Montag d 6t. Merz. 9

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Gleich beim ersten Erwachen meine theure geliebte Jette habe ich dich aufs innigste und zärtlichste begrüßt – am Tage deiner Geburt dem schönsten Festtage meines Lebens. Möchtest du nur alles finden in dem neuen Leben was Dir genügen kann! Mit diesem glühenden Wunsch süße Jette habe ich Dich fest und innig an mein Herz gedrükt. Er erfüllte mich aber auch so ganz daß er der einzige war, und kein anderer aufkommen konnte – nicht an langes Leben nicht an Gesundheit habe ich gedacht sondern nur an die volle innere Genüge des Daseins. Könnte ich nur die Erfüllung so vollständig machen wie ich ganz durchdrungen war von dem Gefühl der seligsten Zufriedenheit – O Jette wie habe ich dich umfaßt wie habe ich Dir mein ganzes Wesen hingegeben. Ich lag so eine ganze Weile im Bette sinnend wünschend dankend ganz versunken in der Zukunft die mir eigentlich schon Gegenwart war bis mir endlich einfiel daß Du schon lange aufgeschwärmt sein würdest von den Kindern und ich mich aufraffte. Nun war doch gestern eigentlich Posttag ich bekam wieder keinen Brief aber zum Glük erfuhr ich noch Gestern Abend daß die Post weit später als gewöhnlich angekommen wäre. Darum harrte ich diesen Morgen und verlängerte das Frühstük aber ich hatte mich doch schon zur Arbeit gesezt als Dein Brief kam. Unsere große Jette hatte ganz recht daß ich ihren zuerst las, dann lief ich noch einen von Wedeke durch der zugleich gekommen war, und zulezt den Deinen, und wie reich mit welchem süßen kräftigen Ausdruk der schönsten Liebe hast Du mich beschenkt an deinem Geburtstage. Du bringst mir fast die Erfüllung meines Wunsches entgegen. Süßes Herz wenn Du schon in der Entfernung so vieles von mir zu haben glaubst was sich aus Deiner eignen lieben Seele entwikelt, wenn Du mir dann auch hier alles zuschreibst wo ich doch wirklich einiges thun kann, was wird sich immer gegenseitig Glük und Freude mehren! Unsere Jette hat doch manchmal tolle Gedanken! auf das Auch Du möchte ich sie wol herausfordern. Höre eigentlich hätte | 35v

Dienstag d. 7t. (Du siehst wie ich gar nicht mehr zum Schreiben gekomen bin) ich Lust in einigen Jahren an meine Frau gar nicht zu schreiben denn ich habe große Lust mich gar nicht von ihr zu trennen. Viel Reiseprojecte wälze ich zwar noch in meinem Kopf herum; aber wenn du mich nicht begleiten kannst wird wol wenig draus werden. Und wenn es sich je trifft daß ich doch schreiben muß, so werde ich freilich ganz anders schreiben als jezt. Wie könnte man in einigen Jahren noch dieselbe Sache auf dieselbe Weise thun? nur nicht in dem Sinne anders wie Jette meint oder vielmehr nicht meint denn im Ernst kann es ihr doch nicht einfallen. – Nun aber laß Dir auch erzählen wie ich deinen Geburtstag gefeiert habe von Anfang an. Montags wenn ich aus dem mineralogischen Collegio von Karsten komme gehe ich immer ins Badehaus, und das that ich auch gestern. Du weißt es war Montag als Du Ja sagtest und wir hatten auch gebadet und Gestern waren es Vier und dreißig Wochen. Das war also eine sehr angemessene Feier und Du kannst denken wie ich mir jene Augenblike ins Gedächtniß zurükgerufen habe, wie ich Dich im Bade neben mir hörte und sicher vermuthete Du wärst es, wie ich an nichts dachte als an Dich an Deinen Schmerz an Deine Reinheit und Lieblichkeit an das übermächtige Gefühl daß ich dich nicht lassen dürfe und daß ich ohne Dich nicht leben könne, und sehr zweifelnd daran ob du es so würdest ergreifen wollen, wie ich aber doch ganz bestimt fühlte daß wir uns aussprechen müßten darüber und daß mein und dein Leben sich entscheiden müsse. Ich sah dich hernach am Spiegel stehn und deine Haare aufbinden und dann uns zusammen auf die Bank sezen, auf die liebe Bank, und mich wie ich herumging um das Ziel meiner Rede und es dir wollte merklich machen ehe ich es ausspräche und wie ich doch gar nicht recht sicher war ob du nicht sagen würdest: Nein liebes Väterchen, das geht doch nicht – kurz Alles einzige Jette Alles. Bei Tische war denn auch dieser Gedächtnißtag und die schöne Zukunft der Gegenstand unserer Gespräche. Dann mußte ich an mein Collegium denken und nach demselben wollte ich mir heute auch noch ein besonderes Fest machen und ging auf die SingAkademie was ich sonst Montags nicht thue sondern nur Dienstags. Und  | 36 ich fand mich sehr belohnt denn es wurde ein Psalm von Fasch gesungen der zu dem herrlichsten gehört was man hören kann. Auf den Abend waren Reimers und Gassens und Schedes zu uns gebeten um den Geburtstag feiern zu helfen und Brenna . Brenna fand ich schon; dann kamen Schede's und Wilhelmine schenkte mir ein Carton mit der Aufschrift Jettchen für Deine Briefe. Und Mine Reimer brachte einen herrlichen Rosenstok mit vielen Blumen und Knospen. Jedes hatte seinen Zettel, und stellte vor das Kanonierhaus wie es sein soll. Da war eins die große Jette  über der Zeile ⎡ das sollst du aber sein , dann der große Ernst, dann Jettchen das kleinste Jettchen dann Ehrenfried , dann Herrmann, Karoline, Daniel, Susanna, und noch eine Zettel mit &cet&cet. Du kannst denken daß viel gelacht wurde, und daß ich mich nicht wenig dabei in die Brust warf. Schreibe mir aber nur nicht das alles zu. Bloß wegen Herrmanns und Karolinen kann sie sich auf mich berufen die andern sind ihre eigne Erfindung. Beim Thee kam dann ein Kuchen an mit 22 Lichtern umstekt. Aber nun sieh das Unglük, daß ich nicht einmal weiß, ob das die Zahl Deiner Jahre oder Deiner Geburtstage ist. Sage mir doch, bist Du 22 Jahr geworden oder 21? ich habe das erste behauptet und Reimers das lezte. Ich bitte Dich sei doch auf meiner Seite, Du bist mir so doch um Einen Schritt näher.

