In welcher GeduldSchule bin ich jezt meine Lieben – in der grösten Unwisenheit und unbeschreiblicher Sehnsucht, etwas aus Ruegen zu erfahren – diese Gefühle – die mir von dieser Art bisher noch unbekant waren – haben mich so ergriffen – daß ich seit dem 5ten May – an welchen ich Euch das erstemahl zusammen gegrüßt – nichts aufs Papier bringen – konte – Heute sind es 8 Tage daß wir wieder hierher gezogen sind – an vielen schönen Pläzen habe ich Euch mit Euren Kleinen schon her gewünscht – Heute bin ich einmahl in der Stube geblieben – weil meine Gichtschmerzen zu arg sind – doch das ist nichts gegen das nahmenlose Gefühl mit welchem ich dem morgenden Tag entgegen sehe, der mir doch gewiß einen Brief bringen wird. wenn Ihr Beide auch erst in Berlin schreibt – hätte doch Herz und Nany mir was von den schönen Festlichen Tagen auf der Insel schreiben könen – auch der gestrige Tag hat mir nichts gebracht ich will nun gar nicht mehr rechnen auf den oder jenen Posttag denn nun werdet Ihr erst von Berlin aus schreiben – wenn Ihr Euch eingerichtet habt in die neue Wohnung – O Ihr Lieben wie war mir gestern Abend zu Muthe – bei dem göttlichen SonnenUntergang – den wir bei einem schönen Teiche so ganz genoßen wie segnete ich alle meine Lieben im Geist – wie wünschte ich ihnen den Genuß mit mir – doch Dir wirds auf der prächtigen Insel nicht daran fehlen – wie werdet Ihr Euch recht daran lezen – und in Berlin noch davon zehren! – Den 17ten oder 18ten wolten wir in Pangel verbringen, wohin wir schon öfters eingeladen – leider hatte die Aulock Verhinderungen – nun sind wir hier – wer weiß wie lange es nun aufgeschoben wird – der guten Seidliz war es äußerst unangenehm – doch waren wir 1 Stündchen am 18ten | 16v

d 16 Juny

Gestern erhielt ich endlich Deinen Brief – endlich muß ich wohl sagen denn wie lange mir dis Warten gedeucht! am 26ten May hast Du die lezten Worte geschrieben – aber wahrscheinlich doch nicht bald den Brief auf die Post gegeben – oder politische Verhältniße haben die Reise hierher so lange verzögert – Nun komen ja die Briefe wieder von Berlin – da  Vom Hg. korrigiert. eses wird es wieder schnell gehen wenn Du nur oft schreibst – doch wünsche ich zu wißen – ob man etwa die Briefe auf halben Wege frei machen muß – oder auch mehreres drauf sezen muß – als Garz auf der Insel: Ruegen – damit sie schneller ankommen und – ob – Luise Willich in Poseriz bleibt – denn wir werden uns wohl künftig auch schreiben – ob Du meinen Brief vom 5ten May am 18ten durch die Herz erhalten hast oder viel später – dis werde ich wohl in Deinem nächsten hören, worauf ich mich unbeschreiblich freue – indem(?) ich von der Trauung ann nichts naeheres(?) weiß – ob Willich der diese heilige Handlung verrichtete derselbe der dir nach deiner ersten Predigt auf der Insel, mit einer heiligen Rührung um den Hals fiel – und hat er die Gäste eingeladen? ich hoffe daß dein Liebes Jetchen ich nenne sie jezt dein Weibchen selbst oder doch gewiß Nany mir von ihrem Anzuge schreiben wird ob er schwarz oder weiß war – so auch von der Herz und von Sophie – ob die Pistorius bey der Trauung hat sein können – – Deine Berichte haben mir übrigens viel Freude gemacht ich danke dir herzlich dafür und hoffe auf mehreres – nur eins fehlte mir – die kleine Jette hast Du niemals erwähnt – wie liebe ich Eure Kinder – wie viel und oft denke ich ihrer | 17

