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Stettin den 21ten Juni 10. Donnerstags

Über unsere Reise, liebster Schleiermacher walten böse Sterne. Die Nacht zum Dienstag wurde meine arme Frau von einem förmlichen Fieber überfallen, und da wir heute schon abzureisen bestimmt hatten; so hatte erst die letzte Nacht darüber entscheiden können, ob sie mit uns durfte oder nicht. Aus dieser Verlegenheit sind wir dann glücklich durch eine weit größere gerissen; denn Bülke (?), den wir Dienstags Abends erwarteten, schrieb uns den Mittwoch früh, daß er unmöglich habe kommen können, weil man ihm in seinem Urlaub zur Bedingung gemacht habe, die Rückkehr seines Kollegen von Rohr aus Berlin abzuwarten, statt dessen nun mit der Post, auf welcher er sich auch schon habe einschreiben lassen, ein Brief von ihm mit der Nachricht angelangt sei, daß ihm ein heftiger Fieberanfall in der Nacht vor der Reise dieselbe ganz unmöglich mache. Zu allem Unglück hat Rohr das Militair-Departement, welches Bülke (?) früher besorgte, und der Befehl zur Küsten-Besetzung von der westpreußischen Gränze bis Swinemünde, der zum Theil schon ausgeführt wird, macht es gänzlich unentbehrlich, daß einer von beiden hier zugegen sei. So sitzen wir denn nun und warten  | 5v der Dinge, die da kommen sollen. Ich lebe indessen der frohen Hoffnung, es thürmen sich nur wider den Anfang der Reise Gewitter auf, weil uns für Fortgang und Beschluß lauter Sonnenschein beschieden sei. Darin bestärkt mich das glückliche Ereigniß, daß das Fieber meiner Frau in dieser Nacht nicht wiedergekehrt ist und also ein bloß vorübergehendes Flußfieberchen gewesen zu seyn scheint, und daß sie sich vielmehr heute sehr wohl befindet. Du zweifelst wohl nicht daran, daß es mir von Herzen geht, wenn ich dem Herrn von Rohr gleiches Glück wünsche. So viel ist aber gewiß, daß wir unter diesen Umständen nicht wissen, weder wann wir hier abreisen, noch wann wir bei Euch ankommen werden; doch sollt Ihr es so schnell als möglich erfahren, so bald sich etwas für uns aufklärt. Statt dreier oder vier Tage Aufenthalt in Berlin werden wir uns jetzt wohl nur Einen verweilen können; denn es sind, um den Spaß voll zu machen, schon Pferde für uns aus Dresden nach Berlin bestellt, die uns bis Töplitz fahren sollten. Der liebe Gott, der allein weiß, wozu das Alles gut ist, mag dann auch sehen, wie es Alles wieder in Ordnung kommen soll: ich werde es ruhig nehmen, wie es kommt, ob ich wohl das Recht hätte, mich mancherlei dabei verdrießen zu lassen. | 6

Unter andern hat es mir schon dazu gedient, daß ich gestern habe fast faullenzen können, wonach ich eine gewaltige Sehnsucht hatte; denn ich konnte nun den Aufsatz für die Deputation , der sonst gestern, ohne daß ich noch begreifen konnte, wie? hätte fertig werden müssen, doch einmahl ruhen lassen. So bald er vollendet ist, schicke ich ihn dir zu und wünsche daß Du samt den übrigen Herren mehr Freude daran haben mögest, als ich.

Sehr lieb würde es mir seyn, wenn Du die gute Fischern, der ich geschrieben habe, das ich übermorgen dort ankäme, von dem Aufschube unserer Reise benachrichtigen könntest. Ob und wie wir noch mit Gassens zusammen seyn werden, ruht auch im Schooße der Götter. Grüße sie samt deinen lieben Hausgenossen von uns beiden recht herzlich und lache mit ihnen über die Neckereien Fortunens gegen

deinen treuer Bartoldy.

Zitierhinweis

3449: Von Georg Wilhelm Bartholdy. Stettin, Donnerstag, 21. 6. 1810. In: schleiermacher digital / Briefe, hg. v. Simon Gerber und Sarah Schmidt. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://schleiermacher-digital.de/ediarum_pzwei/rest/db/projects/schleiermacher/web/briefe/detail.xql?id=S0007278 [Druck: KGA V/10, Berlin 2015]

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