Montag Abend Poseriz d. 17t. Januar

Ich danke Dir von ganzem Herzen für Deinen lieben Brief. Du hast mir sehr wohl gethan – ja wohl wußte ich immer daß Du mit aller Liebe an mir gehangen.        Daß Dein sehr langes Schweigen mir dennoch schmerzlich ward, ist natürlich da ich oft eine so innige Sehnsucht nach Dir empfand, und immer vergebens auf Deine lieben Worte wartete. Ja lieber Vater in mancher einsamen Stunde an dem Bette meiner kranken Jette habe ich kein größres Verlangen gehabt als daß mir ein Brief von Dir gebracht werden möchte. Ich glaube wohl daß Dir nicht zum schreiben aufgelegt war. Du lieber wie nahe geht mir Alles was Du verloren hast! wie begreife ich deinen Schmerz um’s Vaterland! um Deinen zerstörten Wirkungskreis.         Vielen Schmerzen ist mein Ehrenfried entgangen, sehr bitteren Sorgen um Weib und Kinder – unendlich beruhigend ist mir der Gedanke an sein ungetrübtes Leben – an seine unbegrifne und doch so gewiße Glückseeligkeit. Wie es mit uns jezt sein würde hätte er gelebt | 1v davon habe ich keine deutliche Vorstellung, aber auf jeden Fall wäre unsere Laage sehr drückend geworden –        Ach lieber Vater mir ist wehe und trübe – wenn ich Morgens aus meinem Fenster das glühende Morgenroth empor steigen sehe – dann durchdringt mich Ahndung und Hoffnung – und wenn ich dann frage was ich denn will und was mir kommen kann – so weiß ich nichts und kann mich nur halten an dem Glauben an ein Morgenroth auch nach der Grabes-Nacht. – Viele leiden in dieser Zeit, manches schöne Familienleben ist gestört, doch die Meisten blicken mit Hoffnung in die Zukunft, bessere Zeiten werden ihnen Alles wiederbringen – – mir ist Alles gleich, ach ich habe oft eine fürchterliche Gleichgültigkeit –

Donnerstag .

Schlichtkrulls und Louise sind nach Garz gefahren die Kinderchen schlafen beide so ruhig – wie gerne plauderte ich nun noch ein bischen mit Dir mein Herzensvater!

Du weißt von Jette wie ich diese lezten Monate verlebt habe welche Angst und welche Freude ich geschmeckt, sehr sehr einsam habe ich das | 2 schöne Weinachtsfest zugebracht, mit großer Liebe und Sehnsucht auf Dich gehoft – doch kamst Du immer nicht – am Neujahrsmorgen grade wie Du so herrlich gepredigt hast, war ich auch in Gedanken bei Dir, ich schrieb etwas nieder für Dich, habe es aber nachher wieder vernichtet. Mir geht es oft so, ich habe Verlangen mich auszusprechen, wenn ich es gethan, in einer andern gleichgültigen Stunde es zur Hand nehme, dünckt mich, es sei nicht für mich solche Momente auszureden und werfe meine Blätter ins Feuer –

Deine Predigten habe ich nach langer Zeit wieder gelesen am Bette meines Töchterchens ich habe in ihnen wieder Beruhigung und Erleuchtung gefunden. Auch Wolfs Predigten, (kennst Du sie schon?) sind mir sehr lieb geworden –         Wie herzlich danke ich Dir für die Freude die Du mir durch den Auftrag machst Dir ein Paar Handschu wieder zu stricken wie gerne thue ichs – daß Du sie nicht schnell brauchst ist mir lieb.

Von meinem herrlichen Knaben möchte ich Dir gerne viel erzählen – ach könnte ich ihn Dir doch bald selbst auf die Arme geben! Ja lieber Vater die gewisseste Ahndung | 2v habe ich in mir daß Du einst den nächsten Theil an diesem Kinde haben wirst – Dir werde ich ihn am liebsten bringen wenn er mehr bedarf als die Mutter ihm sein kann und die schmerzhafte Trennung doch unvermeidlich ist – Du wirst ihn gerne nehmen und ihm Vater sein – Wohl schön ist dein Gedanke daß auch wir uns dann näher sein möchten, ach es gäbe für mich kein reineres schöneres Glück! auch ist mir oft als werde Gott es so fügen wenn ich gleich gar nicht sehe wie es könte ausgeführt werden. Bei allem diesen habe ich eine unaussprechliche Zuversicht daß Gott es leiten wird wie es für mich und die Kinder am besten ist, und so wie ohne alle Furcht so lebe ich auch ohne allen Plan in die Zukunft hinein –

