Ohngeachtet ich wohl Ursache hatte auf Dich zu zürnen, und ich auch wirklich die ersten Tage nach Empfang Deiner Zeilen ganz aus war – daß die Nachricht nur einige Tage zu spät kam, um Jetchens GeburtsTag im Geiste des Gemüths zu feiern bin ich dir gar nicht mehr böse[,] hätte ich nur ahnden können daß es Anfang dieses Monats wäre – so würde ich alle Tage vorzüglich ihrer gedacht haben! leider! hast du mich eines köstlichen Genußes beraubt dafür will ich Dir aber auch gleich was aufgeben wovon ich schon an Jetchen geschrieben – was ihr aber für jezt unmöglich ist auszuführen – nehmlich irgend ein Bildniß von ihr zu haben ist sie also einmahl bey dir – so bitte herzlich mir von Euch Beiden wenn auch nur ein Crayonirtes Bild zu verschaffen – könte Gratiöschen (so nenne ich die kleinste Jete ) mit dabei sein – das wäre prächtig!!! In deinem Briefchen schreibst du zwar von Reisen, wenn alles wird in Ordnung sein – mit der Universität welches mir noch in weiter Ferne vorschwebt – aber nichts von dem nächsten Ersehn – welches ich nicht nur aus ungeduldigem Enthousiasmus – sondern aus überlegten Gründen inigst wünsche daß du mir noch dieses Jahr die Freude machst – dich mit deiner süßen Jette in meine Arme zu schließen – da ich und Andre auch mit Recht vermuthen könen – daß künftiges Jahr leicht erfreuliche Hinderniße eine solche Reise unmöglich machen könten – – und dann wäre es wohl fast auf imer oder doch auf lange lange vorbey –! wir hörten lezt von einige Schwestern die über Berlin nach Gnadau giengen – welches aber schon wieder anders beschloßen ist – solte sich dergleichen einmahl im Sommer zutragen – so kome ich wohl gleich einer Erscheinung schnell zu Euch – bliebe aber auch nur einige Tage – | 12v

Über Deine Schulden, hast du mich zwar in soweit beruhigt – jedoch wünsche ich auch recht herzlich daß die Universität mag zu Stande kommen – damit Eure Ehe auch wirklich so fromm als heiter sein kann, wie Du selbst dich recht lieblich ausdrükst – – daß mir Deine Briefe an Jetchen viel Freude gewähren habe ich wohl in meinem lezten schon geäußert – und wünsche sehnlich wieder etwas dieser Art zu lesen – weil du selbst äußerst sparsam mit Worten bist – von der Pistorius habe ich einen ganz vortreflichen Brief – worin sie sich mir schildert und ganz giebt wie sie ist – sie sagte erst daß ich von ihren Leiden viel weiß, welches gar nicht der Fall ist, und spricht zwar mit einer Art Rükhalt aber doch eigentlich ganz offen davon – von dem verewigten Willich – spricht sie mit einer ganz besondern Wärme und Verehrung – daher ich glaube daß vielleicht eine Art leidenschaftlicher Freundschaft wenn es nicht Liebe war – was sie für ihn fühlte – – die Arme Autorfußnote (mit Einfügungszeichen am oberen linken Rand) ganz unerwartet schreibt sie am Rande des Briefes daß ihr Mann 45 – und sie 15 Jahre jünger sei. Wie lieb ist es mir daß ich in meinem Briefe blos – von ihrer Theilnahme an Jetchen und dergleichen geschrieben habe –! sie scheint über meinen Zug zu ihr zwar beschämt und furchtsam nach ihrer Art –, aber doch auch sehr erfreut – so daß wir wohl immer in Briefwechsel bleiben werden – ich finde so manches in ihrer tiefsten Tiefe, was auch in der meinen – und erfaßte es gleich da es an eine Saite tönte und anschlug welche gleich erbebte. Die süße Jette hat mir auch von Louisen einen freundlichen Gruß gebracht und mir gesagt: wie diese einen ganz eignen Zug zu mir sieht, so, daß sie ihr schon zugeredet an mich zu schreiben, wie jene sich aber nicht entschließen kann  | 13 wie unglüklich sie sei über ihre verfehlte Bestimmung, weil sie nicht selbst Kraft habe – sich ein inres Leben zu geben; die Gute sezt gewiß auch voraus daß ich mit dem allem bekant; ich weiß aber nichts – habe auch schon in deinen Briefen nachgesehen, kann aber nichts finden: als daß Louise sich dir erst gar nicht nähern konte – bei deinem ersten Besuch; weiß nun nicht – ob es eine unglükliche – hofnungslose – oder blos nur ein ideal über Liebe – was nie erlangt ist – das so ihr Wesen verstimt hat; ehe ich nicht etwas näheres weiß – kann ich nicht zuerst an sie schreiben –! ach wenn ich doch auch alles diese Lieben noch sehen könte ehe ich von hinnen scheide – bitte gieb mir doch Auskunft – – vielleicht schreibst du mir noch so daß ich den Brief in der heutigen Woche bekomme; nicht etwa um einen besondern Glükwunsch zu meinem Geburtstage sondern damit ich in jenen Tagen was ausführliches von Dir erfahre – besonders auch von deiner Gesundheit, und den den Zeitpunct wenn du Jetten heim holen wirst.

