B. d 29t. Dec. 1810

Indem ich so lange und auf mehrere Briefe von Ihnen lieber Freund geschwiegen habe, habe ich sehr auf Ihre Nachsicht und auf Ihre richtige Vorstellung von der Masse von Geschäften die mich drükt gerechnet. Diese Weihnachtsferien hatte ich mir ganz eigen zum Briefschreiben ausgesezt aber es ist nun doch nicht halb das geworden was es werden sollte theils weil ich genöthigt war auch einige bedeutende Sectionsarbeiten auf die Ferien aufzusparen, theils weil ein anderes sehr schönes Intermezzo eingetreten ist, was ich Ihnen eigentlich als den besten Bissen aus dem ganzen Briefe, den ich hier zu schreiben gedenke, bis zu lezt versparen sollte, aber doch lieber gleich vorangebe. Nemlich am Weihnachtsabend kurz vor Mitternacht in der rechten Stunde der Christmette hat uns Jette ein gesundes tüchtiges Mädchen geboren. Es hat sich ganz herrlich getroffen. Mir war immer bange gewesen sie möchte einmal während der Predigt oder währender | Session niederkommen wollen und mir damit zur großen Störung und Unruhe gereichen. Nun aber konnte ich ganz ruhig am ersten Festtag Morgens auf die Kanzel steigen. Sie hätte selbst noch (wiewol mit großer Anstrengung, und gewiß würde sie noch munterer sein wenn sie sich nicht in den lezten Tagen so sehr angegriffen hätte) das ganze Weihnachtswesen angeordnet und war noch zu Reimers gefahren um dort bescheren zu sehen. Um halb zehn Uhr trieb sie uns nach Hause, Ribke wurde geholt und als es Zwölf schlug lag sie schon mit dem Kinde im Arm im Bett. Alles geht nun sehr gut, sie hat zwar Gestern und Vorgestern etwas gefiebert aber das soll ja ganz in der Regel sein, und heute war sie auch schon eigentlich ganz munter. Gott sei Dank daß sich das so herrlich und glüklich gemacht hat. Nanny und Luise Willich die den Winter bei uns bleibt pflegen sie nun gemeinschaftlich.

– – Ihr Besuch in Gnadenfrei hat mir zur großen Freude gereicht. Es ist Ihnen gewiß eine sehr erfreuliche Erscheinung gewesen von vielen Seiten. Aber lieber Freund daß Sie soviel von mir gesprochen haben, damit haben Sie | wahrscheinlich Sich und mir dort Schaden gethan. Die Leute wollen nun alle meine Bücher lesen und da ist doch vieles was von ihnen sehr leicht kann mißgedeutet werden, und das kommt dann alles auf Ihre Kappe mit und Sie verderben sich einen Theil des guten Einflusses den Sie haben könnten. Glauben Sie nur lieber Freund es ist viel besser daß Sie etwas vorsichtig umgehen mit dem Vertrauen welches Sie einem so verkezerten Menschen schenken als ich bin. Meine Schwester aber hat eine gar herzliche Freude gehabt an Ihnen und an dem Effect den Sie dort gemacht haben; und mir ist es sehr lieb daß sie eine solche Erscheinung gehabt hat, das frischt sie immer auf lange Zeit auf. – Die theologische Encyclopädie ist nun endlich fertig geworden und ich bin neugierig ob sie eine neue Quelle von Verkezerungen werden wird. Mir sind die Sachen nun durch die vielfache Bearbeitung so familiär geworden daß ich nichts darin finde was Anlaß dazu geben könnte, nur daß viel Gespenster darin wären werden die Leute sagen, theologische Disciplinen die es nie gegeben habe und nie geben werde. Da werde ich nun den Beweis durch die That zu führen haben was aber freilich zum Theil erst nach Erscheinung meiner Ethik geschehen kann.  Mit meiner Sublevation bin ich nun auch endlich seit Anfang dieses Monats zu Stande. Der DomCandidat Pischon, den Sie wol kennen ist ordinirt und ordentlich als Hülfsprediger eingeführt und ich weihe ihn nun nach und nach in alles ein. Die wissenschaftliche Deputation | gebe ich nun mit Jahresschluß auch ab, und so denke ich etwas über Wasser zu kommen. Ob aber dennoch im Sommer die Reihe an den Plato kommen wird steht dahin. Es wird viel darauf ankommen was ich im Sommer lese. Ich bin schon angesprochen worden um die Ethik allein ich habe einmal verschworen so lange Fichte der einzige Professor der Philosophie ist kein philosophisches Collegium zu lesen; und sollte sich das bis Ostern ändern so hätte ich Lust erst als Einleitung zu meinen philosophischen Vorlesungen die Ethik Dialektik zu versuchen die mir lange im Kopfe spukt. Doch ist das noch in weitem Felde. Mit dem Lucas geht es mir recht gut, wenn ich ihn noch ein Paarmal durcharbeite so denke ich kritisch ganz aufs reine mit ihm zu kommen und dadurch wird meine ich ein großes Licht über den Kanon aufgehn.

Ihre Lage in Breslau habe ich mir ohngefähr so gedacht wie Sie sie mir schildern. Gedulden Sie Sich nur aus dem schlechten Ton heraus wird sich Ihnen doch mit der Zeit etwas erfreuliche Gesellschaft anbilden. Und mit den Geschäften wird es schon gehn wenn Sie nur erst einen Schulrath haben und wenn erst die kirchlichen Sachen vorwärts kommen [.] Ich gehe mit dem Gedanken um meinen Plan drukken zu lassen aber mit Erläuterungen wodurch sich alles begründet; noch kann ich nur nicht dazu kommen. Ich habe Ihnen noch vieles zu beantworten und das geschieht nächstens. Tausend Grüße an Wilhelmine . Empfehlen Sie mich Wunster und grüßen Sie Wenzel von mir wenn Sie ihn sehen.

Ganz der Ihrige

Schleiermacher

B d 31t Dec

Schreiben Sie nur um Gotteswillen nicht Staatsrath denn ich heiße nicht so. Glük zum neuen Jahr

Zitierhinweis

3556: An Joachim Christian Gaß. Berlin, Sonnabend, 29.12. bis Montag, 31. 12. 1810. In: schleiermacher digital / Briefe, hg. v. Simon Gerber und Sarah Schmidt. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://schleiermacher-digital.de/S0007385 [Druck: KGA V/10, Berlin 2015]

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