An Lotte Kathen.

Berl. d 26t. Merz. 9

Schon jedes mal wenn ich schrieb liebste Lotte wollte ich Sie begrüßen in Ihrer neuen Mutterschaft. Es ist ja herrlich daß alles so gut gegangen ist und daß Sie uns schon wieder so frisch sind. Wohl haben Sie recht daß ein  über den ursprünglichen Text geschriebenes ein großes und seltenes Glük ist was Sie genießen, ein so ansehnliches Völkchen von Kindern um sich her keines verloren und alle frisch und gesund an Leib und Seele. Und wenn man auch einen Augenblik versucht sein kann zu glauben es sei neben dem großen Glükk doch auch eine große Last und eine fast zu große für Sie für Ihren zarten Körper und bei so manchem andern was Ihre Kräfte und Ihre Duldsamkeit in Anspruch nimmt: so darf man ja nur sehen wie froh und dankbar Sie den neuen Zuwachs aufnehmen, um sich gleich wieder mit Ihnen nur zu freuen. Es bleibt uns nur zu wünschen daß Sie auch immer treue Hülfe finden mögen für die älteren und daran kann es gerade Ihnen wol am wenigsten fehlen; denn zu den Liebenden und Treuen findet sich auch immer Liebe und Treue

Ja wohl hätte ich gar zu gern Ihren kleinen Wilhelm getauft, und Sie hätten ihn nur dürfen so lange ungetauft lassen als Reimers | 40v ihr kleines Mädchen so wäre ich da gewesen. Sie sehn liebe Freundin, wie ich wieder jede Gelegenheit wahrnehme an mein Glük zu erinnern daß es nun schon in so schöner Nähe vor mir steht. Wie könnte ich auch anders als immer davon erfüllt sein. – Ich habe hier seit kurzem dreimal das Vergnügen gehabt guter Bekannten und Freunde Kinder zu taufen. So ist es mir immer eine rührende und erfreuliche Handlung – aber so wie es gewöhnlich gehandhabt wird wildfremder Menschen Kinder zu taufen ohne daß es doch eigentlich eine kirchliche Handlung ist an der die ganze Gemeine lebendigen Theil nimmt, wird es mir gewiß noch oft lästig werden in meinem künftigen Amt; ich werde wissen wie dies und vieles andere schöner sein könnte, und werde nicht durchsezen können es so zu ändern. Und so muß es gewiß für die Mutter ein ganz anderes Gefühl sein wenn diese schöne Handlung von einem Freunde verrichtet wird als wenn ein Andrer sie gefühllos und handwerksmäßig abmacht. Sollten wir, liebste Lotte, denn gar niemals in ein solches Verhältniß kommen daß ich unmittelbar mit den heiligsten Verrichtungen meines Amtes Ihnen nahe träte? es ahndet mir doch noch immer für irgendeine fernere Zukunft.

Sie haben blaß ausgesehn bei der Taufe sagt mir aber unsere Jette. Sorgen Sie doch ja recht für Ihre Gesundheit und wagen Sich nicht zuviel. Haben Sie doch Menschen bei Sich, die ich recht zu grüßen bitte. Leben Sie wohl liebste Lotte.

Schleier

Zitierhinweis

3174: An Charlotte von Kathen. Berlin, Sonntag, 26.3.1809, ediert von Simon Gerber und Sarah Schmidt. In: schleiermacher digital / Briefe, hg. v. Simon Gerber und Sarah Schmidt. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://schleiermacher-digital.de/S0007003 [Druck: KGA V/11, Berlin 2015]

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