Halle den 4te April 09.

Ehe ich reise noch ein Paar Worte zu Ihnen mein theuerster Freund. Ja wohl ist sie hart die Kur die Sie mir verschreiben und doch sehe ich wohl ein daß es keine andere giebt denn nur zu sehr bin ich geneigt sowenig sonst wohl Unglück mich beugt, mich gerade hier einer weichen Stimung hinzugeben. Doch wie die Sache auch kommen mag, sie gänzlich in mich zu verschließen dazu war ich immer schon fest entschlossen und wenn ich Ihnen über Mangel an Mittheilung klagte so war es nur weil ich damals noch vergeblich einen ungestörten Augenblick gesucht hatte um einmal und nie wieder mit Karolinen darüber zu sprechen und mein Verhältnis zu ihr ins Klare zu setzen. Das werden sie hoffentlich nicht tadeln und das ist auch geschehen. Ein wunderbares Schiksal lieber Freund drükt das liebe Mädchen über welches sie sich nicht erklären kann und worin ich auch nicht weiter dringen mag. Es ist ein altes Verhältnis gänzlich abgerissen äußerlich und für dessen Bestand sie wie sie selbst sagt keine andre Bürgschaft hat als ihr eignes Gefühl. Unbekannt der Mutter ist es wohl nur insofern sie dessen Dasein nicht mehr ahndet. Es sieht recht trüb in Karolinens Inneren aus | 45v und obgleich sie versichert, daß sie einen glücklichen Ausgang hoft so entschlüpften ihr doch manche Worte die mir eine unglükliche Ahndung verriethen. Sie sehen wie mich das Schiksal von allen Seiten angreift und daß das einzige was mir Hofnung geben könnte gerade das ist was ihr den empfindlichen Schmerz verursachen müßte. Kann ich da wohl anders als mich innerlich wenigstens auf immer an sie schließen und hoffen daß wenn es mir gelingt den Schmerz zu überwinden mein Gefühl für sie wie immer als ein erheiterndes zurückbleiben wird. Könnte ich nur erst die alte Unbefangenheit im Umgange mit ihr wieder gewinnen dann soll sichs wohl fürs Erste wenigsten erträglich leben lassen. Die Mutter habe ich die ganze Zeit her beinahe nur in ziemlich großer Gesellschaft gesehen und kann itzt nur schlecht beurtheilen wie sie sich eigentlich befindet. Ich fürchte aber dies Mittel der Zerstreuung ist gar nicht das rechte und reibt sie nur mehr auf. Sie ist sonst ziemlich wohl. Schon ehe ich Ihren letzten Brief erhielt hatte ich mit Rienäcker verabredet diesen Sommer entweder den Platon oder den Augustin zu lesen. Dann werde ich bei Steffens wo ich schon diesen Winter Innre Natur Geschichte der Erde gehört, die Natur Philosophie hören, so denke ich soll es mir an ernster Beschäftigung nicht fehlen. Warscheinlich wird dann doch auch die  korr. v. Hg. aus: Vereinigungs Vereinigung | 46 in Kurzem entschieden sein, was mir zwar Befreiung von einigen lästigen Geschäften z.B. auf dem Pädagogium verspricht aber auch veil mehr Arbeit geben wird in dem ich seit Jahr und Tag gewohnt war keine Predigt mehr aufzuschreiben was ich im Deutschen bei einem viel bedeutenderen und durch Rienäcker zum Theil zu gründlich verwöhnten Auditorium fürs Erste nicht leicht wagen dürfte. Was für mich bei der Vereinigung an Gehalt heraus kömmt läßt sich noch nicht genau bestimmen wird aber schwerlich über 150 r. betragen.

Wenn Steffens Berufung zum Theil von seinem Verhältnisse zu Reil abhängt so ist die Sache von der Seite vortreflich gestellt, sie sind die besten Freunde und Reil hat selbst gegen Rienäcker erklärt er werde nie ohne Steffens nach Berlin gehen. Nur glaube ich an Reils Entschluß Halle zu verlassen gar noch nicht ernstlich. Steffens selbst wird Ihnen nächstens schreiben. Daß hier mancher beobachtet wird läßt sich kaum bezweifeln doch äußerst sich dies thörichte Mistrauen noch gar nicht deutlich genug um deshalb besorgt zu sein. Vor einigen Tagen haben wir hier einen Liebening aus Hamburg einen recht tüchtigen jungen Mann gehabt.

Die Sache mit Flöthe ist berechtigt, wäre ich nur mit Harschers Angelegenheiten erst auf dem Reinen dessen Creditoren mich alle Augenblik überlaufen, ich habe ihm schon | 46v längst geschrieben aber keine Antwort bekommen.

Wie sich die neue politische Verwirrung lösen wird mag der Himmel wissen, ich denke in Dresden manches zu erfahren und freue mich schon auf die wunderlichen Paroxismen der Furcht die sich dort immer sehr komisch äußern.

Freilich haben wir  korr. v. Hg. aus: ihreIhre Predigt nebst Brief erhalten und es wundert mich mehr von Steffens als von mir daß er Ihnen nicht davon geschrieben. Das was unser einer über dies Thema zu sagen hätte haben Sie treflich angedeutet, es auszuführen gestattete Ihnen wohl weder Ihre Lage noch möchte es überhaupt gerathen sein. Mit dem Style müssen Sie es nur nicht verübeln, wenn wir weniger zufrieden sind –

Daß die Leute es doch gar nicht vertragen können wenn man ihnen ans Geld geht. Wir haben hier viel gehört von ausgeführtem und für einen SpottPreis verkauften Silber. Da hätten wir einmal wieder den Berliner Patriotismus. Können Sie und wollen Sie mir vor Ihrer Reise noch schreiben so adressiren Sie nur an Riquet vor dem Saal(?)Thore. Lotte würde sich gewis recht sehr freuen einmal wieder etwas von Ihnen zu hören. Ich denke bis Ende April in Dresden zu bleiben. Leben Sie wohl und reisen Sie auf Ihrer herrlichen Reise glüklich. Grüßen Sie Nanny und alle Bekannte

Blanc

Zitierhinweis

3190: Von Ludwig Gottfried Blanc. Halle, Dienstag, 4.4.1809, erarbeitet von Simon Gerber und Sarah Schmidt. In: schleiermacher digital / Briefe, hg. v. Simon Gerber und Sarah Schmidt. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://schleiermacher-digital.de/ediarum_pzwei/projects/schleiermacher/web/briefe/detail.xql?id=S0007019 [Druck: KGA V/10, Berlin 2015]

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