Dienstag d 4t. Apr. 9.

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Seit einer Stunde habe ich Deinen lieben Brief vom 24ten. Es war ein reicher Posttag, ich erhielt zugleich einen sehr herzlichen Brief von der Schildener (die ganz untröstlich ist daß ich nicht noch eine Woche bei ihr zubringen will vor meiner Abreise) und einen sehr langen lieben von unsrer Lotte aus Schlesien . Es ist mir eine rechte Noth daß ich ihre Briefe aber nicht lesen kann sondern herausstudiren muß; sie schreibt erstaunlich undeutlich für mich, Gott wie lieb mich die gute Seele hat! mich freut es so sehr, doch denke ich auch immer daß sie vieles sich anders und schöner ausmalt als es ist, und weiß es eigentlich gewiß. Ich werde gute Bogen voll schreiben müssen wenn ich ihr genügend auf alles was sie fragt, antworten will. Ich will es aber treulich thun. – | Nun will ich Dir gleich sagen was ich über unser Schlafzimmer denke, entscheiden aber kann ich nichts. Der größere Raum unten spricht freilich sehr für die Eßstube aber ich sehe doch nicht wie das mit den Kindern gut gehen könnte. Wenn sie wohl sind und ruhig fortschlafen dann können sie ja immer allein sein, aber komt ein bischen Kräncklichkeit, und sie wachen auf ohne daß es bemerkt werden kann so können sie sich doch zu sehr außer Athem schreien und sich dadurch wircklich schaden –  | 68v Bei Jette besonders ist das gar nicht zu wagen, sie ist so reitzbar und wenn sie im geringsten unwohl ist, ist ihre Einbildungskraft oft so erhizt daß man sie gar nicht allein lassen kann. Sie hatte im Herbst eine Periode, habe ich dir nicht davon geschrieben, wo sie immer Abends mehrere mal aufwachte, mit einem Weinen das gar nicht zu stillen war und in jeden Winkel Gestalten sah die ihr unerhörte Furcht machten. Ich glaube wircklich daß man Jette nicht ganz behandeln kann wie ein andres gesundes Kind. Du glaubst es gar nicht in welche furchtbare Bewegung sie gerathen kann. – Du siehst ich setze voraus daß wir nur ein Mädchen haben die gewiß würde oben beschäftigt sein und also nicht bei den Kindern sitzen könnte – Um nach Deinem Zimmer zu kommen könnte es mir doch gleich sein ob ich über den kleinen Flur oder durch die Kammer ginge, nur die Verbindung der beiden Kammern schien mir sehr nützlich, das hatte ich mir sehr leidlich gedacht die andre kammer dort noch in Reserve zu haben. Vielleicht ginge es auch daß die Bettstelle nicht so dicht an der Stürn stünden daß nicht ein so behendes Wesen wie ich da durchschlüpfen könne ohne daß es eigentlich den Nahmen Durchgang verdiene. Bleibt es bei den Arrangement oben so könnte wohl mein Secretair statt des benannten Schranks dienen, er hat drei Schiebladen – O süßer Ernst wie interessiren mich alle die kleinen Zurüstungen zu dem herrlichen Leben – Ich denke  | 69 mir das Haus sehr niedlich, aber lieber Ernst kannst du denn jezt so viel daran wenden daß du alles neu machen läßt. Ich war ganz darauf gefaßt kleine Fenster und bunte Öfen zu finden. Du siehst daß ich über das Schlafen ganz unentschieden bin, sehr hübsch wäre es auch Nannys Schlafkammer als niedliches Cabinett in der Reihe zu haben. – Du hast aber sehr Recht so wie ich einmahl mir dort alles gedacht so hätte ich es am liebsten behalten – ich bin ganz zufrieden wie ihr es einrichten wollt. Höre begreifen kann ich es doch nicht recht nach der Zeichnung obwohl sie mir sonst ganz klar ist daß die beiden Bettstellen nicht sollten zu stellen sein daß doch ein Durchgang bliebe – aber du mußt das freilich beßer wissen –

Die Kinder bitten mich ich möge mit ihnen spielen adieu für diesmahl geliebter Mann –

Freitag Morgen

Mein süßer Ernst daß Du wieder so unwohl warst hat mir doch außerordentlich unangenehme Empfindung gemacht, und ich habe diese Tage in welchen ich dir nicht geschrieben, gar oft daran gedacht und nicht immer mit ganzer Ruhe. Wäre es doch mit einem Tage vorübergegangen und hätte ich doch Morgen die Nachricht davon sicher in Händen – wer weiß aber ob nicht ohne Deine Schuld morgen wieder ein leerer Posttag für mich  | 69v ist. Süßer Ernst dieser Frühling muß Dich doch ganz gesund machen! – | Ich habe Jette um Rath gefragt wegen der Einrichtung der Zimmer da ich doch an sie zu schreiben hatte, und schicke hier ihre Meinung selbst – ich glaube aber es würde uns gar nicht gut zu Muthe sein wenn Nanny so weit von uns wohnte, und die beiden Zimmer so hübsch beieinander in Ordnung ohne Betten gefällt mir gar zu sehr, ich denke Du entschließt Dich nur es bei der Kammer zu lassen, doch soll dies keine Entscheidung sein. – | Bitte unsere Nanny mir 40 solche kleine Perlen zu kaufen wie diese ProbePerle. Es sind einige zerbrochen gewesen als das Halsband gekommen ist, und hier kann ich durchaus solche nicht erhalten, es hat aber Zeit bis sie sie mir mitbringt, nur muß sie es ja nicht vergeßen.

