Daß sich unsre Briefe begegnen würden ahndete ich wohl mein Lieber, auch fuhr mir der Gedanke zuweilen durch den Kopf – ob Du vielleicht bei dem mir so peinlichen Schweigen doch über einen Plan unsres Ersehens brüten köntest – aber daß er wirklich ausgeführt wird alles so nahe – gereichte zu meinem größten Erstaunen – zu gleicher Zeit sehe ich es als eine besondere günstige Schikung an – da ich mir selbst nach einigen Wochen eine kleine Zerstreuung meines Gemüths gesucht haben würde – da ich durch den Heimgang unsrer guten Ellert – wie Du wohl aus meinem lezten jezt ersehn sehr – – und mannichfach bewegt bin – so, daß die Reizbarkeit meiner Nerven manches alte Unbil wieder erregt –!

Vorher aber wolte ich hier bei meiner lieben Seidliz ein Ersehen mit ihrem Vater und Söhnen abwarten, so auch ihres Bruders der 8 Jahre in der Cristiansfelder Anstalt Lehrer war – und nun einen anderen Ruf nach Sarepta erhalten; Alle diese Lieben, vorzüglich aber meinen kleinen Adolph wieder, zu, sehn, der an seiner Loore mit vieler Wärme noch hängt – und meiner guten Seidliz in ihren fraulichen Geschäften – zur Hand zu gehn, als auch um die Kinder zu sein – dann aber meine Stegmann nach 12 Jahren wieder einmahl besuchen. –

Dieses habe ich nun nicht nötig – ein Traum scheint  | 25v mirs zwar noch immer zu sein – Dich Du Guter mit Deinem lieben Weibchen Kinder und großer Jette hier zu sehn so auch die Nany – lieb wäre mirs gewesen, wenn Du den Tag Deiner Ankunft hättest bestimmen könen indem unser Wiedersehn – mit der Seidliz ihren Lieben, wenn Ihr vorher einige Tage im Gebirge weilt – fast in einem Tage trift –. Daher es am besten – Du bestimst von Schmiedeberg aus den für mich so frohen Tag – damit ich nach Gnadenfrey mich begeben kan – um Uns dort zusamen zu finden und die persönliche Bekantschaft meiner Lieben zu machen – mit zitterhafter Freude denke ich daran – doch ich will durch meinen garstigen Egoismus wie viel ich dabei verliehren werde mich nicht in meiner Freude stehen laßen – Die gute Seidliz freut sich nicht wenig auf die Bekantschaft, und in Gnadenfrey werden wir dann – den Tag bestimmen welchen wir in Habendorf zubringen willen –! mit dem Abstecher nach Troppau – ob Du den allein mit Nany machst oder wie es damit ist – erscheint mir dunkel!

Gott gebe mir nur Kraft alle diese Freuden zu ertragen – und Euch Ihr Lieben eine glükliche Reise – mit Groß und Kleinen.

Lotte

Zitierhinweis

3338: Von Charlotte (Lotte) Schleiermacher. Um den 1.9.1809. In: schleiermacher digital / Briefe, hg. v. Simon Gerber und Sarah Schmidt. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://schleiermacher-digital.de/S0007167 [Druck: KGA V/10, Berlin 2015]

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