ob ich willig wære nach Berlin zu kommen, weil er mit Stein gesprochen hätte – Bei Mine kannst du daher die aller genauesten Nachrichten erhalten, und von ihr auch erfahren, ob für mich etwas zu thun ist – Es wære doch fatal, wenn es am Ende nur eine Narrenposse von Wolf wære – Ihm habe ich nicht schreibe können, da er mir nicht geschrieben hat – Ich habe es in der That als ein gutes Zeichen, auch im Algemeinen, angesehen, und mich, deint- wie meintwegen ausserordentlich gefreuet. –

An das Gerücht ist Reichardt ganz unschuldig u. hat niemals etwas Æhnliches geschrieben, so wie er in allen seinen Briefen höchst besonnen und vorsichtig ist. Wenn du dazu beitragen kannst das dumme Gerücht zu vernichten, so würde es mir unsæglich lieb sein. Auch Mutter . hat nie so etwas geschrieben. Wir erhalten jezt wirklich ein Vierteljahr ausbezahlt, und mein Vierteljahr wird wohl von Creditoren in Empfang genommen werden – Nun – einige Zeit kann ich doch – zwar ausserordentlich eingeschrænkt – leben – 

Von Raumer kann ich dir sehr grüssen. Er ist ganz der liebe Mensch der immer war, hält dich so lieb wie immer, und wird dir schreiben – Er ist jezt ordentlich und öffentlich versprochen, und beide Eltern freuen sich sehr darüber – Auch seine haben nichts dagegen. Ich habe das Eis gebrochen – Denn ich könnte das | 29v halbe Verhæltniss gar nicht længer zusehen, und er reist auf zwei Jahre nach Paris , könnte also in der langen Zeit gar nicht an Ricke schreiben, und es wäre zu besorgen, dass eine oder die andere, oder beide sich fremd würden – Sie sind, wie du denken kannst, überaus glücklich – und Ricke kömmt mir doppelt so liebenswürdig vor wie sonst – Es ist, als hätte die Liebe ihr eine harte Schaale abgestreift – sie ist klarer, durchsichtiger gemüthvoller – Auch Raumer ist im Begriff eine empirische Ledernhaut, die wie eine fremde Haut, ihm nærrisch genug stand, und die er sich in Freiberg angeschafft hatte, abzustreifen. Gott behüte ihm nur für Paris ! Ich habe an ihm eine Erfahrung bestätigt gefunden, [die] ich öfters machte. Wenn junge Mænner die Einsicht früher als die Kenntnisse erhalten, können sie manchmahl überklug auf jene wie ein Philister auf seine schöne Kinderjahre zurückblicken. Unbestraft überspringt kein Mensch eine natürliche Stufe – und der arme Oehlenschlæger wusste sogar daran den Rousseau in Paris , wie früher den Jean Paul , übermæssig zu bewundern – Mit Raumer hat es nun keine Noth, die Einsicht ist bei ihm ursprünglich, und das pfauenschweifige Anlaufen rührt nur von dem Wasser  korr. aus: sehrher, wie alles Oberflächige Verwittern der nobelsten Metalle –

Gott sei mit Dir lieber Freundt Grüss Reimers den braven, sag’ ihm wie sehr ich mich freue ihm hier zu sehen – Die Bücher habe ich erhalten. Zwar, wenn ich Journäle, und den Buch über | 30 Landeck früher erhalten könnte, wære es mir sehr lieb.

Noch einmahl Adieu! die Hofnung mit Dir zu leben und zu arbeiten mag [ich] um keinen Preis aufgeben – Hanne und ich grüssen Nanny herzlich – Dich grüsst Hanne natürlich auch – Dein

H Steffens

Zitierhinweis

2697: Von Henrich Steffens. Halle (oder Giebichenstein), Donnerstag, 28. 4. 1808. In: schleiermacher digital / Briefe, hg. v. Simon Gerber und Sarah Schmidt. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://schleiermacher-digital.de/v/fsb_0002697 [Druck: KGA V/10, Berlin 2015]