Berlin d. 10t. April 8.

Gerade zu Ihrem Geburtstag liebste Charlotte soll Ihnen unsere Freundinn kommen. Es ist gewiß ein liebes Geschenk dessen Sie werden recht froh werden so wie auch ihr das Leben mit Ihnen sehr wohlthätig sein wird. Mir ist ihr Zusammenleben mit Ihnen gar nicht wie etwas neues sondern ein alter ganz befreundeter Gedanke, und so verstehe ich es auch von Grund aus als hätte ich es lange Zeit mit angesehn.

Das ist nun einmal  korr. aus: eineein Genuß von dem ich hoffen kann daß die weltlichen Unruhen und Verwirrungen ihn nicht stören werden und ich werde recht oft im Geist meine Zuflucht nach Götemiz nehmen um mich zu erquiken, und es soll mir danach recht schön und kräftig zu Muthe werden.

Wie wenig ich Ihnen von mir selbst sagen kann darüber wird Ihnen unsere Freundin genaueren Bericht geben als es sich schriftlich lohnt. Meine Hofnung Sie auch diesen Sommer zu besuchen beruht bloß darauf ob sich sichere Aussichten hier eröfnen für den Herbst. Alsdann würde ich es ökonomisch möglich machen (was da ich meine gute Nanny nicht zurüklassen will und kann keine Kleinigkeit ist) und würde gewiß diese Herzstärkung noch mitnehmen auf die neue vielleicht mit mancherlei Schwierig | 31vkeiten verbundene Laufbahn. Finden sich diese Aussichten nicht so weiß ich freilich gar nicht was mit mir werden wird, und werde wol meinen Trost darin suchen müssen recht fleißig zu sein diesen Sommer, um wenigstens von einer Seite wenngleich die Schriftstellerei die unbedeutendste ist meinen Beruf zu erfüllen. Es kommt mir jezt sehr zu statten, daß ich für meine Privatangelegenheiten nicht das Bedürfniß habe sehr weit in die Zukunft zu sehn, sondern mich damit begnüge, daß ich immer mehr lerne, jeden Zustand, wie er sich darbietet, bestmöglichst zu verarbeiten. So freue ich mich daß ich jezt noch Vorlesungen halten und predigen kann; und wenn auch das erste in wenigen Wochen ein Ende nimmt so wird sich das lezte wol immer noch machen lassen, und wenn ich nur irgend durch kommen kann so kann ich hier vielerlei lernen und viel Studien und Vorarbeiten machen, die mir in Zukunft sehr zu statten kommen sollen. Sollten aber Ereignisse kommen die mich dringend von hier wegtrieben und sich nicht gleich ein wahrer Wirkungskreis für mich eröfnen, wohin liebste Freundin sollte ich lieber meine Zuflucht nehmen als nach Rügen , und zu Ihnen Sie gute liebe Charlotte. Geahndet hat mir wol eher so etwas – aber wieviel lieber möchte ich Sie mit guten Hofnungen für die Zukunft im Sommer auf ein Paar Wochen besuchen.

Daß Sie Sich fürs erste nicht übereilt haben eines Lehrers wegen scheint mir doch auch recht gut, und es freut mich zwiefach Luisen auf diese Art in Ihrem Hause zu wissen. Jette soll mir nun recht fleißig schreiben und ich hoffe mit den Kindern und mit dem ganzen Detail Ihres Lebens noch viel bekannter zu werden. Grüßen Sie alles aufs herzlichste.

Schleier

Zitierhinweis

2684: An Charlotte von Kathen. Berlin, Sonntag, 10. 4. 1808. In: schleiermacher digital / Briefe, hg. v. Simon Gerber und Sarah Schmidt. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://schleiermacher-digital.de/v/fsb_0002684 [Druck: KGA V/10, Berlin 2015]