Gdfr d 1t Jan 1808

Schon an Deinem Geburtstage hatte ich einige Zeilen auf einem kleinen Blätchen an dich angefangen – welche bald hernach wieder vernichtet wurden! es hatten sich so viele Unannehmlichkeiten vereinigt das zartfühlende Herz meiner guten Seidliz zu bestürmen – daß, das, meinige davon eigen berührt und ergriffen, war – leider hat es sich in meinem lezten Schreiben an die Herz – so nach meiner Art ergoßen – daß die Gute vielleicht Schlüße auf meine Laage gemacht – die immer dieselbe – unser schönes Verhältniß wird immer enger – aber eben auch darum – tönt – durch mich jede Saite zurük – das heißt aber, nur, gegen diejenigen – die ich dazu würdige! – Innerlich habe seitdem viel und mancherley mit dir gesprochen! aber die Feder muste – ruhen – Mutter, und Kinder und Mettelin so heißt unser – Lieutenant – von dem ich dir nur ganz, unbedeutend, schrieb – ließen mir nicht Zeit! ich glaubte die Feyertage dazu zu kommen – immer nichts! da giebt es so viele gute Tanten – die unsre Kinder mit Geschenken erfreuen – da habe ich immer wieder aus und ein zu räumen – ja gar mit zu spielen welches ich gar gern thue! Den 2ten Feyertag da Dobers und Schneiders bei uns aßen – beide Männer mich nach Dir frugen – und was zu lesen wünschen – besonders den Plato den ich aber auf dein Anrathen mir nicht kommen laße! war es mir wieder ganz eigen! – Heute grüße ich dich mit einem besondern Seelengruß | 1v

