Pillau den 28. April 1808.

Da ich so eben einen Brief von Spalding beantworte in dem nicht wenig von Dir die Rede ist, will ich Dir doch ein leztes Lebewohl sagen, ehe mich die ultima Thule empfängt, oder das stürmische Meer verschlingt, dessen feindliche Wogen ich jezt täglich beinah aus meinen Fenstern erblicke, während einige noch gerettete Opfer eines fürchterlichen Schifbruches bei mir noch Hülfe suchen, um sich noch Einmal diesem wütenden Element anzuvertrauen. Aber gegen dergleichen Furcht bin ich schon, wenn nicht völlig gestählt, doch abgestumpft, und das Schicksal meines bedrängten Vaterlandes ist der einzige Gedanke, mit dem ich aufstehe und mich zur Ruhe lege.

„Cum patriam amisi, tum me periisse putato.“

Es verhält sich mit Schweden in der | 89v That ganz anders als mit Deutschland. Dieses verliert seine gegenwärtige Verfassung, aber, stark genug durch innere Kraft, muß und wird sich dasselbe gewiß wieder verjüngt erheben aus seiner jezigen Schmach. Schon das Verhältnis des gesammten Deutschlands zu dem gesamten Frankreich ist tröstend und beruhigend. Nicht so bei uns, die wir im vollen Ernste um das „not to be“ spielen. Einmal zertrümmert oder zerstückelt können wir selbst unsrer örtlichen Lage nach unsre Unabhängigkeit schwerlich wieder erringen, unddem Riesen aus der Mitternacht Troz bieten. Den Verlust von Finnland, welches beinah den 3ten Theil unserer Bevölkerung enthält, können wir nie verschmerzen, und so gewiß wir es hätten vertheidigen können, wenn das Reich nicht von der entgegengesezten Seite nicht noch furchtbarer bedroht worden | 90 wäre – so unmöglich dürfte, zum Theil aus der nemlichen Ursache, die Wiedereroberung desselben werden, wenn die Russen sich erst festsezen und alle Vortheile der natürlichen Lage zu benuzen verstehen. Und von welchem Feind werden wir zermalmt? – Von ewigen, beinah unbildbaren, lichtscheuen und rohen Barbaren. Die armen Finnländer ; ich kann ohne Thränen nicht an ihr Schicksal denken. –

Wie es mir bei all diesen Aussichten zu Mute ist, kannst Du dir ungefehr vorstellen, denn mein persönliches Schicksal hängt auf das Genaueste mit dem öffentlichen zusammen. Daß ich nicht unter dem Unterdrücker meines Vaterlandes fortdienen könnte, versteht sich von selbst, und wenn er mich zu seinem Ersten Minister machen wolte. Ich bin stolz, aber nicht eitel, dabei von Seiten des Vermögens nicht unabhängig. Die | 90v Götter mögen also wissen, was künftig aus mir werden mag, denn wohin wendet man sich heute zu Tage? „ Graben kann ich nicht; auch schäme ich mich zu betteln “ . Am Ende möchte es wol noch so stark rauchen, daß man am liebsten herausginge! –

Ich bin in Verzweifelung, daß ich kein Schiff bekomme, und kann mir diese schreckliche Verzögerung nur durch den höchst wahrscheinlichen Untergang desjenigen erklären, das ich vor 6 Wochen abfertigte. Ich hatte meinem König auf eine so dringende Weise geschrieben – nur Französisch und in ungebundener Rede:

„Non me laetorum comitem, rebusque secundis accipis: in curas venio, partemque laborum. Da mihi castra sequi!“ –

Ich umarme Dich mit der herzlichsten und unveränderlichen Freundschaft, Dein Br.

Zitierhinweis

2696: Von Carl Gustav von Brinckmann. Pillau, Donnerstag, 28. 4. 1808. In: schleiermacher digital / Briefe, hg. v. Simon Gerber und Sarah Schmidt. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://schleiermacher-digital.de/v/fsb_0002696 [Druck: KGA V/10, Berlin 2015]