Sonnabend Abend d 15t Ap 9.

56

Wie ist es mir lieb daß heute der süße Brief gekommen ist in welchem Du mir den Augenblik beschreibst als du dem Küster unsere Nahmen gabst – o mein geliebter Ernst war es denn wircklich reine Seeligkeit die Dich so bewegte? ach ich bin so glücklich daß ich es nicht fassen kann – ja Ernst an meiner Brust auf meinen Lippen sollst du dein überströmendes Gefühl ausathmen – und mit Wonne will ichs bis ins innerste empfinden – aber auch Du sollst dann fühlen meine Liebe – mein ganzes Umfassen deines Wesens –

Louise und ich haben heute Abend zur stillen Vorbereitung auf morgen in Ehrenfrieds Predigten gelesen –

Jezt ist es spät nach unserer Art und die Kinder sind früh munter darum laß mich nun Dir gute Nacht sagen – Sieh mich nur noch einmahl so recht an mit dem schönen Feuer der Liebe im Blick und dem frommen Ernst – – mein Süßer ich hänge noch lange an Deinem Halse –

Montag Morgen.

Ich hätte Dir gerne noch gestern Abend da ich von Sissow zurückgekommen, geschrieben, allein es war 12 Uhr und ich fürchtete Louise die ihre Stimme immer mächtig erhebt wenn ich lange aufbleibe daß ich mich krank machen werde usw, also ging ich gleich zu Bette. Nun muß ich dir nur recht nach der Ordnung erzählen  | 78v wie ich den gestrigen Tag zugebracht habe. Morgens hatten wir viel mit den Kindern zu thun so daß vor der Kirche nicht an eine stille Samlung des Gemüthes zu denken war – Als wir zur Kirche gingen Du weißt wir haben einen sehr langen Weg, that mir das schöne Frühlingswetter, die frische Luft nachdem ich seit mehreren Wochen auch gar nicht das geheizte Zimmer verlassen hatte, ungemein wohl – In dieser angenehmen Frühlingssonne wanderten wir noch etwas auf dem Kirchhoff herum weil wir zu frühe gekommen waren – Die feste Gewißheit daß auch Du meiner in denselben Augenbliken in Deiner höchsten Liebe gedenkest, war mir unbeschreiblich süß – Ich sage Dir nichts von der Predigt von allem was des Predigers eigene Worte waren – ich konnte ihnen nicht folgen, hatte weder Neigung noch guten Willen dazu – meine Gedanken schweiften zu Dir hin, zu Ehrenfried , zu unsren Kindern – im stillen Gebet suchte ich mich selbst vorzubereiten auf den heiligen Augenblick – innige Rührung unaussprechlicher Dank erfüllten meine Seele und tief seufzte ich auf nach Reinigkeit und Heiligung des Herzens – ach mein Ernst ich fühle oft mit Wehmuth mich noch so fern von Gott und viel zu unwürdig so großes zu empfangen – Dann denke ich immer daß weil ich nun so recht an Dich gekettet bin durch Dich  | 79 den Liebling Gottes auch Seegen und Gnade immer über mich kommen werde. – Wie viel schöner mir die gestrigen Stunden doch hätten sein können hätte da ein frommer Mann gestanden dem ich mit Andacht zugehört das fühlst du gewiß mit mir mein Theurer! O wie wird das in Zukunft göttlich sein! Es ist mir sehr lieb gewesen daß Louise mit mir war und sie theilte dies Gefühl, sie hat Dir heute schreiben wollen, komt aber wohl nicht dazu –

Bei meines Bruders kleinem süssen Töchterchen Gevatterin zu sein war mir eine rechte Freude nur that es mir sehr leid daß gerade gestern die Garzer hier waren und ich Lotte nun gar nicht geniessen konnte. In Sissow traf ich zu meiner außerordentlichen Freude unsere gute Jette , wir hatten uns unendlich lange nicht gesehn und einander viel zu sagen. Deine Grüße nahm Caroline sehr herzlich auf und bat mich sie recht so zu erwiedern, sie sagte mir wie gerne sie die Kindtaufe noch aufgeschoben hätten um dich auch zum Gevatter zu haben, sie hätte aber doch gefürchtet es möge zu lange währen.  | 79v Caroline war sehr liebenswürdig gestern, mein Bruder so innig froh. Aber wie die schöne Handlung durch den Pastor Pieper verdorben wurde der ein altes Formular herdrönnte das läßt sich nicht sagen und wie mir das nahe ging um meinen Bruder und um Caroline die gerade bei dieser Veranlassung gewiß emfänglich gewesen wären ein kräftig religiöses Wort in sich zu nehmen – – –

Des Kindchens Kopf giebt doch weiter keine Ursache zur Unruhe, wie ich es dir einmal äußerte. Jette hat mir aufgetragen dich zu fragen ob du drei Briefe an Alexander von ihr erhalten hast sehr ernstlich ist ihr Auftrag.

