Sonntag d 26t. F.

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Von unserer Jette wirst Du alles Nähere über die gute Lotte wissen. Welche Freude hatten wir gestern da wir sie noch den Tag zuvor hier so leidend gesehen hatten! Die gute arme Lotte! möchte sie sich recht rein ihres neuen Mutterglücks erfreuen, und andre Schmerzen und Sorgen in dieser Freude untergehn –

Und wie hast du mein Süßer – Einziger mein Herz erfreut und gerührt! welch innigs Verlangen mit Dir zu reden hat mich begleitet seit ich Deine Worte habe – Wie muß ich immerfort in meinem Herzen Gott danken daß Du so ganz herrlich – so heilig, so unaussprechlich schön und groß bist – Ja Deine heilige Freundschaft für Ehrenfried wird das ganze Leben durch ihn verherrlichen, ihn feiern – und in mir wirst Du sie auch immer neu beleben die treue ewige Liebe für ihn, sie wird eine Deiner schönsten Wirkungen in mir sein – O mein Lieber mir stehen die Worte nicht zu Gebot es auszusprechen  | 36v wie meine Seele aufgeregt ist in unendlicher Liebe für Dich in Gebet um Ehrenfrieds Liebe – in Danckgefühl gegen Gott und innigem Flehn und Sehnen zu ihm – Der höchste Genuß jedes Glückes jedes Schönen ist doch in den Augenblicken wo es am innigsten zusammenschmilzt mit unserer Liebe unserer Sehnsucht nach dem Unendlichen –  Mein süßer Ernst ich habe lange nicht solche Augenblicke gehabt als diesen Morgen, und es ist mir die Hoffnung aufgegangen als werde mein Herz der stillen Frömmigkeit, des seeligen Gefühls der Gottes-Nähe wieder mehr genißen als ich es wircklich eine Zeit her weniger in mir gefunden – Dein heiliges Werck in mir ist es mein Geliebter! ach alles Gute werde ich immer Dir danken – mein mein Ernst Du bist eben so süß als Du groß und herrlich bist das entzükt mich oft so wenn ich mich in Träume verliere des künftigen schönen Lebens – | 37

Montag Morgen.

Gestern Nachmittag waren Sophie und ich auf einige Stunden zu unserer Lotte gefahren, wir fanden sie und ihr Kind so wohl als möglich. Auch Caroline war dort der das Herz aber recht schwer zu sein schien sie will selbst stillen, obwohl der Arzt es abgerathen sie hat das vorigte Mal ungeheuer gelitten ein vierteljahrlang an beständigen Brustschäden – Ich trage sie immer im Sinne, es wäre zu traurig wenn es wieder unglücklich ginge. Was macht denn der Gass ihr Kind ?

Ich habe mich in Stralsund sehr genau nach Wassergelegenheiten erkundigt, die Kaufleute meinen es würde nicht an Gelegenheit fehlen auch könne es wohlfeiler werden, aber sie rathen nicht dazu weil es unsicher ist und wir riskiren daß die Sachen genommen werden. Auch könne man vorher nicht berechnen wie kostbar es würde wegen des vielen umsetzens eben so wenig wie viel Zeit drauf gehn würde. Nun ist mir noch eingefallen ob wenn ich bloß die nothwendigen Sachen schikke Bettkiste Koffer Clavier Spiegel vielleicht der Fuhrmann noch andre Fracht aus Stralsund | 37v mitnehmen könne und wir vielleicht dann nur nöthig hätten die Hälfte zu bezahlen. Das Küchengeräthe komt freilich mit wenn wir die ganze Fuhre nehmen müssen, sonst ist es doch nicht von Bedeutung.

Die Kreuze in dem Verzeichniß bedeuteten jezt nichts früher hatte ich die damit bezeichneten behalten wollen.



