Dem / Herrn Professor / Schleyermacher / zu Berlin Canonier Straße / Num 4 [Autorfußnote Bl. 15v]

Gnfr d 27 – Octbr abgegag d 30t 1810

Während die Andern im Abendmahl sind – ich werde wegen meinem Husten und andern Beschwerden erst morgen Vormittag gehn – eile ich Dir mein guter Bruder für die erhaltnen 10 Thaler courant den wärmsten Dank abzustatten – eben so für die mitgeschikten Predigten mit welchen Du mich recht angenehm überrascht hast – freilich hatte ich sie mir schon bestelt weil ich auf Predigten von dir sehr begierig bin und nichts von deinem guten Vorhaben ahnden konte – – Du wirst solches aus meinem Brief an Jetchen ersehen haben den ich mit Madame Richter an sie geschikt – hoffentlich wirst Du mein gütiger Wohlthäter den Spas mit dem Mützchen nicht übel gedeutet haben der sich mit dieser günstigen Gelegenheit am besten thun lies – möge das kleine Wesen dem es bestimt ist – zu rechter Zeit recht wohl und heiter in die Welt hineingukken und dein gutes Weib durch die gnädige DurchHülfe des Herrn in kindlichen Vertraun auf seine Gnade aufs neue gestärkt werden – und die  | 14v alte Lotte bald davon erfahren möge – wie alles steht – besonders auch nächst dem Nahmen – ob der Vater selbst taufen wird – dis lege ich dir an dein treues Bruder Herz – wenn Du auch nicht selbst schreiben kanst so empfiel es Nany oder der Herz – daß ich es gewiß ordentlich erfahre und nicht erst nachher. Wie mich jede Zeile und jedes Wort von Dir erfreut brauche ich Dir nicht erst zu sagen – vorzüglich deiner vielen Geschäfte wegen deren Wichtigkeit ich gewiß nicht verkenne und dir Gottes Beystand und Seegen als auch seine tröstende Nähe recht oft dazu erbitte – Viel bin ich wegen deines neuen Geschäftes als Dekan gefragt worden – ganz verstehe ichs nicht – stelle mir aber ein Art Vorsteher oder OberAufseher der facultaet vor – weil doch mehrere Professoren dieses in ihren facultäten geworden wiewohl Du es gewiß auch in der phisolophischen hättest werden können – – Deine in Dresden gehaltne Predigt hätte ich gerne gehört – ob mir dieser Wunsch noch gewährt werden wird? –  | 15 Um diesen Brief nicht noch ein Blatt zuzufügen muß ich mich der Kürze befleißigen – und dir sagen war mir in diesen Tagen geschehen ist – Dein mir gütig zugeschiktes solte mir bis auf Weinachten zum gewöhnlichen Leben reichen – aber siehe – nachdem ich mir wegen der entsezlichen Erhöhung des Caffées – 2 Pfund gekauft – 3 loth The – und der Vorsteherin das Wäschgeld für die Zeit meines Hierseyns gezahlt – – sehe ich daß mir grade auf 4 Wochen nur knapp übrig bleibt – entschloß mich bald – die Vorstehern zu bitten – die Kost bis Weinnachten stehen zu laßen weil mein Schulgeld grade durchs Viertjahr so viel ausmacht – welches sie mir aber mitten im quartal nicht gewähren konte – wie wird mir doch Gott hier heraus helfen – – dachte ich – kaum war ein Tag vorbey erscheint ein herzlicher Brief vom Karl der seit Johany nichts von sich hören lies – und mir 5 rthr real Müntze von Deinetwegen schikt Autorfußnote (am linken Rand von Bl. 15, überlaufend auf den linken Rand von Bl. 15v)weil der Gute wahrscheinlich in der idee steht daß ich so wie ichs erst glaubte auszukomen – nur 20 Thr gut Geld von Dir bekomme – ach wie ist es so ganz anders – besonders wenn ich an Weinachten an den Apotheken Zettel denke – da ich hier in Gnadenfrey manches Faß(?) voll medicin verschlukken muste – jezt pausire ich wieder – doch wie lange wirds dauern – ob er gleich selbst zu Anfang schreibt daß er gar nichts von Berlin – auch nichts von Dein Besuch in Dresden weiß – – tief gerührt über die sonderbare Fügung Gottes die ich als Gebets Erhörung betrachte – nehme ich das Geld an – Du guter Mensch siehe  | 15v Du zu wie Du dich mit ihm abfindest – ich wolte dich auf deine Anfrage ganz treuherzig bitten mir auf Weinachten oder Neujahr etwas mehr zu schikken sowohl wegen des Postgeldes – als mir etwas flanell für die strenge Kälte zu kaufen – nun ist es so recht schön. Aber bitte laß mich wißen – durch eine deiner Weiber ob du jenes dem Korn in Breslau gut geschrieben sonst muß ichs vorm JahresSchluß hinschikken – bitte grüß Alles auch die Kinder von

Deiner innigst dankbaren Lotte.

In der Ordination die demselben Abend war – als ich Gass gesprochen sang ich in Bezug Deiner Aemter alle Segens-Verse – für Dich mit Inigkeit –

Zitierhinweis

3529: Von Charlotte (Lotte) Schleiermacher. Gnadenfrei, Sonnabend, 27.10. bis Dienstag, 30. 10. 1810. In: schleiermacher digital / Briefe, hg. v. Simon Gerber und Sarah Schmidt. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://schleiermacher-digital.de/S0007358 [Druck: KGA V/10, Berlin 2015]

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