d 1t. Sept. 10

Lieber Freund fast schon mit dem einen Fuß im Wagen muß denn Uebermorgen Abend sezen wir uns wirklich ein – muß ich Ihnen doch noch ein Paar Worte schreiben um Ihre beiden lieben freundlichen Briefe zu beantworten.

Sie haben uns erst viel Sorge gemacht theils durch das lange hartnäkige Schweigen aus Pommern troz aller entgegengesezten Versprechungen dann durch die ersten Nachrichten von Caecilie. Nun ist dafür alles desto schöner geworden und wir freuen uns alle aufs herzlichste nicht nur über Ihre glükliche Ankunft sondern auch darüber daß es Ihnen in meiner lieben Vaterstadt so wohl gefällt. Freundlich und gut sind die Schlesier eigentlich, und wer ihnen mit einem solchen Sinn entgegenkommt wie Sie dem muß es auf die Länge nothwendig gut unter Ihnen gehn. Daß man in der Regierung und besonders in Ihrer Deputation noch nicht recht weiß was man will ist sehr natürlich, weil die | allgemeinen Principien und Maaßregeln von oben herab ihnen noch nicht gegeben werden. Das hängt aber so theils am Finanzministerium theils an der P  über den ursprünglichen Text geschriebenSection der allgemeinen Policei und kann deshalb vor der endlichen definitiven Organisation an der man nun schon so lange gedrukst hat nichts ordentliches nirgends geschehen. Diese erwartete man noch vor der Abreise des Königes nach Schlesien nun ist sie aber wieder bis nach seiner Rükkunft aufgeschoben.   Indem ich die Section zu entschuldigen suche spreche ich auf eine nähere Weise als sonst für mich selbst mit. Ich bin nämlich zum ordentlichen Mitglied derselben ernannt worden aber nur des öffentlichen Unterrichtes nicht des Cultus. Das Geld abgerechnet (ich bekomme nemlich 2000 R wovon ich aber einen Gehülfen an der Kirche mit 300 R remunerire und die wissenschaftliche Deputation, also 400 R abgebe) ist mir die Veränderung nicht außerordenlich lieb und ich habe sie wirklich nur angenommen, dies auch Dohna und Humboldt erklärt in der Hofnung es würde sich mit der Zeit finden daß ich auch in den | Cultus käme. Denn in der Section des öffentlichen Unterrichts konnte ich als Director der wissenschaftlichen Deputation immer auch mitwürken ohne die Fülle von mechanischen Arbeiten zu haben, und eine tüchtige Gehaltsverbesserung war man mir bei der Universität doch schuldig. Jezt bin ich besonders seit Uhden auf einer Geschäftsreise abwesend war aufs äußerste beladen gewesen und sehne mich nach der Ausspannung welche mir die Reise nach Dresden giebt. Hernach wird es desto toller wieder angehn. Für den Winter habe ich in der Facultät mit Sicherheit noch keinen andern Gehülfen als de Wette, Marheinecke kommt zwar wahrscheinlich auch, aber wol erst gegen Ostern. Münscher hat uns abgeschrieben, und ich habe nun (ganz unter uns gesagt) ganz von weitem bei Ammon angeklopft. Schmidts und Schleusners Absage haben Sie wol hier noch erlebt. Sonst ist nichts merkwürdiges und was Sie unmittelbar interessiren könnte in dieser Sache vorgefallen. Mit meinen Collegien geht es mir wunderlich. Ich mußte in den Hundstagen Ferien machen weil die meisten sich aufs Reisen eingerichtet hatten zu der Zeit wo ich eigentlich auch reisen wollte. Auf diese | Art bin ich mit der Philosophie erst bis an die Wiederherstellung der Wissenschaften gekommen und habe von der Apostelgeschichte erst 13 Kapitel absolvirt. Nun verreise ich und habe hernach bis zur Eröfnung der Universität nur drei Wochen übrig und alle Hände voll zu thun; wie das werden wird sehe ich noch nicht ab. Die Encyclopädie ist auch noch nicht geschrieben ; der Lehrplan hat mir alle Zeit genommen und wird noch mit Noth zur lezten Sizung fertig. Sie werden doch nicht glauben, daß ich faul gewesen bin; ich kann es mir wenigstens nicht nachsagen.

Meine Predigten bei Gelegenheit des traurigen Todesfalls habe ich auch müssen drukken lassen; sie sind aber nicht werth daß ich sie Ihnen eigens zuschikke. Die Anspielungen in der ersten scheinen fast von niemand verstanden worden zu sein. Ihre Abschiedspredigt hat mir Ritschl gebracht und sie hat mir große Freude gemacht in ihrer einfachen klaren Herzlichkeit. Nun leben Sie wol herzlich von uns Allen gegrüßt. Wenn Sie mir von der Anwesenheit des Königs in Breslau und in Schlesien überhaupt etwas merkwürdiges schreiben können wird es mir sehr lieb sein. In drei Wochen sind wir wieder zurük.

Schl.

Zitierhinweis

3504: An Joachim Christian Gaß. Berlin, Sonnabend, 1. 9. 1810 . In: schleiermacher digital / Briefe, hg. v. Simon Gerber und Sarah Schmidt. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://schleiermacher-digital.de/S0007333 [Druck: KGA V/10, Berlin 2015]

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