Sonntag Abend d 2t.

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Du hättest nur den Jubel sehen sollen als deine Bonbons gestern ankamen. Wir Großen fielen noch gieriger darüber her als die Kleinen, besonders Louise die ganz rasend auf die Bonbons ist. Der Kuchen ist auch ganz himmlisch. Ich habe auch heute Carolinen etliche Bonbon geschickt weil sie sie so überaus gerne mag und den Götemitzern auch zu kosten gegeben. Sei recht herzlich dafür bedankt süßer Ernst daß du deinen Friedle und uns Allen so schön bedacht hast.

Aber geliebter Mann daß du wieder so viel an Zahnschmerzen gelitten hast – es ist ganz unerhört! es geht mir sehr zu Herzen denn ich kenne diesen unerträglichsten aller Schmerzen, aber es ist mir überhaupt fast gar nicht auszuhalten daß du da 30 Meilen von mir entfernt sitzest und Schmerzen hast und ich nichts davon weiß. Recht schelten wollte ich dich auch noch daß du dich wieder erkältet hast. Böser Mann ist es nicht sehr unrecht von Dir – hast du mich wohl recht lieb – daß Du Dich so gar nicht in Acht nimmst? | Lieber Ernst thue mir das doch nicht wieder. | | Unser Friedchen erhohlt sich schon mercklich, er hat guten Appetit und so hoffe ich soll er ganz frisch sein wenn Du komst. Laufen will er nur noch wenig sondern immer von mir getragen sein – | 64v

Schlichtekrull ist fast wieder ganz hergestellt, er hatte nur reuvmathische Schmerzen in der Brust die ihn wohl etwas zugesetzt haben mögen. – Jette hat mir heute zu meinem Schrekken gesagt daß dein Arzt Braunianer ist, höre ich habe vor der Braunschen Methode einen Abscheu wie ich es dir nicht beschreiben kann ich wüßte gar nicht wie ich es aushalten sollte dich oder eins von den Kindern in einer ordentlichen Krankheit so behandeln zu sehn . Ich denke nur mit Entsetzen an Weigels Kuren beim Nervenfieber – o Gott Ernst es erschüttert mich immer recht wenn ich es mir lebhaft mache, aber es ist gewiß der unrichtige Weg. – So unangenehm mir der Leibarzt ist so traue ich ihm als Arzt doch sehr, er soll auch auswärtig einen sehr guten Ruf haben, namentlich von Hufland sehr geachtet sein. –

Also Jette wird noch nicht mit uns ziehn, ich kann auch nicht anders als es als verschoben ansehn, nicht aufgegeben. Ich denke es kann nicht lange währen so wird Alexander selbst dazu stimmen. Aber das ist doch höchst unangenehm wie ich aus Deinem Zettel an Jette gesehn habe daß die Leute Dich so belügen, ich kann nicht darüber weg sein daß es mir nicht fatal sein sollte. Es kann Dir doch wenn sie das so fortsetzen in deinem Wirken auf die Menschen hinderlich sein.

Jettens vorsichtiger Rath finde ich etwas sonderbar im ersten Augenblik mußte ich lachen und war ent | 65rüstet zugleich. Wie konnte sie aber doch glauben daß Du mir so gradezu eine Unwahrheit schreiben solltest. Mir wäre es doch rein unmöglich Dir zu thun und wenn es zu dem besten Zwecke wäre. Ich hoffe es auch gewiß lieber Ernst daß meine Schwächen Dich niemals nöthigen werden auch nur in den geringfügigsten Dingen einen Hinterhalt zu haben. Und dann hat Jette doch wirklich unrecht die Eigenschaft des Verschiebens so stark bei mir vorauszusetzen. Voraussetzung kann es nur sein, denn so viel ich mich besinne habe ich noch nichts versäumt das wir zusammen beschlossen hatten. Kehre Dich nicht daran im verschieben bin ich gar nicht so vollkommen aber im reinen vergeßen wircklich Meisterin davon habe ich noch diese Tage niedliche Proben abgelegt und habe ich geärgert über mich selbst zum platzen.

