den 10ten Januar

Seit Ihrer Abreise, mein bester Freund, ist unser Leben so ganz eingezogen und so ganz den alltäglichen Beschäftigungen, die Sie kennen, gewidmet gewesen daß ich mich noch nicht bis zu einem Briefe an Sie habe erheben können, so oft auch meine Gedanken bey Ihnen waren. Besonders herzlich dachte ich Ihrer am Weinachtstage den wir in unserm stillen Kreise so rührend gefeyert und Ihre und der guten Mine Entfernung war die einzige wehmüthige Empfindung in meiner Freude. Ohngeachtet allem was Sie mir schrieben kann ich die Hoffnung noch nicht aufgeben daß ein gütiges Geschick uns vieleicht noch alle wieder hier vereint. Niemeiers Erhebung hat mich zwar wieder etwas niedergeschlagen da ich nicht weiß in wie fern sie auf Ihre Existenz | 13v hier Einflus haben könnte. Wenn ich nur das eine sicher wüste daß wenn Steffens sich entschlösse zurückzukehren dies Sie veranlassen könnte auch hier, wie Sie es jetzt in Berlin zuthun hoffen, sich wieder mit ihm zu vereinigen, denn mir ist sehr bange aus vielen Ursachen, daß mann ihn doch nicht nach Berlin rufen wird und Sie wären dann dort gefesselt und er hier, das wäre das traurigste was ich mir denken könnte. Daß Vater in Cassel ist hat Mine Ihnen gesagt wir sind sehr begierig zuhören was er dort für sich ausrichten wird mir ist alles gleich, wenn wir nur hierbleiben können und gegen Wirklichen Mangel geschützt sind, in allem Uebrigen ist die Zeit in der wir leben eine gute Lehrerinn.

Daß die Herz ihre Abreise noch etwas aufgeschoben freut mich herzlich | 14 so wohl Ihretwegen als ihrer Selbst willen. – Gott gebe Ihnen bald wieder ein ruhiges Leben und einen Wirkungskreis wie Sie ihn einst hier hatten. Die Zeit war doch sehr schön lieber Schleiermacher wie Sie zuerst nach Halle kamen, wie wir alle Sie gleich so lieb hatten als hätten wir uns lange gekannt, wie ich da mit einemmahl wieder componieren konte und meine ersten Versuche gleich von Ihnen so sehr beherzigt wurden, daran denke ich immer noch mit gerührtem Herzen und mein ganzes Leben ist seitdem zu einem Dankgebeth geworden. –

Seyn Sie tausendmahl gegrüst von uns allen, ich werde es Ihnen sehr danken wenn Sie mir bisweilen etwas über Mine sagen denn das gute Mädchen ist etwas flüchtig im Schreiben. Nanny grüße ich herzlich und bitte um ihr freundliches Andenken. Auch Reimer herzliche Grüße.

Louise R.

Zitierhinweis

2607: Von Luise Reichardt. Giebichenstein, Sonntag, 10. 1. 1808. In: schleiermacher digital / Briefe, hg. v. Simon Gerber und Sarah Schmidt. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://schleiermacher-digital.de/v/fsb_0002607 [Druck: KGA V/10, Berlin 2015]