Habendorf d 10t Jan

Aus den Zeitungen habe zwar die Anzeige Deiner Vorlesungen gefunden – aber gar zu gern möcht ich bald mehr von dir als auch von der Herz wißen – ach und ich bin, o gar unwißend in Bezug auf Euch Ihr Lieben – in das neue Jahr übergegangen es war mir überhaupt nicht so feierlich wie sonst – alles in Nebel gehüllt – und doch auch wieder so helle – das ist rätselhaft. Helle was meine Wenigkeit mein äußeres Besehn betreffend – denn solte es auch recht schlimm kommen so behält die gute Seidliz immer noch so viel, daß sie mich behalten kann – Adolph kann wenn die Pächter nicht anders zahlen als 200 Vierteljährig – statt 1400, dis Jahr gar nicht fort – ich werde dadurch als Erzieherin zwar unentbehrlicher – aber mir beschwerlicher – was das Schreiben und rechnen betrift – übrigens wolte ich schon fertig werden – nur außer den Schulstunden – bedarf der Knabe der äußerst lebhaft und klug ist mänlicher Leitung – und taugt auch wegen seiner immerwährender Nekerey nicht zu den Mädchen – als Freundin wird sie mich immer auch wenn ich (wozu noch viele Jahre gehören wenn Bertha leben bleibt) nichts bedeutendes mehr zu thun habe, selbst wenn sie wieder heirathen solte behalten woran ich nicht gerne denken mag – auch in diesen Zeiten kaum vorkomen wird. | 2 Nun komt das Dunkel! nähmlich was die eigentliche Bildung meiner Emilie betrift – welches mir oft viel Kumer macht – ich meine hier nicht das eigentliche lernen der KopfSachen oder der Handarbeiten welches erstere ich ihr nicht eintrichtern – und leztres wir Beide weder Mutter noch, ich, ihr Lust noch Geschiklichkeit geben können – auch ist sie noch nicht, 9 Jahr, und hat erst mit 7 Jahren alles angefangen – sondern sie kan bei ihren großen Phlegma und der außerordentlichen Empfindlichkeit und zugleich Empfindsamkeit – Hang zum verheimlichen und großem Mistrauen – gar sehr gemißleitet werden – selbst wenn mann sie auf dem besten Wege glaubte wird sie durch irgend ein ernstes Verfahren – eine abschlägige Antwort – welches alles nur in Worten keinesweges in körperlichen Strafen besteht – so zurükgesezt – d.h – sie weint dann Stundenlang – macht sich dadurch äußerst schwach und unbrauchbar zu allem doch mann muß das sehen – und studiren – verzeih diese Herzens Ergießung welcher bald eine andre folgt – die dich freilich mehr frappiren amüsiren und vielleicht auch affligiren wird – doch – wer kann davor! sage ich oft zu meiner guten Seidliz . | 2v Vielleicht erräthst du es schon daß der Lieutenant der übrigens ganz außerordentlich genügsam ist – dennoch die grösten pretentionen macht – die wichtiger sind als alle Weine und dergleichen – – nehmlich auf die Liebenswürdige, selbst, die ihm vieles reichen würde wenn sie selbst es hätte!!! sehr bald habe ich es geahndet daß sie Eindruk auf ihn gemacht – doch glaubte ich die ersten Tage es wäre blos ihr äußres ohngeachtet er bald vom Bruder werden – eine Deutsche heurathen und dergleichen sprach – nahm ich dis blos für Scherz – nach und nach aber vereinigte er dis immer mit seinen Äußerungen über Madame obschon er mich nie bat es ihr zu übersezen – so weiß er schon aus unserm traulichen Verhältniße daß sie alles wiedererfährt – auch hat sich seine Leidenschaft – schon am 23 November  ohne Klammern mit Einfügungszeichen am unteren Rand ⎡(nach jenem Tage gleich hat er einen Brief geschrieben der aber bis jezt noch immer bey ihm verschloßen liegt) so stark in halberstikten Seufzern und vielen ThränenStröhmen geäußert – ohne selbst gegen mich sich darüber zu erklären! so daß ich ihm Auftrags halber ganz bestimt den folgenden Tag – als er bei Tische wieder weinte – sagen muste – wenn er dergleichen Auftritte nicht vermiede – würden | 3 wir uns genötigt sehen auf eine gänzliche Trenung zu denken – denn wenn wir ihm droheten nach Gnadenfrey zu gehen – so wolte er alle Tage kommen – und es ist auch während den Feyertagen so geschehen – doch wird die ganze Geschichte dort viel mißlicher und würde ein unnötiges Aufsehn machen – da er doch in keiner Art sich genähert – noch keinen Kuß verlangt, die Hand küßen sie glaube ich nie die ersten Tage nach meiner decisiven explication que tout cela n’aboutit qu’a des choses impossibles war er einige Tag tüksch auf mich – nante mich hart wie Stein – und boshaft – bat mir aber nach 8 Tagen ordentlich ab – – thut seitdem recht herzlich mit mir – achtet mich für seine Freundin – und hält seine Leidenschaft in Gnadenfrey wo er sehr bekant ist – [(]dh mit allen denen die französisch sprechen) ganz geheim thut jezt immer so heiter als möglich – bleibt aber nie länger weg als höchst nothwendig – um seine Geschäfte oder respective Personen zu besorgen! ladet Niemand her und giebt niemals ordentliche Auskunft von seinem quartier wenn er in Reichenbach oder OberPeile noch so gerne von seinem Colonel und Capitain gesehen wird – so eilet er immer wieder hierher und wenn wir ihm dann sagen warum er nicht dort bleibt wo beßer gespeist wird oder viel Geselschaft ist – so versichert er je n’aime pas le monde – et je suis content ici je ne me plains de rien – et il faut faire ce qui est écrit la haut! und dann sagt er mir – je l’aime trop il faut la voir. | 3v Den Tag oder Abend vor der Christnacht war ich einmahl 1 Stunde mit ihm allein – die Pritvizen welche die Seidliz besuchte mochte durchaus nicht in seiner Geselschaft [sein] weil sie einen ordentlichen Haß gegen die Franzosen hat – da erklärte ich ihm denn vollends wie aus seinen Plänen nichts werden könte – sie kam hernach dazu – und Mettelin sagte das erstemahl in ihrer Gegenwart davon – wie er öfters an sie schriebe es immer wieder verbrante und als sie es nicht glauben wolte zog er einen Brief in forma heraus den er erst vorigen Abend verfertigt – O! es war ein treflicher Brief – und als ich ihn stille beherzigt zerriß ihn der Esel vor meinen Augen weil die Seidliz fürchtete er könte ihn auf dem Wege nach dem Gemeinlogis verliehren! Heute sagt mann diese Soldaten werden nach Schveidniz rükken ich bin begierig wie’s mit dem Abschied sein wird – zwar sind die Vormünder eben hir – unter andern Heithaus der in Gnadenberg wohnt der Charles –! schreiben wird er auf jeden Fall wenn sie weiter gehen – denn einige Meilen halten ihn nicht ab Besuche abzustatten! Zwar ist ihm ordentliche Correspondenz abgesagt wenn sie zu etwas hinführen soll – was gar nicht eingeleitet werden kann! aber an mich freundschaftlich schreiben, wird er sich nicht nehmen laßen – und ich gestehe nach alle diesen Vorgängen bleibt er mir jederzeit interressant – und ich bin begierig sein künftiges Schiksaal zu wißen – heute will ich aufhören – in diesen Tagen wird mann wohl Gewißheit über sein gehen oder noch bleiben, hören | 4