Nun bester Ernst über den Furhmann, ihr habt ja gewaltige Noth dort gehabt wir auch einige ich lege dir ein Zettelchen von Tante ein woraus Du es sehn wirst – die zwanzig Thaler schikke ich mit der umgehenden Post also heute an Tante ich hätte sie doch gleich abgetragen denn ich will Israel der gegen mich sich nicht gefällig gezeigt, nichts schuldig sein – Der Fuhrmann wird sie doch nicht als Zulage verlangt haben? Daß meine Leinwand von Louise nicht mitgekommen ist geht mir  | 80 auch recht nahe. Meine Betten die in einer Trane(?) oder Kiste sollten verpackt werden, die aber weil eine solche auf dem Wagen nicht Platz gehabt hatte, nur bloß in leine Tücher genäht sind, kommen gewiß bei dem vielen Regen sehr verdorben bei euch an und vielleicht entzwei gescheuret dazu. Ich kann nicht leugnen daß mir das ordentlich etwas schmerzlich wäre und daß ich oft mit Besorgniß daran denken muß.

Nun verlangt Dich auch wohl von unsern Kindern zu wissen. Friedchen hat Gottlob heute da sein Fieber Tag ist keins bekommen – Jettchen erst heute früh zu brechen genommen, nun wird sie es wohl noch ein oder zwei Mahl haben und dann ist es hoffentlich vorbei und die Kleinen können doch ziemlich frisch wieder sein wenn Du komst. Wenn es nur andres Wetter wäre! Gestern ein paar Stunden zum erstenmahl schön, und wie ist es heute wieder!  korr. v. Hg. aus: Dasdaß ich Jettchen neulich so lobte in ihrer Krankheit das hat sie uns zu Hause gebracht. Den Fiebertrag ist sie rührend gut und sanft den guten Tag aber sezt sie uns was rechtes zu – ach Ernst was wirst Du für unerzogne Kinder finden. Und alle  | 80v Menschen behaupten hier daß man ihnen jezt durchaus nachgeben müsse weil die geringste Alteration das Fieber verstärke oder gar zurückbringe. So ist Sophie der sichern Meinung daß Friedle dies lezte Mahl das Fieber wieder gekriegt weil ich, nachdem ich die Diätzeit für überstanden hielt, ihm ein paar Mahl die Ruthe gegeben indem eine gewisse Unart wieder so tief eingerissen während dem vielen Kranken daß es mir wircklich außerordentlich schwer zu tragen wird.

Du lieber Mann wie kann es dich nur einen Augenblick wehmüthig gemacht haben was ich über den Frühling schrieb – das Leben in der Natur so sehr ich es liebe ist mir doch gar so nicht Bedürfniß daß in jenem schönen herrlichen Leben ich es recht vermissen sollte – und was ist aller Naturgenuß gegen Dich, den ich dann habe und genieße. Wisse es doch recht daß es über allen Ausdruck groß ist was du mir giebst und daß ich fast über allem Ausdruck unglücklich würde gewesen sein und es gewiß immer mehr geworden wäre hätte deine Liebe mir nicht ein neues Dasein gegeben.

O Ernst mir wird nichts gar nichts fehlen wenn mir nicht in mir selbst etwas fehlet. | 81

Höre wie mich das ergriffen hat was du an Jette schreibst daß du vielleicht Universitätsprediger werden kannst das kann ich dir gar nicht sagen – Schon oft habe ich Jette gefragt ob dazu gar keine Aussicht sei und es hat mir immer als das vorgelegen was ich Dir zunächst wünschen möchte, und mir auch – Auf einen solchen bestimmten Kreis von gebildeten Menschen zu wircken das muß doch am schönsten sein. Und ich meine ich würde mich fast noch mehr freuen auf deine Predigten vor dieser als vor einer gemischten Gemeinde –

Aber ich habe heute auch genug geplaudert geliebter Mann ich rechne nun jeden Abend daß schon wieder ein Tag abgeht von den 14 die ich höchstens noch rechne. Süßes lebe wohl.

Ganz Deine Jette.

Louise grüßt Dich sehr herzlich, auch Sophie . Dies schreckliche Geschmiere auf dem dünnen Papier kaum wirst Du es lesen können



Daß Tante sich beklagt der Fuhrmann sei nun auf den 14ten bestellt gewesen ist gewiß eine Irrung von ihr.

Zitierhinweis

3215: Von Henriette von Willich. Poseritz, Sonnabend, 15.4. bis Montag, 17.4.1809. In: schleiermacher digital / Briefe, hg. v. Simon Gerber und Sarah Schmidt. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://schleiermacher-digital.de/ediarum_pzwei/projects/schleiermacher/web/briefe/detail.xql?id=S0007044 [Druck: KGA V/10, Berlin 2015]

Download

Dieses Dokument als TEI-XML herunterladen.

Kanonische URLDieser Link führt stets auf die aktuelle Version.

https://schleiermacher-digital.de/S0007044