Berlin, den 4. Dezember 1809

Es hat mich herzlich gefreut, nach langer und für Ihre Theilnehmenden so sorgenvolle Zeit wieder von Ihnen zu hören. Ich hätte nur gern auch die frühere Sorge gründlich gehabt; mir nämlich hat es leid gethan, daß ich von Ihrer Krankheit erst hörte, als die Gefahr vorüber war. Denn ich mag gern alles, was den Freunden begegnet, wie es auf einander folgt mit durchmachen; und da mir bis jetzt so wenig Bedenkliches oder Gefährliches im eigenen Leben zugetheilt ist, mein gebührendes Theil von daher nehmen. So möchte ich Ihnen auch, wiewohl Sie es nicht bedürfen, noch aus eigenem Muthe Muth zusprechen gegen die natürlichen verdrießlichen Folgen dieser Krankheit, wenigstens Ihnen zeigen, daß meine Liebe für Sie die Sache auch nicht schwerfälliger nimmt, als Sie selbst thun. Die Dinge werden sich Ihnen schon alle wieder fügen, und die ersten Jahre Ihres praktischen Lebens werden ein nur um so sichereres Pfand der künftigen sein, je mehr Sie gleich eine vielfältige Thätigkeit darin bewähren können. Und so will ich lieber noch zehnmal mich so bewegen lassen, wie Ihre Krankheit es gethan hätte, als einmal den bittern Schmerz empfinden, den mir unseres Marwitz Unfall verursacht hat. Anders mag ich die That nicht nennen, und habe bei dieser Gelegenheit recht tief gefühlt, welche innere Wahrheit darin liegt, daß den Griechen alles dergleichen, sobald es einem Manne, der den namen verdient, begegnete, nur eine συμφορὰ hieß. Lassen Sie mich hiebei gleich die Sünde bekennen, daß Ihr Brief an Marwitz, den mir Reimer übergeben, noch bei mir liegt. Theils wußten mir seine hiesigen Verwandten selbst seine sichere Adresse nicht zu sagen, sondern verwiesen mich an den österreichischen Gesandten, der eben verreiste; theils fürchtete ich, der Brief möchte ihn verfehlen, weil ich glaubte, er würde gleich nach abgeschlossenem Frieden auf seine Rückreise bedacht sein. Jetzt aber sind zwei Bekannte von dorther zurückgekommen, durch die ich sichere Nachrichten über ihn zu bekommen hoffe. Ich selbst habe ihm Anfang Oktobers von Troppau aus geschrieben, weiß aber auch noch nicht, ob er meinen Brief richtig erhalten hat. Ich habe nämlich, wenn Sie es vielleicht noch nicht wissen, noch im September mit meiner Frau und Kindern und Nanny (auch Mad. Herz begleitete uns) eine Reise nach Schlesien gemacht, um meiner Frau mein Vaterland und meine Geschwister zu zeigen, und gegenseitig. Viel Schönes aller Art ist da erlebt worden, und meine Frau – sie heißt Jette, damit ich sie Ihnen künftig kürzer bezeichnen kann – und Nanny sind sehr brav gewesen. Sie haben mit mir eine dreitägige sehr beschwerliche Wanderung über den Kamm des Riesengebirges gemacht, und haben auch mit mir anfahren müssen in Kupferberg . Da haben Sie gleich ein schönes Fragment aus meinem neuen Leben; aber auch in dem täglichen häuslichen fühle ich mich sehr glücklich, wenn ich mir gleich hier und da noch etwas ungeschickt vorkomme als Gatte und Vater. Nur ist nicht viel davon zu erzählen, sondern ich möchte am liebsten sagen: komm und sehe!

Die Berliner Universität ist wenigstens beschlossen, und schon vorläufig das Prinz Heinrich'sche Palais eingeräumt, in welchem wirklich ich und Andere Vorlesungen halten. Doch das wissen Sie vielleicht schon aus Blättern, die ich nicht lese. Wie sehr mich nach den rechten Studenten verlangt zu dieser Universität, kann ich Ihnen nicht sagen. Doch freue ich mich der schönen Aussicht nur mäßig, theils weil mir die ganze Existenz des Staates noch nicht sicher scheint, theils weil ich noch gar nicht höre, daß auch Steffens herkommen wird, was für meine fröhliche Wirksamkeit und für mein ganzes Leben von der größten Bedeutung ist. Er hat seit kurzem auch seine Halskrankheit wieder überstanden. Etwas Anderes aus Halle haben wir aber Hoffnung her zu bekommen, wie ich eben ganz unter der Hand höre und Ihnen auch eben so wieder sagen will. Nämlich ein alter hiesiger bekannter von mir (Schede) wirbt um Karoline Wucherer. Soviel ich weiß wird die Sache freilich bis jetzt nur noch zwischen der Tante und der Mutter verhandelt, und soll erst an Karolinen gebracht werden; allein, wenn diese ihn auch nicht eigentlich liebt, wozu sie ihn zu wenig kennt: so würde sie doch einen sehr schweren Stand haben, wenn sie ihn ausschlagen wollte, und es ist also wahrscheinlich genug, daß die Sache zu Stande kommt. – Von Harscher weiß ich schon seit sehr langer Zeit nichts, und, ich glaube, auch sonst niemand hier. Ich habe ihm zuletzt geschrieben, und ihm sehr dringend gerathen, wenigstens von Basel wegzugehen; aber das ist schon eine kleine Ewigkeit her, und er hat nichts wieder von sich hören lassen.

Doch nun genug für heute, welches eben in diesem Augenblick abgelaufen ist. Holen Sie bald alles Versäumte nach, worin auch die Bitte liegt, nicht wieder so lange zu schweigen. Meine herzlichen Grüße an Ihren Vater .

Schleiermacher.

Zitierhinweis

3369: An Adolph Müller. Berlin, Montag, 4.12.1809. In: schleiermacher digital / Briefe, hg. v. Simon Gerber und Sarah Schmidt. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://schleiermacher-digital.de/S0007198 [Druck: KGA V/10, Berlin 2015]

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