K. den 7. Februar 1808.

Herzlichen Dank, mein Lieber für Deinen Brief vom 26. Januar den ich ausführlicher beantworten würde, wenn nicht seit einigen Tagen unerträgliche Geschäfte mit einer ihnen völlig entsprechenden Migräne mich so ganz erschöpft hätten, daß ich nicht ohne Zittern die Feder führe. Die kleine Fränckelsche Geldangelegenheit wird jezt wohl schon in Ordnung sein. Ich habe Euch beiden neulich weiter darüber geschrieben.

Bei Reimer bitte ich aber sehr darauf zu dringen den mir bestimmten Prachtabdruck des Platon ja nicht zu vergessen, sondern solchen gewissenhaft an Fränkel abzuliefern.   Auch wenn ein solcher von der neuen Ausgabe deiner | 83v Predigten zu haben ist, und von der Sittenlehre bestelle ich mir im Voraus einen unbeschreiblich schönen.  

  Über den Stolberg müssen wir uns verstehen. Von eigentlicher Geschichte, oder nur von irgend historischem Sinn des Verfassers ist bei diesem Werke die Rede nicht. Es ist durchaus nur ein an heilige Sagen der Vorzeit sich anlehnendes Erbauungsbuch – aber als solches hat es mich angezogen, wegen der kraftvollen Überzeugung und unerschütterlichen Anhänglichkeit an die von dem Gläubigen, wenn auch noch so einseitig aufgefaßte Wahrheit. Du kennst schon meine Vorliebe für jede Art von Eigenthümlichkeit, und wenn mir manche grellen SonderlingsAnsichten neuerungssüchtiger Alterthümlichkeit weniger behagen, so kommt es gewöhnlich daher, daß ich | 84 in diesen so oft nur angeeignete Eigenthümlichkeit wahrnehme. Stolberg ist ehrlich und treu, und nur selten verleidet einem hie und da streitselige Bitterkeit den Genuß einer echt religiösen Stimmung.  

  Hast Du wohl Jacobis Abhandlung über gelehrte Geselschaften gelesen? Es sind doch köstliche Bruchstücke, und die Entgegenstellung der blossen Verstandesbildung und der gehaltvolleren Vernunftentwickelung scheint mir vorzüglich ein beneidenswerthes Meisterstück. Nur so muß man über unsre Verhältnisse mit Würde und Selbstgefühl sprechen; „Wer Ohren hat zu hören“ – wird schon verstehen, und „die daraussen sind,“ brauchen kaum zu ahnden wovon die Rede ist.  

Was Du mir wegen Steffens aufträgst, ist, Leider, so leicht nicht auszuführen. Die rücksichtlosen Schreier einer unmündigen | 84v Filosofie haben die Machthaber gewaltig verschüchtert. Das vieltönige Gekreisch, „daß der Preuß ische Staat durch die Aufklärung zertrümmert worden sei,“ hat in vielen Rücksichten sehr unvortheilhaft gewirkt. Mit eigenen Worten sagte mir der Feldmarschall Kalkreuth: „Wissen Sie, was uns dahin gebracht hat, wo wir jezt sind – Nichts als die Kantische Terminologie!“ „Das ahndeten die Festungsverräther selbst wohl nicht!“ – antwortete ich mit verbissener Boßheit. – Daß ich übrigens da, wo es noch einiger Massen angebracht ist, zu sprechen und zu wirken strebe, wie es sich gebührt, sine ira et studio, kannst Du Dir leicht vorstellen.  Aber, Leider, dürfte es wohl mit meinem Wirken allhie bald in jeder Rücksicht ein Ende haben. Dies im Vertrauen! – 

  Herzliche Grüsse an die Herz   und an Spalding .

Dein Br.

Zitierhinweis

2627: Von Carl Gustav von Brinckmann. Königsberg, Sonntag, 7. 2. 1808 . In: schleiermacher digital / Briefe, hg. v. Simon Gerber und Sarah Schmidt. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://schleiermacher-digital.de/v/fsb_0002627 [Druck: KGA V/10, Berlin 2015]