Mittwoch d 22t. Merz Abends.

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Ich habe mir die wohlerworbenen (denn ich war sehr leicht und ohne alle Vorsicht in ziemlich rauher Abendluft gegangen) Zahnschmerzen durch ein Senfpflaster wieder ziemlich vertrieben und will wenigstens noch ein Paar Worte mit dir plaudern meine süße Jette. Auf die Nachricht von Karolinens Entbindung hatte ich schon seit ein Paar Posttagen ängstlich gewartet. Gott sei Dank daß alles so gut zu stehen scheint; möge nur auch bald recht volle Gewißheit darüber da sein! Es ist herrlich daß Du so ein Paar Tage hast da sein können bei Deinen lieben Geschwistern und daß auch Friedchens Gesundheit es erlaubt hat. Hast Du sie auch recht sehr von mir gegrüßt so wie Du weißt daß ich Deinen Bruder und die edle Karoline lieb habe und daß ihr Leben einen schönen Eindruk auf mich machte [.] Thue es doch immer aufs herzlichste.  Von Luise hast du mir auch recht lange nichts gesagt [.] Ist sie recht glüklich? siehst du wol bisweilen etwas wie Benda an sie schreibt, oder ist sie so offen nicht? Es freut mich, daß ich sie gewiß noch finde und daß wir etwas näher werden bekannt werden.

Nächstdem habe ich mich (um gleich etwas recht heterogenes zusammenzustellen) gefreut daß Du auf einmal zu einem so wakern Entschluß gekommen bist wegen des Fuhrmanns, wiewol Nanny meint ohne die große Jette würde das nicht geschehen sein. Aber nun will ich Dir auch gleich von dieser etwas recht schändliches verrathen. Sie hat nemlich an Nanny geschrieben wir möchten wenn wir dem Fuhrmann einen Termin gesezt hätten Dich doch belügen und Dir immer Acht Tage  | 43v früher angeben, sonst riskirten wir, wegen des sympathetischen Verschiebens, daß die Sachen nicht auf dem Flek wären und das große Umstände mit dem Fuhrmann machte. Dergleichen kann und mag ich nun gar nicht leiden noch weniger treiben; sondern wie Du den 14ten April bestimmt hast so gebe ich ihn auch dem Fuhrmann an und berichte Dir dies eben so treu. Da du keinen Ort bestimmt hast so weise ich ihn an Israel und du trifst wol die Veranstaltung daß dieser weiß wo die Sachen stehn und daß er dem Fuhrmann die nöthige Abfertigung geben könne – Dir liegt nun ob mein Herz die große Jette durch die That zu widerlegen und zu zeigen wie Unrecht sie Dir thut. Von dem Unrecht gegen mich rede ich gar nicht denn in dem „sympathetischen“ liegt doch ein Stich auf mich. Es sieht wol immer aus als wenn ich alles auf die lange Bank schöbe; aber ich weiß mich doch nicht zu besinnen daß jemals eine gemeinschaftliche Angelegenheit um meinetwillen hätte aufgeschoben werden müssen, sondern ich bin immer der im Kleinen und im Großen der auf alle Langsamen und Verschieber warten muß weil er sich prompt an den bestimmten Termin hält. Aber sage nur sucht die Große uns nicht ordentlich Högereien(?) zu machen? und wenn sie dergleichen noch mehr ausgehn läßt, sollen wir uns dann nicht darüber trösten, daß der böse Alexander sich gegen ihr Wohnen bei uns erklärt hat? Du wirst das, wenn du dies erhältst wol schon von ihr gehört haben. Ich scherze darüber weil ich gewiß überzeugt bin Alexander wird sich geben; aber freilich nur wenn er sieht und nicht eher, in der Entfernung wird es ihm immer gewagt und bedenklich vorkommen. Also auf den ersten  | 44 Anfang gleich ist schwerlich zu rechnen.