d 17 Jan

Die Zahl der Soldaten ist zwar hier in Habendorf etwas gemindert aber Mettelin ist bei uns geblieben – einige Compagnien sind ins Schveidnizische und Breslausche gerükt die Seidlizen hofte es würde, die, betreffen zu welcher er gehört – ich bin aber sehr froh daß es alles so geblieben einige Meilen machen wenig Unterschied – er würde uns mit Briefen überheuft haben und auch mit Besuchen denn wir hätten doch Andre bekommen – hätten eben hier bleiben müßen – und ich wäre erst in die Nothwendigkeit versezt ihm die vielen Besuche abzusagen – – worunter doch der gute Ruf der Seidliz doppelt leiden könte – weil der national Haß einmahl doch sehr groß – und überhaupt auch wegen dem militair! – Viel sehr viel habe ich Dir über diesen Menschen geschrieben aber immer noch nicht genug um Dir die ganze Sache recht anschaulich zu machen! daß ich die Vertraute von beiden bin kanst Du denken – und bei ihr alles imer eher ahnde als sie selbst es weiß oder es sich zugesteht – auch gab es manche sehr unangenehme perioden wo die Gute (bei welcher es so zu sagen das erstemahl daß sich jemand in sie verliebt[)] recht verdrießlich daß nach dem großen Verlust ihres Seidlizes irgend etwas – und noch dazu so was Fremdartiges sie berühren könte – und doch so ohne alle Worte – | 4v

