Den 7ten Januar

Meinen herzlichen Dank, lieber Schleiermacher, daß Sie mir in Ihren freundlichen Worten eine so unerwartete Weihnachtsfreude bereiteten. Zuerst als ich Ihre Hand erkannte, und dann wieder die Garbe auf dem Siegel, mich glauben machte der Brief komme von Wusterhausen ; da war ich ordentlich böse daß sich jemand unterstehen könnte eben so zu schreiben. – Wenn ich auch als unverdient die Theilnahme erkennen muß mit der Sie zu mir sprechen, sollen Ihre Worte doch gewiß nicht auf steinigten Boden gefallen sein . Wohl weiß ich wofür ich am meisten mich hüthen muß; es ist eben jenes in mich gekehrte Sinnen, wozu meine Lage nur zu sehr mir Gelegenheit giebt, und was jede Kraft in mir zu zerstören troht. So wär Ihr Wunsch daß ich recht viele Geschäffte haben mögte gewiß der beste für mich; aber die meinigen wollen mir nicht genügen. Alle unsere Geschäffte sind ja, wenn das höchste Interesse fehlt, denen die uns die Nächsten sind damit Freude zu machen, immer nur unbedeutend; und diese Bedeutung ihnen zu geben, wird mir nicht vergönnt. Der Mutter Abneigung gegen mich, wirkt zerstörend auf alles was mich umgiebt, darum kann | 1v auch der Umgang mit Ggen(?)s mir weniger Freude gewähren. Wie oft werde ich Gelegenheit haben an Ihren freundlichen Rath zu denken nur ganz in der Stille auf sie zu wirken, denn schon jetzt fürchtet die Mutter mein Beispiel mögte ihr schaden. Ich habe gewiß keine so hohe Meinung von mir daß ich glauben sollte unter allen hiesigen Mädchen könnte nicht eine mir eine angenehme Gesellschaft sein; schon Louise Goerschen ist mir sehr lieb; aber ich soll ja alle nicht sehen die ich mag, und auch nicht fragen warum, weil Kinder den Eltern blindlings gehorchen müßten. Ich schweige dann, aber freilich ist mir's klar daß da wo Liebe und Nachsicht befiehlt die hellen Augen der Kinder den Eltern wohl lieb sein könnten. – Ich habe mein Inn'res geprüft, lieber Schleiermacher aber so gern ich auch mögte, ich finde nichts was mir anders die Mutter zeigte als sie wirklich gegen mich ist. Freilich läßt die lange Entfernung von ihr, in der ich einer freundlichen Begegnung mich erfreute von fremderen Menschen, mich alles schmerzlicher fühlen, aber dies zeigt mir doch nichts was nur in meiner Einbildungskraft bestände. –

Dennoch, lieber Schleiermacher, wodurch ich Ihnen auch Veranlaßung gegeben haben mag zu dem Glauben | 2 daß ich es zum Beschluß machen könnte einzuschlüpfen in die erste Liebe die sich mir zeigen mögte; es kann dies nur durch einen falschen Ausdruck meiner Gedanken entstanden sein. Ich bin weit entfernt mich damit zu rühmen wenn ich im tiefsten Herzen fühle daß mir’s nie möglich sein wird, weil wohl Bessere so handeln; aber mich sichert so manches dagegen, Gutes und Böses. Das Böse will ich Ihnen nennen: Ich hatte von Pflicht allein, nie einen rechten Begriff. Es mögen andere leichten Sinnes eingehen in Verhältnisse die sie nie wieder lösen können, in der Gewißheit, daß wenn sie ihrem Herzen auch nicht genügen, dies Gefühl ihrer Pflicht ihnen immer nah sein wird, und sie so die Stelle ausfüllen die sie erwählten; mir ward dies nicht so gegeben. Wie ich nie verzweifle da wo ich liebe was allen schwer scheint mit Leichtigkeit zu erfüllen, alles zu opfern mit Freuden; so vermag ich von der anderen Seite auch nicht die kleinste Lücke recht auszufüllen ohne Liebe. Es wird mir schwer immer zu sinnen was wohl jedem gebührt, was ich ihm schuldig bin, und ehe ich es selbst bemerke versäumte ich schon etwas. Dann thut mir’s wohl sehr leid, aber ein anderer Fall bringt leicht wieder dasselbe Unrecht herbei, und so bin ich nie recht frei, im immerwährenden Kampf. – Weil ich so mich kenne | 2v darf ich auch nicht betrügerisch versprechen was zu erfüllen mir Kraft fehlte. Ich würde auch dadurch mich nur unglücklicher machen, bald würde dieser gewaltsame Eingriff in mein Schicksal mich quälen. – Tief rührte mich Ihre Erinnerung an den Augenblick, wo vor dem Bilde meiner Sophie , so ganz ihren schönen Prophezeihungen entgegengesetzte Gedanken meine Seele bewegten. Mir war’s als müßte ich recht feierlich allem Glück entsagen, und so wenig jugendliches ich sonst je besaß, für diesen Glauben schien ich mir wieder so jung. – Es ist mir oft leid wenn ich denke daß ich undankbar erscheinen muß allen die sich liebevoll mir nahen, weil ihre Liebe nicht noch mehr auf mich zu wirken vermag, und Undank ist mir doch so fern. Es quält mich oft daß ich immer nur annehme was andere so freundlich mir reichen, und ich nichts vermag ihnen wieder zu geben. Völlig fremd muß Ihnen dies Gefühl sein, aber es sehnt sich der weniger Begabte doch da wo er Kraft in sich fühlt, sie anwenden zu können. – Darum mögte ich immer leben bei meinem Bruder, ihn pflegen, und sorgen für ihn, und achten auf alles was ich, ohne der höheren Kraft des Geistes zu bedürfen, ihm erleichtern könnte mit weiblicher Hand.

Louise Raumer.

Meinen herzlichen Gruß an Nanny .

Zitierhinweis

2603: Von Luise von Raumer. Wohl Dessau, Donnerstag, 7. 1. 1808. In: schleiermacher digital / Briefe, hg. v. Simon Gerber und Sarah Schmidt. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://schleiermacher-digital.de/v/fsb_0002603 [Druck: KGA V/10, Berlin 2015]