Berlin d 1t. Merz. 1808.

Die üble Ahndung liebster Brinckmann womit dein lezter Brief endet, sollte mich schon eher zum Schreiben gebracht haben; allein ich hoffte immer noch besseres. Nun scheint sie sich leider mit starken Schritten ihrer Erfüllung zu nähern und ich eile dir noch einmal zu schreiben, ehe uns wieder die jezt so unschiftbare Ostsee trennt                   Laß mich Dir zuerst eine kleine Apologie halten für die kleine Schrift über Universitäten von der ich Fränkel vor einigen Tagen ein Exemplar für dich zugesendet habe.   Meine Absicht war sie ganz anonym herauszugeben, und dies bitte ich dich ja nicht zu vergessen wenn du sie liesest. Freilich habe ich nicht gehofft unentdeckt zu bleiben, wie ich denn fürchte, daß mir das nie gelingen wird, aber dennoch macht es einen großen Unterschied in der Art die Sachen zu sagen. Wie man manches von einem a  über den ursprünglichen Text geschriebenAndern spricht hinter seinem Rükken, ganz unbesorgt darum, ob er es wieder erfahren wird oder nicht, was man ihm doch um keinen Preis selbst grade so ins Gesicht sagen würde so scheint es mir auch hiemit. Reimer überredete mich hernach die Anonymität fahren zu lassen weil die Schrift sonst zu lange für das größere Publicum unter einer | Menge unbedeutender ähnlichen Inhalts sich verbergen würde, ein Grund dem ich nachgeben mußte, damals war aber nicht mehr Zeit irgendetwas zu ändern. So hat man schon vorzüglich die paar Federstriche über Engel getadelt, die mehrmir sehr zwekmäßig schienen um die regierenden Laien aufmerksam darauf zu machen, wie wenig der Mann sich eignete einen solchen Plan zu entwerfen, die ich aber gewiß in meiner eignen Person anders würde gefaßt haben. Einige Freunde hier haben geurtheilt die ganze Schrift überzeuge so sehr davon daß Berlin nicht der Ort für eine Universität sei daß der Anhang den Eindrukk nicht wieder verlöschen könne. Das wäre freilich sehr gegen meine Absicht, und sollte dieser Eindrukk allgemein sein so würde es mir leid thun nicht noch ein Paar Bogen an den Anhang gewendet zu haben. Meine Hauptabsicht indeß war nur den Gegensaz zwischen den deutschen Universitäten und den französischen Spezialschulen recht anschaulich und den Werth unserer einheimischen Form anschaulich(?)  über der Zeileeinleuchtend zu machen ohne eben gegen die andere direct zu polemisiren. Laß mich doch nun wenn du Zeit findest die kleine Broschüre zu lesen recht aufrichtig wissen wie sie dich afficirt  korr. aus: hasthat, und besonders auch ob du die ganze Schleiermachersche Schwerfälligkeit darin findest oder weniger davon. Der Platon ist auch in Fränkels Händen. Von der neuen Auflage der Predigten ist kein VelinExemplar | mehr da dagegen von der zweiten Sammlung sollst du bald eins erhalten.   Aber in welchem Irrthum stehst du als ob ich eine Sittenlehre herausgäbe? unmöglich kann ich ihn durch irgend etwas veranlaßt haben. Vorlesungen halte ich darüber; aber ich muß sie gewiß noch mehrere Male halten, und noch sehr umfassende Studien machen ehe ich an eine Herausgabe derselben denke mit der ich wol meine ganze Laufbahn lieber erst beschließen möchte.   Jezt size ich tief im alten Heraklit , dessen Fragmente und Philosopheme ich für das Museum der Alterthumswissenschaften darstelle.     Was begegnet dem Menschen alles! Vor wenigen Jahren noch hätte ich es für unmöglich gehalten in Verbindung mit Wolf auf dem Gebiet der Philologie aufzutreten. Aber die Virtuosen in diesem Fache sind so sparsam mit ihren Arbeiten daß die Stümper wol auch herbeigeholt werden müssen. Vielleicht habe ich aber den Titel eines Philologen recht nöthig bei dir um den Cynismus in der Hamburger Zeitung zu rechtfertigen. Es schien mir nöthig mit recht klaren Worten und so sinnlich anschaulich als möglich zu sagen wie jene neue Regierung die Gelehrten behandelt; und niemand schien es so gut thun zu können, als ich, von dem es unter Allen die mich überhaupt kennen, bekannt genug sein mußte, daß ich nicht saure Trauben schimpfte. Allgemein hat man freilich das Bild getadelt und es außer meinem Genren gefunden; indeß scheint mir doch der ganzen Sache der rechte Trumpf zu fehlen wenn ich es mir gestrichen denke.