Dich haben wir aber neulich recht ausgelacht Nanny und ich daß Du nicht einmal Deine Namen mit Gewißheit weißt, und nun hast Du sie doch im nächsten Briefe nicht angegeben. Da Sissow in Poseriz eingepfarrt ist so muß Schlichtkrull sie Dir ja aus dem Kirchenbuch sagen können. Denke nun wenn Du mit falschen Namen ins Kirchenbuch getragen würdest, das wäre doch eine schlimme Vorbedeutung und 14 Tage hast Du nur noch Zeit denn den Sonntag nach Ostern wird zum ersten Mal aufgeboten. Die Zeit rennt jezt wie toll; dafür geht es aber nun auch im Kanonierhause auf die ernsthaftesten Anstalten los. Sehr egoistisch werden diese aber auch betrieben, woran du dich überhaupt bei mir gewöhnen mußt [.] Nemlich Morgen fange ich an bei meiner Stube; ich gehe mit dem Tischler hin und lasse Maaß nehmen zu Bücherbrettern und  über der Zeilein der Stube und der Kammer; neue Fenster für die Stube sind schon in der Arbeit, nun wird wol noch ein Ofen zu sezen sein, und dann soll gleich angefangen werden zu malen. Die Sache ist nemlich die daß deine Wohnstube erst nach dem Fest fert leer wird, und da also noch nichts geschehen kann. Ich denke aber es soll hernach rasch hintereinander gehn, und du sollst in jedem Briefe Nachricht von den Progressen erhalten – Die nothwendige Unterbrechung meiner Collegien während des Festes wird mich in Stand sezen manche halbe Stunde an diese Dinge zu denken. Nanny meint in einer grauen Schlafkammer würden wir aussehn wie die Todten, ob wir sie nicht wollten roth oder orange malen lassen? Mir kam es lächerlich vor; denn wie werden wir denn so aussehn; aber antworte nur gleich drauf so kann es alles noch geschehen. – Nun  | 44v muß ich aber auch wirklich aufbreche. Denn denke nur was mir Morgen bevorsteht! Schon um halb sieben Uhr muß ich auf einem Leichenbegängniß sein ich konnte es nicht vermeiden weil es der Küster meiner Gemeine ist und ich bin auch so froh daß er todt ist daß ich gern dies Opfer bringe. Ueberdies hoffe ich dies soll nun der Anfang sein eines frühern Aufstehens überhaupt. Dabei fällt mir noch die Orgel ein nach der Du fragst. Die ist sehr schön gewesen, die Franzosen haben sie aber zerstört, und Gott weiß wann die Kirche soviel Geld haben wird um sie wieder in Stand sezen zu lassen. Jezt ist nur ein Positiv zur Begleitung des Gesanges da, und mit allen meinen Verbesserungsprojecten von dieser Seite sieht es also noch sehr weitläuftig aus.

Nun die süßeste gute Nacht meine Herzens Jette und die innigste Umarmung. Morgen muß ich noch ein Weilchen mit Dir plaudern.

