Liebste Schwester das langersehnte schöne Glük ist nun da, und wie herrlich ist es gekommen!  Schleiermachers Frau Henriette Schleiermacher
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Jette
war am heiligen Abend noch ganz munter, machte gegen Abend für Groß und Klein zurecht theilte – wiewol unter den ersten Vorempfindungen – unsere Freude, und fuhr hernach noch mit zu Reimers um da der Weihnachtsfreude beizuwohnen. Bald nach Neun trieb sie nach Hause, der Geburtshelfer wurde geholt und noch vor Mitternacht war das kleine  Clara Elisabeth Schleiermacher
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Mädchen
glüklich da; stark und gesund und mit einem ganzen Kopf voll dunkler Haar angethan[.] Es nahm noch in derselben Nacht die Brust und befindet sich wie die Mutter sehr wol. Ich hatte am ersten Feiertag Vormittag zu predigen mir war immer bange gewesen ich könnte durch diese Begebenheit gestört werden – aber mit wie frischem frohen von der Sache tief durchdrungenen Herzen konnte ich nun reden und nach der Predigt für die Entbindung danken. Lezteres ist eigentlich bei mir  über den ursprünglichen Text geschriebenuns hier nicht gewöhnlich; aber ich konnte mich es nicht enthalten ich hatte das Bedürfniß um  | 52v Weisheit und Verstand zu bitten und Andre dazu mit mir zu vereinigen. Viele riethen auch aus der Art wie ich es that, das müsse wol meine Frau sein.  Wie es heißen soll wissen wir noch nicht, es erheben sich aber viele Stimmen für Marie; so hieß auch meine Mutter und es kann wol sein daß es dabei bleibt – Unser   Ehrenfried von Willch , Sohn aus erster Ehe der Henriette Schleiermacher
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Friede
ist nicht ganz wohl es war grade am Weihnachtsabend zum Glük ehe er seine Süßigkeiten berührt daß er über heftiges Leibschneiden was sehr krampfartig aussah klagte und er hat die Anfälle seitdem öfter gehabt nun wollen wir sehn was der Arzt mit ihm machen wird. Wenn die Anfälle vorüber sind ist er immer vollkommen wohl.

Verzeih liebste Lotte daß ich nur diese wenigen Worte schreiben kann[.] Grüße alles von uns allen aufs herzlichste[.] Daß die Herz hier war und Beistand geleistet hat versteht sich wol ungesagt[.] Mich rührt ihre und aller Freunde innige Theilnahme aufs tiefste. Es muß auch wahr sein daß es wenige Menschen giebt die so von Gott begnadigt sind wie ich. Gebe er mir nur auch Gnade und Treue alles recht zu genießen und zu verwalten. Darum bitte mit mir Du treue liebe Schwester und laß uns auch bald ein Wort der Freude von Dir hören –

B. d 27t. Dec.

Schleier

Zitierhinweis

3553: An Charlotte von Kathen. Berlin, Donnerstag, 27. 12. 1810, ediert von Sarah Schmidt und Simon Gerber. In: schleiermacher digital / Briefe, hg. v. Simon Gerber und Sarah Schmidt. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://schleiermacher-digital.de/S0007382 (Stand: 26.7.2022)

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