Hier hast du auch einen Brief von unserer theuren Lotte, sie ist Gottlob das Fieber los. Louise und ich waren am zweiten Festtage dort, ich hatte es lange nicht gehabt ruhig mit ihr sein zu können wir plauderten viel. Sie fragte mich ob Du ihr wohl gern deine Predigten schencken würdest sie habe sie sonst kaufen wollen, es würde ihr  | 70 aber gar zu lieb sein sie von Dir zu haben und sie habe darum noch immer gewartet und gehofft – Ich bin so dreist gewesen lieber Mann sie ihr in Deinem Nahmen zuzusagen. | Der Hane ihr bestelltes Buch hast Du noch nicht vergeßen? Als ich am Montag aus der Kirche kam sehnte ich mich sehr mit Dir zu reden – mir war das Herz voll – ganz unerwartet ward es mir zum großen Genuß daß ich in die Kirche gegangen war – Ich war ziemlich gleichgültig dabei gewesen da ein sehr gleichgültiger Prediger das Amt hatte – aber an dem geweihten Orte ergriff mich die hohe Bedeutung des Festes sehr lebendig – ich hatte unaussprechliche Augenblicke – Ehrenfrieds Auferstehung feierte ich mit der des Erlösers zugleich – er war mir so nahe so lieb wie ich es lange nicht gefühlt – und dann dachte ich mir Dich jezt auch in der Kirche mit deinem frommen Herzen und deiner schönen Beredsamkeit, und wie viel größer die Feier das heiligen Festes künftig in mir sein werde in dem ganz vereinigten Leben mit Dir Du Gott-Erfüllter! –

Diese verflossenen Tage sind unter ämsigen betreiben und arbeiten hingegangen – nach Götemitz und nach Sissow komme ich gar nicht –  | 70v Friedchen erholt sich sehr und wird ganz frisch sein wenn Du ihn siehest – wir sind Alle gesund, auch die Leute die alle krank waren bessern sich – nur die kleine Gespielin der Kinder liegt noch, doch ist die Gefahr auch bei ihr vorüber –

Aber lieber Ernst nun hoffe ich schon in jedem Briefe die Bestimmung zu finden wann wir nach Dir aussehn sollen – Gott wie nahe! leider hält die ungewöhnlich kalte Witterung alles zurück und Du wirst die Bäume wohl noch kaal finden das ist mir sehr leid. Willichs Geburtstag ist glaube ich den 26ten oder 27ten Mai, ich wollte wir könnten ihn etwas feiern wenn wir grade dort sind aber ich wüßte freilich nichts anzugeben –

Willich hat sich auch des Gedankens ganz entschlagen uns plötzlich in die Kirche zu führen wie ich unter der Hand gemerkt habe – Er hat neulich Kahlow den Auftrag gegeben Musick für unsern Tag zu bestellen – o mein Ernst wie wird er eingehüllt sein in Freude und Rührung –

Von Louise soll ich Dich sehr grüßen, sie ist sehr thätig für mich, und Sophie ist auch so gut. Ist es nicht sonderbar daß sie beide öfter äußern ich redete wohl nie von ihnen mit Dir?  | 71 Ich thue es doch wircklich und brauche es Dir ja auch gar nicht mehr zu sagen daß sie außerordentlich gut gegen die Kinder und gegen mich sind –

Ich hätte auch wohl sehr mögen wie Jette mich Louisen Reichardt geschildert hat, ich kann es mir nicht vorstellen. Es ist mir ganz natürlich daß du mich nicht darstellen kannst, aber begreifst du es wohl daß ich recht viel und recht ordentlich von Dir reden kann, mit Lotte Pistorius auch wohl mit Herrman doch nur von gewissen Seiten – mit der lieben Hane .

Lieber Ernst möchte es noch so spät sein rein stehlen solltest du mir die Küsse doch nicht, aber aufwecken dürftest Du mich auch nicht, zu Louisens Erstaunen kann ich schlafen und singen und allerlei gewohntes mit den Kindern vornehmen zugleich und wircklich dabei schlafen. Da sollte ich doch wohl schlafen und Küsse nehmen und geben zugleich können. Denke nur nicht weil ich von singen sprach daß ich jezt den großen Bälgern was vorsinge, das ist aus früherer Zeit. Und nun leb wohl mein herzlich Geliebter und habe mich immer gleich außerordentlich lieb

Deine Jette.

Sei nun auch bald ganz gesund und sage mir auch  | 71v wie Dich die neuen Begebenheiten bewegen. Hier ist alles voll von Mitleid, andre von Freude über den Sturzz des schwedischen Königs. Die Stürme die ausbrechen sollten in diesen Monaten hältst du sie ganz vorüber gezogen oder nur aufgehalten? –

Zitierhinweis

3191: Von Henriette von Willich. Poseritz, Dienstag, 4.4. bis Freitag, 7.4.1809, erarbeitet von Simon Gerber und Sarah Schmidt. In: schleiermacher digital / Briefe, hg. v. Simon Gerber und Sarah Schmidt. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: http://schleiermacher-digital.de/ediarum_pzwei/rest/db/projects/schleiermacher/web/briefe/detail.xql?id=S0007020 [Druck: KGA V/10, Berlin 2015]

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