Donnerstag. Nun ist schon wieder der Augenblik wo ich schließen muß, und dann kann ich immer am wenigsten sagen was ich möchte denn das gehört gar zu sehr zu meiner Natur daß ich alles bequem haben muß und in rechter Ruhe. Alles Schöne was in Deinem lezten Briefe steht und was so herrlich ankam grade an Deinem Geburtstag nehme ich nur so hin und sage dir nichts weiter darüber. Kommt doch bald die Zeit wo wir zu dem allen wenigstens keine geschriebenen Worte mehr brauchen werden und oft gar keine. Alle Anstalten die sich darauf beziehn rükken mir nun gewaltig nahe und bald werde ich wirklich anfangen mich selbst in Thätigkeit zu sezen. Nanny hat Dich neulich gefragt wie Du die Wohnstube willst gemalt haben; aber hat sie auch nicht vergessen des SchlafCabinets zu erwähnen? Das mußt Du eben so nothwendig bestimmen wie jenes. Mit dem Fuhrmann laß es nur  | 36v ganz beim Alten, auch daß er für uns allein fährt. Die Ersparniß die wir da machen könnten wiegt die Bequemlichkeit nicht auf, und würde gewiß nur wenig bedeuten da wir ihm doch die Sicherheit nicht geben können noch eine bestimte Ladung mit zu bekommen.

Unserer lieben Lotte glükliche Entbindung hat mir große Freude gemacht. Das kleinste Kind ist ihr doch eigentlich immer das liebste das was sie am meisten beschäftigt, und so ist es recht schön wenn ihr wieder eine neue ihr durch nichts andres zu ersezende Freude wird. Aber freilich kann sie den Kindern insgesamt doch zu wenig sein! wiewol ich auch nicht behaupten will daß in ihrer Lage das anders sein würde wenn sie auch weniger hätte. – Ja wol hat sie es nöthig daß ihr viel Sorge und Schmerz untergehn in dieser Freude. Der edlen Caroline lege mich doch recht ans Herz wenn du sie siehst. Ich theile recht deine ganze Empfindung für sie. Gott gebe ihr eine glükliche Stunde. Ich wage nicht etwas zu sagen gegen ihren Wunsch selbst zu nähren. Hat sie beim Nähren an der Brust gelitten so wird sie wahrscheinlich in den ersten Tagen desto mehr leiden wenn sie nicht nährt. Die Natur giebt doch hier imer die sichersten Anzeichen, auf diese muß nur gehörig geachtet werden. Der Gass ihr Kind wird ganz dik von Ammenmilch, aber für mich bleibt immer etwas widerliches darin, und wenn eine Mutter nicht selbst stillen können  über den ursprünglichen Text geschriebenkann will ich immer für das Auffüllen sein so mühsam es auch ist.

Ueber so vieles andere herrliche in Deinem Briefe schreibe ich Dir nächstens. Wisse nur wie es mir alles lieb ist. – Ich bin leidlich gesund, und wenn ich auch manchmal noch örtliche Schmerzen habe so haben sie doch jezt gar keinen Einfluß auf meinen ganzen Zustand; ich bin durchaus frisch und stark und kann arbeiten soviel ich will, nur daß ich länger schlafe als ich je in meinem Leben gethan.

Es bleibt dabei daß wir den 16ten April communiciren. Als ich am Sonntag das Abendmahl austheilte fiel mir auf einmal ein Du könntes es vielleicht haben an diesem Tage thun wollen und der Brief könne sich verspätet haben – eben weil ich am Freitag keinen bekommen hatte. Ich habe es tief gefühlt wie es meine Andacht erhöhn wird die heilige Handlung mit dir zugleich zu begehen

Tausend Lebewol mein süßes Herz. Ewig

Dein Ernst

Die gefärbten Sachen bekomst Du mit nächster Post mit einer bloßen Adresse. Wir geben sie der alten Stavenhagen mit welche Morgen nach Anklam zurükreist so erspart ihr das Porto bis dorthin. Grüße alles aufs herzlichste.

Zitierhinweis

3125: An Henriette von Willich. Berlin, Montag, 6.3. bis Donnerstag, 9.3.1809, erarbeitet von Simon Gerber und Sarah Schmidt. In: schleiermacher digital / Briefe, hg. v. Simon Gerber und Sarah Schmidt. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://schleiermacher-digital.de/ediarum_pzwei/projects/schleiermacher/web/briefe/detail.xql?id=S0006954 [Druck: KGA V/10, Berlin 2015]

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