 Mit dem Stolberg magst du ganz Recht haben, ich habe das Buch immer noch nicht gelesen; aber könnte man nicht gegen die Ehrlichkeit und Treue des Mannes | eben dieses einwenden daß er einem Werke welches durchaus subjectiv ist wie du es schilderst den Titel der Geschichte giebt? Kann Jemand, ohne die bekannte schlimme Seite dieser Tugend so ehrlich sein, daß man dies nicht müßte für erschleichend und verführerisch halten? Auch Jacobis Abhandlung habe ich nicht gelesen. Mich schrekte die diffuse Form und das fast absichtliche Prunken mit Citaten die denn doch wieder nicht gelehrt sind. Ein so geistvoller Mann mit so wenig wissenschaftlicher Virtuosität, so voll herrlichem Eifer für die Sache und dabei so ängstlich bedacht das Aeußere zu schonen mag übel genug daran sein als Präsident einer solchen neuen Akademie, und hat offenbar keinen andern Ausweg als ein solches Meisterstükk zu geben wie unsere beiden Schilderungen gemeinschaftlich es  über der Zeilean diesem finden. – Deine Vorwürfe über meine Recension des Fichte wünschte ich mir gern nur durch ein Paar Beispiele deutlich zu machen, da ich durchaus ein unbeschränktes Vertrauen an die Aufrichtigkeit deines Gefühls besonders auch in diesem Punkt habe. Ich bin mir aber nicht bewußt aus der bloß philosophischen Härte anders herausgegangen zu sein als wo von seiner calumniösen Rhetorik gegen Schelling (für den ich wie Du weißt gar keine parteiische Vorliebe habe) die Rede ist, die selbst so ganz aus dem philosophischen Gebiet herausgeht. Indeß hätte ich es wol auch hier vermeiden können. Sonst aber weiß ich daß ich tausendfältigen Spaß der sich selbst darbot immer heruntergeschlukt habe, und wenn noch welcher dasteht möchte ich Alles wetten daß ich ihn gar nicht gemacht habe sondern unmittelbar Fichte selbst. Mit dem Recensenten meiner Reden ist es mir eben gegangen wie Dir. Der der Weihnachtsfeier hat so schön geschrieben als man in einer Recension nur schreiben kann. Ich möchte ihn kennen und glaube daß ich mich über das was ich für Mißverstand halte sehr leicht mit ihm einigen würde. Einige glauben es ist Schelling .  

Die Herz hat sich Deines freundlichen Andenkens sehr gefreut und mir die besten Grüße aufgetragen. Sie verläßt uns bald um auch größtentheils aus ökonomischen Rüksichten wenigstens bis gegen nächsten Winter vielleicht noch länger auf Rügen bei einer gemeinschaftlichen Freundin von uns zu wohnen. Bei ökonomisch fällt mir noch ein daß die Münzverwirrung welche jezt hier herrscht mich wol nöthigen wird wenn auch nur auf einige Zeit wie ich hoffe auch von deinem zweiten Anerbieten noch Gebrauch zu machen. – Möchtest du doch nicht nöthig haben über das leer(?) zu werden und vor allen Dingen dein Vaterland ein besseres Schiksal haben als das meinige.

Zitierhinweis

2650: An Carl Gustav von Brinckmann. Berlin, Dienstag, 1. 3. 1808. In: schleiermacher digital / Briefe, hg. v. Simon Gerber und Sarah Schmidt. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://schleiermacher-digital.de/v/fsb_0002650 [Druck: KGA V/10, Berlin 2015]