Piwik

Bremen den 26 Octb. 9

Mein Dank für Ihr erwünschtes Schreiben vom November schämt sich freilich seiner langen Zögerung indessen will er doch gerne dienen zum Anknüpfungspunkt. In Paris, das muss ich bekennen, hätte ich Ihre verlorenen Zeilen gerne gesehen und noch schmerzt mich ihr Untergang doch muß ich mich fast freuen, dass ich von diesem – freilich schwachen – Wiedersehen dort nicht wusste, dass es verfehlt war. Das schöne Fest des Lebens, wie Sie es nannten, ist nun lange hinweg geschieden, jezt geht alles einen einförmigen Takt, ein rechtes Drehorgelleben, da man viel Alltagsmelodien zu hören bekomt und selbst mit abspielen muss, die Lichtlein schimmern nur noch von ferne und selten wird ein rechter Tag angezündet. Dass man im Halbdunkel so ungeweihte Musik sich gefallen lassen muss, will ich noch gelten lassen, aber dass alles so träge geht verdriesst mich. Nehmen Sie, wie es mir übel ergangen ist, als ich mich kaum in die Wellen geworfen hatte des bürgerlichen Treibens und durch hastiges Rudern recht bald die äussere Gewandtheit des Handelns zu erlangen dachte, muss mich mitten im schönsten Lauf eine jämmerliche Krankheit lähmen so dass, wie ich die Gewissheit des blossen Lebens wiedergewinne ich mich nicht allein in jenem Streben ganz verändert und gestört finde, sondern in allem übrigen zugleich mit, ich kann mich kaum wiederfinden und bin wie die Trümmer eines Schiffes ohne Mast und Segel  | 6v und Steuer. Es ist freilich schon besser geworden und wird es täglich, doch darf ich 4 bis 5 Monate nur aus meinem Kalender ausstreichen. Dennoch ist es begreiflich, dass ich Ihnen unter einer so bösen Konstellazion nichts von meinen umgeworfenen Planen und Aussichten melden darf, nach denen Sie so gütig waren, zu fragen. Ich muss nun von vorne anfangen, einen festen Platz und ein Postament zu gewinnen, das mich trage, denn sobald etwas Angefangenes aufzugeben, wäre weder menschlich noch thierisch; selbst die Thiere haben darin eine gewisse Tapferkeit und so oft man auch einen Käfer auf den Rükken legt, so erhebt er sich immer wieder auf die Füsse.

Wie Sie jezt leben, weiss ich nur aus sparsamer Kunde, aber wie gerne erführe ich mehr davon. Wie steht es mit der Berliner Universität? die Landesleute scheinen wenig Muth dazu zu haben. Der Kammergerichtsrath Wilmans, ein Freund meines Vaters , der diese Zeilen besorgen will, widerspricht der Idee ganz, er ist sehr intim mit Beyme und muss die hohen Absichten einigermassen kennen; indessen hat er bis jezt in Byalistok gestanden unter den Wölfen und ob er während er den jährlichen Beitrag von Wolfsohren nachsah über diese reinigende Kultur des Landes nicht die der menschlichen Gemüther vergessen, fragt sich. Bei dem, was, Sie tadelnd über Friedrich Schlegel sagen, fällt  | 7 mir ein, wie unglüklich jezt dieser Mann sein müsse der alle seine Hofnungen an den nun gefallenen Staat anknüpfte; schon damals, als ich ihn sah, hofte er auf den Augenblike, wo sich mit aller Kraft und Gesinnung dieser regen würde und wenn man die Folge seiner Gedichte durchgeht, bezieht sich alles darauf; nun geht es ihm wie vorher, dieselbe verkümmerte unfrohe Existenz führt der Körper, dem er sich angehängt hat. – Von Harscher habe ich einmal Nachricht, aus Basel wo er ein betrübtes Leben führt; sollte Horn nicht zurükkommen, so denke ich ihm hier eine Hütte zu bereiten. Ich möchte ihn recht gerne bei mir sehen und würde mich durch seine graue Maske wenig stören, die er auch vielleicht im Zwang der Geschäfte niedersinken liess.

Ich muss leider eilen, sonst müssten Sie sich noch recht viel Gefragtes und Gesagtes gefallen lassen. Wichtig und unwichtig, wie es ist, wird es nun verschwiegen.

Ihr immer treuer

Adolph Müller

Zitierhinweis

3356: Von Adolph Müller. Bremen, Donnerstag, 26.10.1809. In: schleiermacher digital / Briefe, hg. v. Simon Gerber und Sarah Schmidt. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://schleiermacher-digital.de/ediarum_pzwei/rest/db/projects/schleiermacher/web/briefe/detail.xql?id=S0007185 [Druck: KGA V/10, Berlin 2015]

Download

Dieses Dokument als TEI-XML herunterladen.