Donnerstag Ach recht sehr viel wird es nicht werden. Der Vormittag ist mir recht verstümpert worden. Erst das Begräbniß mit viel kalter Luft und noch mehr unsinnigem Geschwäz. Dann wollte ich erst arbeiten und habe viel Zeit verdorben mit vergeblichem Suchen dieses Leiden werde ich nun noch mehrere Tage zu tragen haben [.] Dann kam Wolf. Laß Dir von Jette erzählen was für ein wunderlicher Kauz das ist und hat mir wol anderthalb Stunde weggeschwazt in höchster Langeweile; dann bin ich ins Collegium gegangen von wo ich eben herkomme. Bei dem Begräbniß war auch die Wittwe meines Vorgängers. Der Bräutigam der Tochter hat geschrieben, daß er nach der Hochzeit noch eine Reise nach Westfalen zu den Seinigen machen will. Nun denke Dir so lange wollen nun Mutter und Tochter noch unten im Hause bleiben. Sie müssen sich freilich auf die Seite einschränken welche unsere Jette haben sollte und nun doch nicht gleich bezieht aber es ist mir doch  | 45 höchst fatal der Küche wegen und auch überhaupt des ungestörten Alleinseins wegen [.] Aber können wir wol unbarmherzig genug sein sie zu nöthigen daß sie sich auf einige Wochen noch eine Wohnung miethen müssen? zumal Metger mein sehr lieber Freund ist? wir werden fürchte ich schon müssen in den sauren Apfel beißen und die Süßigkeit allein im Hause zu wohnen noch nicht gleich genießen können.  Wie leicht übersehn wir auch daß da das herrliche schöne Leben uns immer näher tritt! Du weißt nicht recht wie Dir sein wird? Du hast recht, es geht mir auch so. Ich weiß es so ganz genau und bestimmt und dann auch wieder gar nicht. Es ist mir so unbegreiflich neu und dann auch wieder so alt und bekannt. Wenn Du aber sagst daß du Liebe und Ehe erst jezt recht verstehst, daß Dir das wenn auch nicht durch mich doch mit mir gekommen ist, so fühle ich mich erst ganz stolz und dann so alt hausväterlich angewurzelt als ob ich es dir aus meinem Schaz von alten Erfahrungen gegeben hätte.  Ach süße Jette, ich bin ja auf alle Weise selig, und ich wüßte nicht wie ich Dir anders als höchst glüklich und froh schreiben könnte. Unser Glük scheint mir so in sich selbst fest zu stehn daß ich gar nicht auf den Gedanken kommen kann als könnte es durch irgend etwas äußers afficirt werden. Ich bringe auch die Weltbegebenheiten nie in irgend eine Verbindung damit, sondern jedes geht reiner  über den ursprünglichen Text geschriebenrein seinen Gang für sich allein. Uebrigens steht es ja auch um die Weltbegebenheiten leidlich gut nach allem Anschein und wir hoffen hier in wenigen Tagen interessante Dinge zu erfahren.

Wenn Du nun wieder zu Hause bist aus Sissow schreibst Du mir hoffentlich auch einmal etwas ordentliches von unserer kleinen Henriette über die ich eigentlich  | 45v seit langer Zeit gar nichts gehört habe. Wie ihr nur die wenigen Tage ohne Dich und ohne Luise werden bekommen sein! sie hat das ja wol noch gar nicht versucht?

An Luise zu schreiben bin ich nun doch wieder nicht gekommen. Sonntag mache ich aber gewiß einen großen Posttag nach Götemiz denn unsere Lotte habe ich auch noch nicht eigenhändig begrüßt seit ihrer Entbindung . Dein Brief an Luise wird gewiß recht viel gut gemacht haben, und ich verstehe nun auch die ganze Sache ganz rein, wenigstens Deine Seite denn was Du Luisens Mißtrauen nennst ist mir noch nicht recht klar. Alle Ansprüche die gegen die Freiheit streiten muß man übrigens mit der größten Gelassenheit aber mit eiserner Festigkeit abweisen und dies eben auch als etwas physisch nothwendiges behandeln. Dazu warst du aber gewiß zu weich zumal wenn sich Dir einmal das Gefühl daß du ein Unrecht hättest festgesezt hatte. Uebrigens ist es mir doch sehr lieb daß du mit Nanny auf jede Weise viel leichter leben wirst.

Und nun laß Dich an mein Herz drükken und fühle da alles was ich nicht sage. – Es bleibt beim 16ten mit der Communion. Ich wünschte daß ich auch recht gut predigte und dir mit Zufriedenheit hernach etwas davon sagen könnte. Und vergiß nicht daß ich uns an demselben Tage zum zweiten Mal aufbiete. Versichere den Sissowern meine herzliche Freude und Theilnahme. Tausend zärtliche Küsse meine HerzensJette Dir und den süßen Kindern .

Ganz unaussprechlich liebend Dein Ernst.

Zitierhinweis

3163: An Henriette von Willich. Berlin, Mittwoch, 22.3. bis Donnerstag, 23.3.1809, erarbeitet von Simon Gerber und Sarah Schmidt. In: schleiermacher digital / Briefe, hg. v. Simon Gerber und Sarah Schmidt. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://schleiermacher-digital.de/S0006992 [Druck: KGA V/10, Berlin 2015]

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