Die Pistorius weiß nur von der 2ten Samlung der Predigten, da ihr die vom Gebet sehr eindrüklich – O wären wir Uns nicht so entfernt – mit Vergnügen schikte ich ihr – die ungebundenen die ich jezt durch Charles bekomme – denn ich habe sie schon, lange, von K(?)orn, mir sie auch dort binden laßen –; ich habe sie nun Alle durchgelesen – und wüste nicht eine, die mir ganz gleichgültig wäre – in der 3–4 9–6ten 7(?) sind einzelne schöne Stellen aber die Andern Alle durchgängig – wie schön hast du nicht in der 2ten die Furcht und die Liebe auseinander gesezt – wie heilsam der Wachsthum in der Freundtschaft – hauptsächlich mit Christo angedeutet wie zwekmäßig in jeder Hin- und Rüksicht die Neujahrs Predigt 1807.  | 13v in der 8ten Predigt – von der Hochzeit zu Cana – über welches ich schon so oft und so verschieden predigen hörte – sind ganz eigne schöne, meinem Inren zusprechende Gedanken – und Aufschlüße, die mir eben dabei noch nicht einfielen oder durch Andre wurden – gern wüste ich ob du diese unter diejenigen rechnest – die meinen vorzüglichen Beifall haben würden. Wie richtig hast du in der 9ten den Glauben beschrieben; und so ernstlich von dem Treu meinen mit sich selbst geredet! die Freude am Herrn und die göttliche Traurigkeit die derselben nicht nur einmahl vorangeht – sondern jedesmahl wenn wir von heftigen Leidenschaften oder dergleichen uns ergriffen sehn, uns wieder zurükführen soll, war recht herzlich in der 10ten und in der 11ten wie bestimt –! daß die Stärke des Christen nur auf dem unentweihten Bunde, eines guten Gewißens mit Gott besteht!! – Endlich welch ein schöner Zusammenhang in der 12ten – mit der Vergangenheit und der Gegenwart – mit dem Anerkennen – des Großen das da war – und dem unseeligen Mißtrauen – daß nun, nur, mehr sich ähnliches gestalten könne!! Du siehst hieraus daß: ob ich gleich fast Alle nur 1mahl gelesen, ich sie gewiß gewürdiget – und innigst wünsche mehr dergleichen von dir zu besizenAutorfußnote (am linken Rand) bei der 1ten dachte und fühlte ich mich recht herein – wie nöthig es wäre auf ähnliche Art auch zuweilen bei Uns zu sprechen – es ist auch zuweilen als sprächest du mit jungen Leuten – allerley Art. – ich habe auch an die Herz oder Nanny davon geschrieben – wie ich eine Predigt welche du jezt, oder auch wenn du Hausvater seyn wirst – hältst, gerne abgeschrieben hätte ! Gewiß wirst du auch an dem Uns bevorstehenden Fest-Tagen einige mahl predigen – oder auch eine Vorbereitung zum Heiligen Abendmahl, wenn diese mir sonst so feierliche Anrede – jezt noch Brauch ist – bitte, versag mir dis nicht; auch wäre mirs lieb zu wißen ob Du in diesen Festtagen comunicirst – und welchen? wie hält es Nanny damit? Hast du mein Bester durch Deine Jette noch nichts gehört – ob unsrer großen Jetten , auch meine Briefe nicht zu ernst sind – obschon sie immer nur von mir – und nie speciel auf sie selbst sich beziehen –! am Charfreitag denke nur ganz vorzüglich an Deine

alte Lotte

abgegangen d 24t März.

Vor einigen Wochen hatten wir die Freude die gute Aulock bei uns zu sehn – die ganz kürzlich GroßMutter geworden, ihre älteste Tochter die, dir vor einigen Jahren was vorsang – hat vorm Jahre geheirathet – und ihr nun einen EnkelSohn geschenkt – Gott gebe daß diese Freude nichts trübe

als ich bey unserm Ersehn dein schönes Novum der Aulock erzählte – war ihre Freude so lebhaft und innig – so rein – – daß sie stamlend sagte – Gott wenn man’s nur erlebte – sie Beyde zu sehn – sie grüßt dich recht herzlich – – so auch die Baronin der ich es jezt gesagt.

grüße Nanny recht herzlich von mir ihr Brief hat mir viel Freude gemacht

Zitierhinweis

3166: Von Charlotte (Lotte) Schleiermacher. Freitag, 24.3.1809, erarbeitet von Simon Gerber und Sarah Schmidt. In: schleiermacher digital / Briefe, hg. v. Simon Gerber und Sarah Schmidt. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: http://schleiermacher-digital.de/ediarum_pzwei/rest/db/projects/schleiermacher/web/briefe/detail.xql?id=S0006995 [Druck: KGA V/10, Berlin 2015]

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