d 29

Dieses ganze Jahr schreibe ich an dieser epistel gestern Abend las ich mir wieder einmahl alles durch – und finde daß es mit weniger Worten eben so gut wäre – aber wenn Du nicht recht hinein dringest mit Deinem Verstand Deinem Herzen Deiner Theilnahme – dir eine eigne Ansicht und Grundsaz schafst wie so gar nichts aus der Sache werden kann von der (er) nun immer ernstlicher aber sehr selten spricht – nur es ahnden läßt! und wie wir gestern bei einem solo beschloßen, Ihm doch zum wenigsten beim Abschied (einmahl müßen doch diese Menschen das 17te Regiment der Chasseurs, sich empfehlen); daß die Seidliz , ihn bäte diesem Gedanken in der Entfernung nicht nachzuhängen – weil aus einer Verbindung auf keinen Fall etwas würde – wegen ihrer Verbindung mit der BrüderGemeine, ihrer Kränklichkeit – die allein sie noch älter machte, und für ihn untauglich (er) 28 – Sie 34. Übrigens, gesteht sie mir welches ich ohnedies weiß, daß sie ihm sehr gut – aber blos wegen diesem angeführten besonders das, erste, sich nie entschließen köne! kurz ich werde auch hier nicht fertig – so wie, wir, wenn er Abends nicht da, die Kinder zu Bette – uns ganz erschöpfen, und doch nichts heraus komt – nur noch dies Mettelin  am linken Rand ⎡er erinnert mich sehr oft an Dich! Gott wann werden wir uns wiedersehen – ist nicht groß, blond, eher sanft als stürmisch aber freilich oft der Streiter und mehrentheils der Rechthaber! sehr offen über seine vorigen, amours, von 19 – bis 20 Jahren – er hat so lange bei einem procureur gearbeitet – dann in den Krieg gegangen in Geselschaft in Gnadenfrey macht er oft den HofNarren natürlich macht er sich dadurch lächerlich – bei Uns | 5 komt ihm dergleichen nicht ein! daß er sehr sprachlos ist und äußerst selten was von seinem innren gegen die Seidliz erwähnt nur ahnden läßt durch neuerliche Aufmerksamkeiten, – und Blikken! doch genug von Ihm und nur von Ihm – die kleine liebenswürdige Bertha springt imer in der Stube herum – und sagt es ist eben doch mein guter Mettelin ob er gleich den Pfefferkuchen austheilt den ich  Vom Hg. korrigiert. ihm zu Weinachten ihm gegeben. Bertha ist ein hofnungsvolles Kind noch nicht 5 Jahr alt – vom 2ten Jahre an, reifte ihr ganzes Wesen schneller, als Andrer,  korr. aus: ihrerihres Alters, sie ist sehr lebhaft dabey sehr gefühlvoll – ehrgeizig – treu in ihrer Liebe, und, voll Innigkeit – seit einem halb Jahre – hat sie das strikken angefangen welches ihr recht gut geht – das französische  ohne Klammern mit Einfügungszeichen vom linken auf den unteren Rand überlaufend(man muß sie von der Arbeit zurükhalten! Die Buchstaben lernt sie sehr leicht! ich hoffe sie soll sie an ihrem Geburtstag den 3 Aprill kennen) – fängt sie natürlich unter so bewandten Umständen mit dem Sprechen ann – und wird in kurzer Zeit mehr können als Emilie in den anderthalb Jahren gelernt hat – ihr gröster Fehler ist Herschsucht – doch – sie läßt sich leiten – wenn sie sieht daß sie Mutter und Bonne betrübt! ihren Chauvin hat sie nicht vergeßen, sie dictirt der Mutter ganze Briefe an ihn! Wenn sie leben bleibt – wird sie Uns viel Freude machen!!! Autorfußnote (am linken Rand auf Bl. 5v ohne Einfügungszeichen)ich lehre sie bald – klein und groß – dann die Franzosen gleich hinter her. Ueber diesen Brief muß ich(?) Dich wieder einmahl ausführlich um Verzeihung bitten! weil alles so durcheinander und vervielfältigt ist | 5v

Von der Herz habe ich nun auch die Nachricht daß sie nach Ruegen geht – für sie selbst sehr schön! auch für Dich recht bequem! aber mir ist nun wieder jede Aussicht – zum Ersehn von Antliz benommen! Doch ich will noch immer hoffen, daß andre Zeiten kommen und Ihr mich dann Beide besucht! wegen Nany weiß ich gar nicht wie, und was ich denken soll! gut ist es, ihr, wie allen Menschen sich immer mehr auszubilden – doch dachte ich sie hätte wahrlich schon genug Gelegenheit dazu! Vielleicht wird am Ende gar nichts aus ihrer Verbindung! Noch etwas von, und über Dich! Mit den Vormünder, war ein Cousin von meiner Seidliz hier der jezt BrüderPfleger in Gnadenberg ist – einige 20 vielleicht 26 Jahr – ganz in America erzogen – ein lieber junger Mann – der ganz eigen treflich predigen soll – alle Deine Schriften gelesen – mit mir wenig darüber gesprochen aber sie ganz zu würdigen scheint! er war immer während den 14 Tagen in Gnadenfrey – bei seinem Freund Reichel – dem ich Deine Predigten geben muste dieser meinte gegen mich – Du köntest nichts andres als trefliche Dinge hervor bringen – bitte laß mich wißen ob mann hier den 2ten Theil Deiner Predigten bekommen kann! meine gute Seidliz grüßt dich – schön – ich umarme Euch Beide

L.

Zitierhinweis

2599: Von Charlotte (Lotte) Schleiermacher. Gnadenfrei und Habendorf, Freitag, 1.1. bis Freitag, 29. 1. 1808. In: schleiermacher digital / Briefe, hg. v. Simon Gerber und Sarah Schmidt. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://schleiermacher-digital.de/v/fsb_0002599 [Druck: KGA V/10, Berlin 2015]