Welch ein herrliches frommes Gemüth spricht aus dem Jungen! und eine ununterbrochne Thätigkeit und Heiterkeit – Sei unbesorgt guter Vater ich werde den Knaben nicht verweichlichen er ist so brav und gewandt daß er oft Fremde in das gröste Erstaunen sezt. Er kriecht jezt mit der grösten Schnelligkeit die Stube auf und nieder, richtet sich an allen Stühlen in die Höhe und wird gewiß nächstens allein davon laufen – nur ein Beispiel | 3 wie närrisch der Junge oft ist, so stand er neulich und entdeckte von Ohngefähr daß er mit seinem kleinen Fuß auf die Erde scharren könne, hierüber war er außer sich vor Vergnügen, so wie der kleine schwarze Schuh unterm Rock wieder hervorkam lachte er hell auf. Eben so kann er sich viertelstunden lang mit seinen eignen Händen unterhalten er dreht und wendet die kleinen dicken Fäuste so viel hin und her, macht sie zu und wieder offen, und entdeckt immer wieder etwas neues das ihm auffallend und lächerlich ist. In diesen Tagen hat er den ersten Zahn bekommen obgleich er etwas unpäßlich dabei ist, ist seine Heiterkeit doch unverändert.  Die kleine Jette erlangt auch immer mehr ihre Kräfte wieder, das Kind war unbeschreiblich liebenswürdig als sie zuerst wieder ins Leben trat und selbst ihre Genesung fühlte – jezt kehrt die vorige Lebendigkeit damit auch die vorige Heftigkeit zurück, sie ist ein ganz eignes Kind, voll Liebe und Lieblichkeit und oft dann wieder zeigt sich eine unbegreiffliche Härte und Disharmonie in ihrem Wesen. Sie ist mir von Anfang an ein sehr saures Kind gewesen | 3v ich glaube es ist unmöglich mehr Sorgfalt und Geduld bei einem Kinde zu haben als ich bei ihr gehabt, doch ist mir’s nicht gelungen ein gewisses unruhiges verdrießliches Wesen zu heben. Es war früher oft so arg daß bei aller Liebe und allen guten Vorsätzen zur unermüdlichen Geduld, ich doch bisweilen dadurch so gereizt ward daß ich einer augenblicklichen Heftigkeit nicht wiederstehn konnte. Jezt bin ich sicher mich nicht wieder darauf zu ertappen und auch mit Jette ist es beßer geworden wenngleich noch nicht ganz gut – Wie innig habe ich mich oft nach Deiner Gegenwart nach Deinem Rath gesehnt! 

Ich glaube fast daß der Knabe mehr Ehrenfrieds und Jette mehr mein Gemüth erhalten hat auch ich bin ein sehr eigensinniges Kind gewesen, bei allem was Jette tadelnswerthes hat ist mir immer als trüge ich davon die Schuld – Wie unbeschreiblich sehne ich mich oft nach Dir mein treuer Vater, wie viel wird mir die Nähe der theuren Jette sein! Ach wäre es doch recht gewiß daß ich Dich auch diesen Frühling oder Sommer sehen werde! ich weiß Du komst wenn es Dir möglich ist! | 4 Die rechte Mittheilung über meine Kinder kann erst dann beginnen wenn Du sie selbst kennst, dann wirst Du mir Rath geben können der mir von Dir so werth sein wird –

Wie die Jette drollig aussieht wenn sie so altverständig sich vor den Bruder hinstellt „niebes süßes Kind?“! sie ist oft erstaunlich zärtlich gegen den kleinen Bruder aber eben so wenig macht sie sich ein Gewißen daraus auf ihn zu schlagen wenn er ihr Spiel in Unordnung bringt oder dergleichen. Sie hat schon erstaunlich viel Ueberwindung, im selben Augenblick wenn sie schlagen wollte bedenckt sie sich oft plözlich und streichelt an dessen statt,mir ist als möchte ich lieber diese Ueberwindung noch nicht in ihrem Alter, doch ist sie ihrer Natur wohl nothwendig die sich so zur Uebertreibung neigt. Ich bin oft recht strenge gegen sie doch im Ganzen lasse ich ihr viel Freiheit und glaube gewiß daß ich darin Recht thue, ich werde aber öfter darum verkannt und getadelt, besonders Louise hat mich in dieser Hinsicht öfters recht gekränkt; ich darf es Dir sagen weil Du so gut wie ich es weißt daß sie es nicht schlimm meint, sie hat ein Bild von artigen Kindern vor Augen das auch recht schön ist, aber ich kann Jette nun doch | 4v nicht gleich so machen wenn ihre Natur nicht so ist, Jette ist eigentlich gar nicht eigensinnig noch überhaupt unartig, sondern sehr lencksam, nur heftig auffahrend im Augenblick, verdrießlich und unruhig im Spiel. Ist sie unartig gewesen und ich sage ihr auch kein Wort sehe sie gar nicht einmahl an, so weint sie doch selbst heiße Thränen, komt weinend und erzählt mir was sie gethan hat, so daß es mir oft rührend ist – das Kind hat überhaupt viel tragisches – wie war es mir auffallend, als kleines Kind schrie sie fast nie sondern weinte immer große Thränen, hatte dabei so wircklich wehmüthige Minen, daß sie mich simpathetisch zur Wehmuth mit aufregten – Was mir jezt stöhrend an ihr ist, ist eine erschreckliche Eßbegierde, alle ihre Phantasien ihre Freuden drehen sich um diesen Genuß, sie war schon immer sehr starck, aber durch die Krankheit ist sie noch um vieles vermehrt. Man würde dies nicht von ihr glauben wenn man sie so sähe, so geistig ist das Gesichtchen, der ganze Körper so zart. Lieber Vater ich habe wohl zu viel geplaudert ist Dir die Zeit auch lang geworden?

 kopfstehend am oberen Rand von Bl. 1 Schreib doch bald ob Du in Berlin bleibst  kopfstehend am oberen Rand von Bl. 1 oder nach Halle gehst, die Universität wird ja wieder aufgerichtet?

Zitierhinweis

2611: Von Henriette von Willich. Poseritz, Sonntag, 17.1. bis Donnerstag, 21. 1. 1808 . In: schleiermacher digital / Briefe, hg. v. Simon Gerber und Sarah Schmidt. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://schleiermacher-digital.de/v/fsb_0002611 [Druck: KGA V/10, Berlin 2015]