Seit Vorgestern bin ich im Besiz Eurer lieben Briefe – ich hatte ein richtiges AhndungsGefühl daß der aus Berlin dem vorigen bald nachfolgen würde – ich erhielt ihn den nächsten Posttag – ich hätte schon gestern meinen Dank und Gefühle so gut es geht niedergeschrieben – wären wir nicht in Hennersdorf bei der Pritviz gewesen – ich nahm Deine Briefe mit – lieber Bruder du weist was sie von jeher auf Dich hält (wenn ihr Euch auch nicht immer in allen Deinen Gefühlen begegnet seid) sie hat sich recht an Deinem Brieflein gelezt – grüst Dich gar herzlich so auch dein liebes Weibchen unbekannter Weise – nach ihren Briefen wünscht sie mir Glük zu solch einer Schwägerin auch meine gute Seidliz trägt mir viel herzliches an Dich und Deine Jette auf die sie im Geist gar sehr lieb gewonnen und sich auf die Persönliche Bekantschaft gar sehr freut. Die Gute freut sich so recht aus voller Seele daß das Große das herrliche Glük nun endlich auch Dir geworden ist ich selbst kann darüber die wenigsten Worte machen aber meine Freude über die lezten Briefe – und auch den von Jetten hättest Du sehen sollen !!! O Lieber auch ich wünschte gar sehr in Gewißheit über unser erstes Ersehen zu kommen alles und jedes einzeln – und Dich nun(?) ganz besonders in der Würde des HausVaters des glücklichen Gatten! ach wenn nur über dieses Kommen nicht so ein Dunkel verbreitet läge weil ich fürchte es wird wegen Mangel an Geld gar nicht geschehen – woltest Du mit Jetten allein kommen ohne die Kinder – das wäre auch nur halb – bis künftiges Jahr – das däuchtet mir in jeder Hinsicht gar zu lange | 17v

Der Konopak ist bey Euch gewesen – den beneide ich auch – doch kannst Du ihn immer von mir grüßen wenn Du an ihn schreibst. Was mir recht von Nöthen tuht – ist eine ordentliche Beschreibung von der Insel Ruegen und den dortigen NaturSchönheiten – in den GeographieBüchern findet man dergleichen nicht – kannst Du mir nicht eine kleine Schrift anzeigen – oder noch beßer – Du selbst machst eine Schilderung von allen den Orten – samt den Menschen – ich scherze nicht – ach – das wäre ja das treffenste(?) und prächtigste was ich davon lesen könnte – manche neue Personen und Orte kommen in Deinen Briefen vor, die mir ganz neu waren –

Wegen dem lesen – bin ich jezt in einer höchst unglüklichen Crise – d.h. der Quelle einer sehr guten Bibliothec so nahe wie möglich – und leider erlauben meine Finanzen nicht – sie ordentlich zu benuzen – ach das fatale Geld – Erxleben der sonst in Herrnhut war ist ganz Kürzlich hierher gekommen – ein Mittarbeiter außer Dober Schneider dieser verleiht um Geld seine auserlesenen treflichen Bücher ich glaubte nicht daß er das hier so wie dort treiben würde – aber im Gegentheil ist große Freude – da die Arbeiter doch eher fürchten müßen daß Lesesüchtige aus den Städten, sich Allerley kommen laßen – – Aber leider hat er das Lesen eines Buches, nach dem Werth was es ihm kostet berechnet – so daß man für ein theures Buch die Woche 3 gr giebt – usw. – Doch was klage ich Dir alles vor bekäme ich meine 10 rthr nach reducirtem Geld – wenn auch nur Münze – so wärs noch erträglich – da ich in 100 andern Dingen jezt entbehren gelernt habe! aber – so bekam ich nur die Hälfte – in gutem Geld!

ich will hier enden. Bitte laße mich bald wieder was von Euch hören – und thue alles für Deine Gesundheit – die Dir jezt doppelt ja dreifach heilig sein muß!

[...](?) der Bertram denn wie tiefe Theilnahme zu dir bezeugt sie bis jezt deinen Predigten

Lotte.

Zitierhinweis

3276: Von Charlotte (Lotte) Schleiermacher. Vor dem 16.6. bis um den 20.6.1809. In: schleiermacher digital / Briefe, hg. v. Simon Gerber und Sarah Schmidt. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: http://schleiermacher-digital.de/ediarum_pzwei/rest/db/projects/schleiermacher/web/briefe/detail.xql?id=S0007105 [Druck: KGA V/10, Berlin 2015]

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