Mit Louisen hatte ich am Freitag sehr herzliche vertrauliche Stunden, ich war besonders weich den ganzen Tag gestimmt, wir saßen den ganzen Abend allein beisammen. Sophie war bei Schlichtkrull . Mir war es recht so zu Herzen mich ihr zu öffnen so weit ich das vermag und ihr zu geben was ich ihr nur geben kann. Sie war sehr tief bewegt, mein Brief war ihr sehr lieb gewesen. Ich sagte ihr wie mir die Trennung doch Wehmuth gäbe – wie ich mich aber unendlich sehne daß ihre Erinnerung, ihr Andenken an mich ganz rein sein möge, sie brach in heftige Thränen aus und sagte, wenn das nicht sein würde wäre es lediglich ihre Schuld, es gehöre mit zu ihren Schmerzen daß jeder Verlußt durch Reue noch unendlich viel  | 65v bitterer werde. Du kannst denken wie ich ihr das nicht zugestand denn sie hat auch ganz unrecht darin. Es that ihr wohl wenn ich offen und frei von dem was vor uns liegt mit ihr spreche wie sehr es sie auch bewegt, darum thue ich es gern. Es ist überhaupt so gut jezt zwischen uns wie ich glaube daß es nur werden kann. Sie hat mir geklagt wie außerordentlich sie gelitten so bald von unserer Verbindung oder von etwas was daran hängt auf fröhliche leichte Weise gesprochen ist. Nur im allertiefsten Ernst hat sie sie auffaßen und sich daran freuen können. Es that mir wohl von ihr zu hören daß sie von uns beiden wohl gar nicht auf diese Weise schmerzhaft berührt ist.

Dir allein sage ich es daß Jette gar nicht immer wohlthätig auf sie wirckt, überhaupt glaube ich daß obwohl sie sie sehr liebt sie sie doch eigentlich gar nicht ganz versteht. Unsere Freundin mag wohl von Wenigen und vielleicht von Niemanden hier ganz verstanden werden. Von solcher außerordentlichen Zartheit und Gewißenhaftigkeit wie hier in dem Kreise der Beßeren herrscht, hat man wircklich glaube ich in der Welt keine Idee. Auch die Männer sind eben so. Auf den ersten Blick hat es mir was anziehendes aber wenn ich es näher ansehe erscheint es mir doch leer, nämlich das was drüber ist über der natürlichen Zartheit, und als ob es nur aus dem beschränkten Leben entsprüngen und vielleicht auch aus Vorbildung. Wenn wir uns sprechen kann ich dir deutlicher machen was ich meine und dann muß ich recht wissen was du davon denkst. | 66

Ehe ich es vergeße lieber Ernst will ich Dir schreiben was ich an Silberzeug habe, leider kann ich es dir nach Gewicht nicht angeben denn es ist in Sargard. Aber sobald ich kann will ich auch das. Also 14 ziemlich starke Eßlöffel eben so viel Theelöffel ein Suppenlöffel mit schwarz hölzernem Stiel ein Ragoutlöffel, einer zum Streuzukker eine Zuckerzange die Theelöffel sind auch ziemlich groß. Deinen Brief an Willich habe ich gleich richtig besorgt, hast du denn seine Antwort noch nicht durch mich?

Allwine wirst Du wohl noch als Braut finden, ich kann nicht sagen daß mir ahndet daß Herrman nicht glücklich mit ihr sein sollte – wenn sie ihn nur recht liebt – – und das muß man ja doch glauben. – Wie ich wohl aussehe wenn ich Briefe von Dir vorlese? und wie ich das mache? Ei nun ich glaube ich lese sie recht hübsch vor, wenigstens klingen sie recht hübsch und auslassen thue ich was mir beliebt und das ist oft nicht wenig und von deinen Liebkosungen erfährt niemals ein Mensch ein Wort. Ich möchte tausendmahl lieber deine Briefe ganz zu lesen geben als vorlesen, aber wie sollte ich das machen da doch fast jedesmahl ein bischen drin ist was ich lieber für mich behalte. Und Sophie und Louise würden es doch mit Recht sehr empfinden wenn ich ihnen nichts von dir mittheilte. Sage mir giebst Du Nannyn meine Briefe oder liesest Du nur einiges heraus? –

