den 20ten Januar 1808.

Ohne daß Sie es wollten mein lieber Freund, ist mir Ihr liebes Geschenk doch grade am Juhlklapps Tag gekommen, und noch dazu ging es recht wunderlich damit zu.   In Magdeburg hatte man statt den Musikalien, Gott weiß waß für verbotene Dinge in dem Päckchen vermuthet, es war also dort angehalten, und mit einem Briefe des dortigen Gouverneurs an den hiesigen , mit der Militairpost, überschikt. Der Gouverneur (welcher nicht deutsch spricht) ließ also (wie immer in solchen Fällen) meinen Cummerow , der sehr fertig im französischen ist, holen. Schon die Entdekung welcher dieser dadurch machte daß er mich als seine Frau anzeigt, macht den Gouverneur vielen Spaß, und als nun vollens mein Cummerow mit den Worten „meine Frau führt nur musikalische Correspondenzen“ das Päckchen öffnet, und sich wirklich Musikalien darin finden, so hat man denn vollends darüber gelacht.  

Jetzt meinen besten Dank für dies liebe Geschenk, indessen haben Sie damit doch meinen Kräften zu viel zugetraut. Ich kann mich nur jetzt noch als Geschenk von Ihnen darüber freuen. Beethoven ist gewiß (darüber bin ich mit Ihnen | 12v einig) der verdienstvollste Künstler unsrer heutigen Zeit, aber er ist auch der schwerste, und ich achte ihn zu sehr um ihn zu mishandeln. Ja [ich] kenne unter allen welche um mich herum Musik treiben, nur Eine von der man mit Überzeugung sagen kann sie weiß den Beethoven recht ordentlich zu spielen.        Gelingt es mir noch einst eine solche Stuffe in der Musik zu erreichen daß ich es wagen kann Gebrauch von Ihrem lieben Geschenk zu machen, so soll mein Fleiß mich über alle Mühe hinwegtragen und ich werde unermüdet darin fortgehen, jetzt aber ist mir dies Ziel noch sehr ferne, und leider wohl auch für immer unerreichbar.

Von mir selbst kann ich Ihnen wenig sagen, so wie ich über vieles schweigen muß. Hier werden jetzt alle Briefe geöffnet und gelesen, es ist ein Officier auf dem Posthause zu diesem Geschäft einquartiert. Vielleicht ist dies eben so bej Ihnen

Die frohe Aussicht welche Sie mir geben daß vielleicht der nächste Sommer mich mit Ihrer Freundin bekannt machen soll, ist allerdings sehr schön, doch werden Sie es nur natürlich finden wenn ich Ihnen sage daß ich mich noch mehr zu Ihrem Wiedersehen freue. Da aber die jetzige | 13 Zeit überhaupt reicher an verfehlten als an erreichten Wünschen ist, so will ich lieber der Hoffnung noch nicht zu viel Raum geben.

Mein Cummerow ist wohl, meine Lotte wächst heran und wird gut, auch bildet sich ihr Geist leichter und freier als ich es früher zu hoffen wagte, und lebhafter ist sie auch geworden. Für Musik zeigt sie kein Intresse, aber auch keinen Widerwillen, dies war in eben dem Alter auch mit mir der Fall, und so lasse ich sie denn immer weiter fort gehen, auch spielt sie manches schon ganz artig auf ihrer kleinen Harfe. Von Jettchen weiß ich Ihnen nun nur zu sagen daß ihre Kinder sehr krank gewesen, doch jetzt wieder besser sind. Alle sind noch in Poseritz , sie hat mir lange nicht geschrieben. Vor etwa 4 Wochen reißte ein französischer Officier Nahmens Capitain Pissaut . Er logirt bej den Buchhändler Warnitzer(?) in Berlin , er ist ein sehr gefälliger Mann. Sollten Sie etwa einiges hierher zu besorgen haben so wird er es gerne bestellen wenn Sie ihm sagen daß diese Anweisung von mir kommt, und ihm dabej einen Gruß von mir sagen. Seine dortigen Geschäfte werden bald beendigt sejn, und dann geht er auf hier zurück.        Vielleicht erhalte | 13v ich doch wenigstens einen Brief von Ihnen durch ihn.

Meine gute Friedrike ist wohl mit ihren Kindern und grüßt Sie herz lich.

Sagen Sie mir doch bald wie es Ihnen geht, ob Sie in Berlin bleiben werden, und waß ich in Hinsicht Ihrer, und der Reise Ihrer Freundin, für diesen Sommer hoffen kann .

Leben Sie wohl mein theurer Freund.

Lotte

Zitierhinweis

2613: Von Charlotte Cummerow. Stralsund, Mittwoch, 20. 1. 1808. In: schleiermacher digital / Briefe, hg. v. Simon Gerber und Sarah Schmidt. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://schleiermacher-digital.de/v/fsb_0002613 [Druck: KGA V/10, Berlin 2015]