Ja wohl sind die Nachrichten von den bevorstehenden Erschütterungen auch bis zu uns gedrungen, und mein Verlangen Deine Stimmung darüber zu wissen war recht groß. Ich denke oft so viel hin und her was Du wünschen was du hoffen kannst für das Vaterland aber es ist mir undurchdringlich – unerklärlich wie es noch etwas unternehmen könnte in so entkräftetem Zustande. Ich will Dir folgen mein Ernst und keine Unruhe mir gestatten, will wenigstens selbst als unzeitige Grillen behandeln was mir etwa aufsteigt – o mein Süßer wie wäre es anders wenn wir in jedem bedrängtem Augenblick uns stärken könten Einer an des Andern Brust! Es freut mich ganz außerordentlich daß unser Leben in so klaren Bildern vor Dir steht, ich halte gar viel auf solche Vorahndungen und ich begreife sehr wohl wie  | 38 Dich jene Äußerung in meinem früheren Briefe schreckhaft ergreifen konnte. Es durfte aber doch nur vorübergehend sein denn auch mir ist jene Stimmung vorübergegangen und ich habe oft recht bestimmt gefühlt daß ich noch einmahl recht und ganz glücklich werden müße um zu werden was ich sein kann. Weißt Du daß was ich Dir in den Briefen aus der Zeit der Trauer geklagt habe über Disharmonie in mir, immer in Beziehung auf mein Gefühl gegen Ehrenfried war? das mangelhafte in meinem Schmerz – die Stimme die sich immer von innen hervor drängte so viel ich auch mit allen Kräften ihr wehren wollte – als habe ich noch nicht das höchste Glük gekostet, nicht die Einigung mit der ganz zu mir gehörigen Seele genoßen? In solchen Augenblicken dann stürzte mir alles zusammen ich kam mir unbeschreiblich elend vor – die Vergangenheit gab mir keinen Trost, von der Zukunft wollte ich nun einmahl auch nicht den leisesten in dieser Art hoffen. Wo eine schöne Dichtung das herrliche Gefühl der Liebe mahlte da ward der Schmerz immer recht lebendig – ach und um mich war nicht der gröste, sondern darum daß ich  | 38v Ehrenfrieds Liebe – daß ich ihm dem Herrlichen Liebevollen nicht mit der höchsten Liebe gelohnt – ich war oft nahe mich selbst zu verachten. Und immer war ich im Kampf und Streit mit mir, denn wenn es mir auch wieder lebendig ward wie unsäglich wie ganz außerordentlich lieb ich ihn gehabt hatte, wie seine Güte immer gleich klar vor meiner Seele gestanden und ich sie jezt nur mit Rührung mir zurückrufen konte – dann ward ich wieder zweifelhaft – Jezt glaube ich ist es mir klar meiner Liebe fehlte eben das was die Freundschaft von der Liebe scheidet – alles poetische, ich weiß es nicht recht zu nennen. – Ja bin aber jezt auch ruhig denn ich fürchte nicht mehr Ehrenfried wenn er auch meine innersten Gedanken sieht, dadurch zu kränken, weil er ja über das alles klar hinweg sehen muß und sich ihm viel reiner als mir Wahrheit und Täuschung geschieden haben muß. Und so bin ich auch seiner Liebe sicher weil die meinige zu ihm so ungetrübt ist, ist sie gleich anders als er glaubte – Sage es mir mein Ernst wenn hierin etwas ist was Dir nicht lieb  | 39 ist an mir. Siehst Du nun aber wohl wie ich Recht hatte in jener Zeit Dir zu schreiben Du liebest mehr das Bild einer Tochter in mir als mich selbst? wie war ich wircklich voll innrer Disharmonien während Du mich so schön bewegt nur in reiner Trauer dachtest. Das hat mich damals oft gedrückt und doch konnte ich Dir nur über mich sagen was ich sagte –  korr. v. Hg. aus: DasDaß ich am Liebsten an Dich schrieb wenn ich am reinsten und frömmsten bewegt war, war natürlich und doch mußte es Dich in der guten Idee bestärken. Wenn Du nur nicht später einmahl sehen wirst daß ich auch jezt nicht so unrecht gehabt in dem was ich Dir von meinen Unvollkommenheiten gesagt?

Ernst! Jettens Worte auch Du ergriffen mich recht, aber ich fühlte gleich ganz bestimt wenn Jette auch erleben könnte daß du anders als jezt an mich schreibst, sie kein Recht haben würde zu rufen auch Du sondern daß ich daran lediglich die Schuld tragen würde – unschuldig Schuldige freilich –

Ja mein Ernst das wird ganz herrlich sein wie sich in den Kindern die Liebe zu Dir und zu ihrem verklärten Vater verbinden  | 39v wird – ich rede Jettchen jezt noch gar nicht von diesem, erst wenn wir bei Dir sind – Unter deinen Händen wird alles so heilig – Ich hatte es gleich selbst gefühlt daß jener Wunsch von Ehrenfried ein äußeres Zeichen zu haben kindisch, und gar nicht im rechten Sinne war – Wie kann der Geist sich schöner und anders offenbaren als im Geiste des Andern – –

Sehr nahe geht es mir daß die liebe Caroline so traurig aus eurem Kreise gerissen ward – Sei doch meinetwegen ganz ruhig ich bin von der vollkommensten Gesundheit, auch die Kinder ungewöhnlich gesund diesen Winter – Ich habe Dir schon Vorwürfe machen wollen daß du mir so lange nichts ordentliches über Dich gesagt, diesmal ist doch ein Wörtchen da. Stärck Dich recht süßer Mann, ach sei mir recht gesund und auch recht heiter – Deine Predigt hat mir große Freude gemacht, gelesen habe ich sie noch nicht.

Den 16ten April communiciren wir nun nicht wahr mein Theurer? ich habe auch  | 40 rechte Sehnsucht darnach –  Ich hatte gestern ein recht inniges Gespräch unterwegs mit Sophie – auch besonders redeten wir viel über Louise , ich klagte ihr daß es mich sehr schmerze ihr oft weh gethan zu haben. Es that mir wohl daß Sophie mich sehr vom Unrecht frei sprach, obwohl ich doch fühle daß das Niemand ganz kann –

Ich muß plötzlich schließen –

Ja mein Geliebter ich schlage von neuem ein in Deine Hand und rufe unsern geliebten theuren Ehrenfried zum Zeugen unsers schönen Bundes an – Erfreue mich doch recht bald mit den süßen lieben Worten.

Deine Jette.

Zitierhinweis

3107: Von Henriette von Willich. Poseritz, Sonntag, 26.2. bis Montag, 27.2.1809, ediert von Simon Gerber und Sarah Schmidt. In: schleiermacher digital / Briefe, hg. v. Simon Gerber und Sarah Schmidt. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://schleiermacher-digital.de/S0006936 [Druck: KGA V/11, Berlin 2015]

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