Piwik

Seiner Hochwürden, Hochwohlgeboren, der Herr Schleyermacher Dr Theol.

Wien 4te März 1809.

Der Herr Baron von Röder wird Ihnen, Herr Doctor, bereits meine Grüsse überbracht haben. Er ist zu schnell von hier fortgereist, sonst würden Sie gegenwärtigen Brief, nebst dem beykommenden Manuscripte bereits durch ihn erhalten haben. Die Zeilen die Sie mir geschikt waren mir unendlich angenehm und ich danke Ihnen von Herzen dafür. Baron Röder hat sich übrigens zu wenig in Wien aufgehalten als daß ich ihm hätte von großen Nutzen seyn können.

Das Manuscript meiner Comödie übersende ich Ihnen mit der Bitte es so strenge als möglich zu recensiren und mir zu sagen, ob Sie es des Drukkes würdig halten d.h. ob Sie es über den Mittelmässigen finden. Als ich Ihnen vor einem Jahre ungefähr, den ersten Aufzug vorlas, hörte ich aus Ihrem Munde ein Urtheil, das mir ungemein Freude verursachte, ja das mir eigentlich den Muth gegeben den 2ten Act zu vollenden und Ihnen vorzulegen. Sie bemerkten nämlich in dem Ganzen, ein mittägliches, warmes Colorit, eine Aehnlichkeit mit spanischen Theaterwerken, von denen ich seit Jahren nichts gelesen, und deren Andenken aus meinem Gedächtnisse verwischt war. Ich fühle mich in allen meinen Neigungen, in DenkungsArt und Empfindungen so südlich, und ich liebe die Länder jenseit der Alpen so innig, daß es mir ein Triumph scheint, wenn auch meine Productionen, ohne daß ich es mir besonders zum Zwekke gemacht, das Gepräge derjenigen Gegenden tragen, denen ich anzugehören glaube, und die mir unendlich theurer, als mein wahres Vaterland sind.

Meine Grundidee bey diesem dramatischen Werkchen, war, einige Abentheuer und sich kreutzende Handlungen, mehrerer Liebenden darzustellen, von denen keiner von dem Gegenstande seiner Neigungen, wieder geliebt wird: Ja ich schürzte anfangs den Knoten noch verworrener,  | 1v und bestimmte jeder meiner Personen, zwey ungeliebte Liebhaber oder Liebhaberinnen. Doch musste ich letzteren Zusatz aus Furchtt vor Einförmigkeit, die zu schwer zu vermeiden gewesen wäre, bald aufgeben… Der Gang des Spieles sollte dabey rasch, ohne eigentliche Episoden, ohne ausgeführte Détails seyn, wie leicht hingeworfene bewegliche Schlieren!

Wie aber einzelne Bilder gruppiren, die durch so schwache Fäden zusammenhängen? Wie einen Schluß in Verhältnisse bringen, die keine feste Berührung vertragen?

Ich habe es unternommen, Sie werden mir nicht verhehlen, ob es gelungen.

Die Masken sind eingeführt um die drey Unbekannten, von den Übrigen, in jeder Hinsicht, fern und fremde zu halten. Ich weiß sehr wohl daß sie den Masken des Goldoni oder Gozzi nicht ähnlich sehen. Sehen sich doch diese untereinander, eben so wenig ähnlich! Eine HauptAbsicht der Italiener durch die Masken verschiedne Dialecte auf die Bühne zu bringen; kann auf der unsern ohnehin nicht gut statt haben.

Mein Lustspiel fürchte ich, wird von keiner Deutschen Bühne je dargestellt werden können. Der Gang ist allzuschnell, jede Rede ist wichtig zum allgemeinen Verständnisse, und unser Publicum sieht lieber aufmerksam zu, als daß es sein Ohr leiht, doch hierüber habe ich mich nicht zu entschuldigen.

Hat meine Comödie Ihr Imprimatur erhalten, so erzeigen Sie mir wohl den Gefallen Sie meinem Confin, dem Buchhändler J.E. Hitzig zuzusenden, und ihn zu befragen, ob er den Muth hat sie drukken zu lassen und in Verlag zu nehmen. Sie zu ersuchen gleichsam als Vorrede ein paar Worte dazu zu schreiben, wäre wohl zu dreist und unverschämt?

Warum ich Sie mit allem diesem behellige, und diese Angelegenheit nicht bis zu  | 2 meiner Rükkunft nach Berlin verschiebe, darüber hier einige Rechenschaft.

Wer weiß wann und ob ich sie meine Penaten wieder sehe. Das Schwerdt wird abermals gezogen, und es ist der letzte Augenblik rühmlich wenigstens zu fallen, oder die National-Unabhängigkeit Oestreichs und mithin, wie die Lage der Dinge jetzt ist, Europas zu erhalten. Ich habe Militairdienste genommen und eine Officierstelle bey der Landwehr erhalten. In 4 Tagen schon, rükken wir aus. In 20 vielleicht, sind wir schon über die Gränzen. Eine fürchterliche Menschenmasse wird Deutschland überschwemmen. So wie ich die Sache kaltblütig, ohne Enthusiasmus, mit beständiger Hinsicht auf die Superiorität der Franzosen in Kriegführen betrachte, ist dennoch für uns kein Grund zu verzweifeln vorhanden. Die Anstalten sind kräftig, besonnen, und der Geist der Bürger unvergleichlich. Verheirathete und FamilienVäter, Reiche und Arme, Fürsten und Bauern, alles ergreift die Waffen. Nie würde ich es mir vergeben haben, diesen ZeitPunkt zu verfehlen. Finden Sie mich tadelnswerth, durch meine Überlegung geleitet, auch mein schwaches Scherflein zu einer Sache beytragen zu wollen, die ich liebe, und die mir die Gute scheint?

Ich bitte Sie übrigens über diesen meinen Entschluß mit niemand zu reden. Es giebt so viele Unvorsichtige und Übelgesinnte zu Berlin , und unser Cabinet selbst ist immer noch so unentschieden, daß ich mich nicht gern übeln Folgen aussetzen möchte.

Antworten Sie mir bald, werthgeschätzter Herr; und antworten Sie mir aufrichtig meinem ernsten Verlangen gemäß. Meine Adresse à Mrs Arnstein & Eskeles pour remettre à Mr Bartholdy, wo es richtig in meine Hände kommen wird.  | 2v Leben Sie wohl und vergnügt in Ihrem Ruhme und der Zuneigung Ihrer Mitbürger.

Ihr ganz ergebener Diener

JL Bartholdy

Zitierhinweis

3121: Von Jakob Ludwig Salomo Bartholdy. Wien, Sonnabend, 4.3.1809, erarbeitet von Simon Gerber und Sarah Schmidt. In: schleiermacher digital / Briefe, hg. v. Simon Gerber und Sarah Schmidt. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://schleiermacher-digital.de/ediarum_pzwei/rest/db/projects/schleiermacher/web/briefe/detail.xql?id=S0006950 [Druck: KGA V/10, Berlin 2015]

Download

Dieses Dokument als TEI-XML herunterladen.