K. den 23. Jenner 1808.

  Als ich mir vor einiger Zeit erlaubte Dir eine Anweisung auf Fränkel zu schicken, fiel es mir nicht ein, daß es nothwendig sein möchte, ihn noch besonders davon zu benachrichtigen. Nachher hat er mir gemeldet, es sei Kaufmannssitte, solches nicht zu unterlassen, und es würde mir sehr Leid thun, wenn er sich hiebei zu strenge an jene Form gehalten, und Dich unnöthiger Weise warten gelassen hätte. Mit der heutigen Post habe ich meine Vernachlässigung wieder gut zu machen gesucht, und ihn zugleich im Voraus beauftragt, Dir noch 100. r. ausser den ersten auszuzahlen, im Fall Du sie nöthig haben möchtest. –  

Ich habe die Ersparnisse meines Lithauischen Aufenthalts dazu angewendet, alte Schulden zu bezahlen, und folglich komme ich mir den Augenblick wieder etwas reich vor.

Beiläufig: Aus der LiteraturZeitung , die ich jezt wieder seit dem Anfange des Krieges zum ersten | 81v mal gesehen habe, merke ich, daß ich auch noch in Deiner Schuld stehe; nehmlich für die Einrückung meiner Schuzworte für die Ansichten . Laß Dir das doch auch von Fränkel bezahlen, und zeige ihm allenfals diese Zeilen.

Was die Gegenrede des Beurtheilers betrift, so halte ich sie ganz unparteiisch für – schlecht. Ich hätte vielleicht besser geschwiegen, denn ganz ehrlich ist jener Tadel schwerlich gemeint gewesen; Was er jezt erwiedert ist offenbar schief. Wolte der Himmel, man könnte mir nichts ärgers vorwerfen als Herabwürdigung der ältern Gottesweisheit, und Verkennung ihres religiösen Strebens, zumal an dieser Stelle.

Die Beurtheilung der Weihnachtsfeier hat mir durch ihre Feinheit gefallen; minder die der Reden, wo gewiß Mißverständniß obwaltet. Ich habe diese sehr aufmerksam gelesen, aber mit keinem reinen Genuß; denn alle Augenblicke hätte ich den Verfasser festhalten mögen, um ihm Vordersätze abzustreiten, | 82 auf die er ganz sorglos weiter bauet.

  Darf ich aber eben so offen über die strenge Verurtheilung der Fichtischen Vorlesungen sprechen, die, wenn mich nicht alles trügt, von Dir ist. In der Hauptsache bin ich mit dieser Rüge einer kalten und seelenlosen Schwärmerei völlig einverstanden; aber solte der sonst verdienstvolle Mann nicht etwas glimpflicher behandelt werden. Nicht mit mehr Schonung, aber vielleicht mit mehr bloß filosofischer Härte? Ich befürchte indeß Du möchtest schon in diesem Zweifel ein zu hofmännisches Zartgefühl wittern. –  

Ich kann Dir übrigens nicht beschreiben, wie innig und unruhevoll ich mich nach Deinem Umgange sehne; in diesem Zeitpunkte mehr als jemals. Mit mir selbst glaube ich im Klaren zu sein, und nichts würde mir erbärmlicher vorkommen, als wenn solche Kleinigkeiten, wie die grossen Weltbegebenheiten den inneren Menschen veränderten. Aber ich begreife eben deswegen so viele der | 82v Bessern nicht, deren Geist mir von diesem niedrigen Wirwarr überall mehr oder weniger bestrickt [zu] sein [scheint]. Auf die Religion, die uns darum ein näheres und allgemeineres Bedürfnis werden soll, weil – die Russen bei Friedland geschlagen worden , thu ich meiner Seits gern Verzicht. Und doch – du verstehst mich doch – kränkelt so vieles dahin. Ich hätte Tage lang mit Dir zu sprechen; Schreiben lohnt nicht, und macht Dir lange Weile. Auch verzeihe ich dein gänzliches Verstummen aus Liebe zu Platon , zur Sittenlehre und zu Deinen neuen Predigten .

Seit ich hier bin komme ich mir schon etwas gelehrter vor, buchbekanter wenigstens, und ich habe hier schon so manches Neuere mit frischer Theilnahme gelesen.

Grüße die Herzen recht herzlich und freundlich, und sage ihr, wie lebendig ich mich am Neujahrstage erinnerte, daß ich gerade damals vor 17 Jahren ihre Bekantschaft machte. Ach das war wohl eine gute und schöne Zeit.

Dein Br.

Zitierhinweis

2616: Von Carl Gustav von Brinckmann. Königsberg, Sonnabend, 23. 1. 1808 . In: schleiermacher digital / Briefe, hg. v. Simon Gerber und Sarah Schmidt. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://schleiermacher-digital.de/v/fsb_0002616 [Druck: KGA V/10, Berlin 2015]