In Sissow ist alles wohl. Lotte freilich meinte  | 66v heute zu meinem großen Schrekken etwas sonderbares an dem Kopf des Kindes bemerckt zu haben. Es wäre grenzenlos schrecklich! Ich glaube aber noch nicht daran das Köpfchen war so natürlich geformt als ich es sah und das Kind so gesund. Die beiden Menschen sind so außerordentlich glücklich – ich werde gewiß von Dir grüßen. Es ist so jammerschade daß mein Bruder so vorsätzlich immer eine so rauhe Außenseite zeigt, in ihm ist viel Schönes. Man kann ihm aber gar nicht beikommen, wir theilen doch eigentlich fast gar nichts mit einander. Louise soll Briefe von Bender haben die fürchten laßen, daß sie ihre Verbindung noch weiter aussetzen müssen, theils des Krieges wegen, besonders öconomischer Rücksichten wegen. Ich habe sie so lange nicht gesprochen weil ich nicht vom Fleck kann. Briefe von Bender habe ich vor langer Zeit gelesen, mich dünckt sie waren gewöhnlich, aber recht gut und herzlich.

Ihr hättet gar nicht nöthig gehabt Nanny und Du mich auszulachen daß ich meinen Nahmen nicht zu sagen wußte. Schlichtkrull hat das alte Kirchenbuch nicht sondern der Küster der weit von hier wohnt, und da ich keinen Boten zu schikken hatte mußte ich auf Gelegenheit warten.

Das ist hübsch daß Du mir immer schreiben willst was im Canonirhause geschieht. Über die Farbe des Schlafzimmers entschließt euch nur selbst. Nur nicht zu düster und nicht zu grelle, eine sanfte freundliche Farbe.  | 67 Ich lese in deinem Briefe das Wort grüne Schlafkammer. Jette hatte gemeint blaßgrau.

Denkst du gar daran nicht daß ich Metger sehr gut kenne, ihn mehrere mal mit Dir gesehn habe? Schade ist es sehr daß wir nicht allein sind, aber es läßt sich wohl nicht ändern, und Du hast Recht wie leicht übersehn wir das. – Nein lieber süßer Mann ich weiß es wirklich noch gar nicht recht wie mir sein wird? ach bisweilen weiß ich wohl viel davon – lieber Ernst ach bald ohne Worte von Dir verstanden!

Von Henriette erfährst Du wieder diesmahl nicht viel, zu erzählen habe ich eigentlich nichts von ihr bei allen Fragen denke ich immer an das nahe Sehen. Nur bitte ich dich um Gotteswillen mache dir eine recht arge Vorstellung davon wie Du die Kinder unartig und verwöhnt finden wirst, damit es Dich hernach nicht zu sehr überrascht – Hier in Poseritz geht es immer seinen alten Gang in Berlin soll alles gut werden. | Aber mein Licht geht aus es ist sehr spät – die innigsten Liebkosungen zum Abschiede mein trauter lieber Mann.

Montag Morgen.

Von Louise soll ich Dich sehr grüßen, sie zieht sich  | 67v an zur Kirche, ich muß noch an Tante Willich schreiben kann ich fertig werden gehe ich auch noch hin, es predigt ein Prediger aus der Nachbarschaft. – Die arme Lotte Pistorius hat so lange das Fieber und wir sehen uns gar nicht es ist mir recht traurig.

Es müßte etwas dazwischen treten was es mir rein unmöglich macht, sonst bleibt es dabei daß ich den 16ten communicire in dem Gedanken des schönen zugleich

Jette befand sich recht gut bei Sophien als Louise und ich entfernt waren, sie findet sich sehr leicht wenn es unabänderlich ist. Sophie ist unwohl sie sagte mir neulich, das könne nicht anders sein und nicht besser werden, ihr Gemüth litte zu sehr und  korr. v. Hg. aus: daßdas wircke immer auf ihren Körper zurück. Ja sie hängt unendlich an den Kindern ! | aber Ernst wie schwer ist es mir dadurch gemacht, doch bin ich ruhiger dabei als ich selbst begreifen kann.

Leb wohl süßer geliebter Ernst! bleib mir immer so gut!

Deine Jette

Grüße unsere Nanny recht herzlich –

Zitierhinweis

3184: Von Henriette von Willich. Poseritz, Sonntag, 2.4. bis Montag, 3.4.1809, erarbeitet von Simon Gerber und Sarah Schmidt. In: schleiermacher digital / Briefe, hg. v. Simon Gerber und Sarah Schmidt. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: http://schleiermacher-digital.de/ediarum_pzwei/rest/db/projects/schleiermacher/web/briefe/detail.xql?id=S0007013 [Druck: KGA V/10, Berlin 2015]

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