Sonntag d 12t. Febr. 9.

No 9.

Ich size hier und schimpfe auf die Post seit Vorgestern mein theures Kind denn sie allein ist Schuld daran daß Du meiner Briefe entbehrst. Du wirst aus dem Verzeichniß welches mein lezter erhielt gesehn haben daß ich immer spätestens einen Posttag um den andern geschrieben habe. Und dieses stelle nur als Regel fest daß es sicher geschieht und wenn es auch nur zwei Worte wären, und daß nur ich weiß nicht welche undenkbaren Dinge mich abhalten konnten diese selbst zu schreiben in solchen wunderbaren Fall aber Nanny ganz gewiß schreibt; kurz wenn Du zwei Posttage hinter einander keine Nachricht hast so rechne nur sicher daß die Schuld lediglich an der Post liegt und mache Dir deshalb keine Sorge.

Heute werden es wol buchstäblich nur ein Paar Worte die ich Dir schreibe weil Du das Bücherverzeichniß gern zurükhaben willst. Es thut mir nur leid daß du mir nicht gesagt hast was die Kreuze bedeuten welche da stehn. Ich habe nun neben den Büchern die ich zu behalten wünsche Sterne * gemacht. Es sind darunter auch einige schon bekreuzte. Es versteht sich aber von selbst wenn Du diesen etwa schon eine andere Bestimmung gegeben hast daß dein früherer Wille vorgeht. Es ist sehr gut daß du nun endlich bestimmt hast was Du mitbringen willst; ich hoffe aber daß Du bei der Aufzählung das Küchengeräthe nur vergessen hast. Denn da es gar keinen Unterschied im Transport macht wenn man doch die ganze Fuhre bezahlt, so wäre es offenbarer Verlust wenn Du es dort um ein weniges verkauftest. Ist es also nicht schon geschehen so behalte ja alles was von wesentlicher Brauchbarkeit ist. Wegen des Fuhrmanns aber da Jettens Mutter die Sache einmal ein | 22vgeleitet hat ist es ja auch weit besser daß sie sie vollends in Richtigkeit bringt es entsteht sonst gar zu leicht Confusion. Laß also nur Jetten es schleunigst an ihre Mutter schreiben auch sie lieber die Aufzählung der großen Stüke machen denn wahrscheinlich will sie doch wenigstens einen von ihren Koffern auch gleich mitgeben. Theuer finde ich es freilich allein da es so viel schneller ist und auch weniger Unfällen ausgesezt als zu Schiffe so wollen wir es nur dabei lassen.



Wieder sind sich unsere Briefe begegnet mit dem Andenken an unseren theuern Entschlafenen. Wol hast Du recht ohne Worte schlöße ich Dich am liebsten mit Deiner Trauer an meine Brust, ganz Eins mit Dir in Liebe zu ihm und heiligem Andenken an ihn. Recht herrlich und beruhigend muß dir dabei das Gefühl sein daß Du grade in den lezten Tagen seines Lebens so ganz in ihm gelebt hast, daß das Ende auch die rechte Vollendung war eurer schönen Ehe – von deiner Seite wenigstens. Nur das ergreift mich immer so besonders schmerzlich daß es ihm nicht vergönnt war sich seiner und deiner bewußt zu bleiben bis ans Ende, und ich tröste mich nur nach recht gelassener Ueberlegung damit was ich in einer Predigt gesagt habe daß der lezte Augenblik des vollen Bewußtseins auch der letze des Lebens wäre  über den ursprünglichen Text geschriebenist . Wie ich meine körperliche Natur kenne glaube ich daß mir das werden wird was ich unserm theuern so gern gern gegönnt hätte. Ja süße Jette die Zeit seines Todes soll uns immer eine heilige Zeit sein in unserm Hause; sie geht auch so schön unmittelbar der Passionszeit der allgemeinen Todtenfeier der Christen voran, und unsere Kinder sollen auch so bald es möglich ist lernen die Liebe und Verehrung des entschlafenen Vaters mit der Liebe zu dem lebenden zu verbinden.   Aber theures Kind gehe dann  | 23 auch nicht über das hinaus was uns Gott bestimmt hat, und wünsche nicht daß Ehrenfried noch ein anderes Zeichen geben könnte als das herrliche in unsern Gemüthern daß unsere Liebe und sein Andenken sich so herrlich in uns einigen in einerlei Freude und Thränen und daß wenn Du so ohne Worte in den Tagen seines Todes in meinen Armen ruhst und ich Dir die wehmütig feuchten Augen küße, Dir beides so ganz Eins sein wird daß du es nicht unterscheiden kannst – und das eben so herrliche außer uns daß wir sein Ebenbild haben in unseren Kindern und daß es unser erster Wunsch ist sie seiner würdig zu bilden. Kann es schönere Zeichen geben? können wir in einem würdigeren Bilde das ewige Sein des Entschlafenen anschauen?

Nur Eines noch für heute theure Jette. Du willst immer wissen wie ich bewegt bin, und was auch Ihr ohne Zweifel hört von den nächst bevorstehenden Erschütterungen macht Dich gewiß jezt besonders verlangend danach. Ich kann Dir sagen, daß ich von der höchsten und seligsten Ruhe bin. Es steht klar vor mir daß in wenigen Monaten entweder alles gewonnen ist oder alles verloren, je nachdem die Regierung sich entschließen wird und es ist noch sehr unbestimmt wie sie sich entschließt. Ich weiß aber daß ich alles gethan habe und immer thun werde was in meinen Kräften steht um das bessere herbeizuführen und darum bin ich ganz gelassen, und es lebt die feste Ueberzeugung in mir daß wie es auch werde das Leben mit Dir mir doch nicht fehlen wird. Auch fürchte ich nicht einmal, daß das Kriegsgetümmel eine solche Wendung nehmen wird, daß es uns eine Verzögerung in den Weg legen könnte. Theile doch recht diese Ruhe mit mir mein süßes Herz; ich glaube nicht daß irgend etwas sie mir wird rauben können. Ich denke auch nun daran recht bald ernsthafte Anstalten  | 23v im Hause zu treffen. Aber weißt Du schon daß wir es in den ersten Tagen unseres Hierseins etwas unruhig haben würden? Die Tochter der Wittwe verheirathet sich mit einem guten Freunde von mir der mein Nachfolger in Stolpe geworden ist. Schwerlich kann er eher als nach Pfingsten kommen um sie zu holen, so daß sie fast um dieselbe Zeit wie wir Hochzeit machen werden, und da die Mutter mit der Tochter zieht können sie nicht füglich wegen Uebergabe der Stelle der Rechnungen p eher reisen als nach meiner Rükkunft und Einführung. Daher werden wir noch einige Tage mit ihnen zusammen im Hause wohnen müssen, sie unten und wir oben. Die Sache ist noch ein Geheimniß das nicht einmal Nanny weiß; allein ehe Du hierauf etwas in Deinen Briefen erwähnen kannst wird es hier auch bekannt sein.

Ich habe zwei Briefe an große Jette hier liegen; allein ich glaube sie kommen eben so schnell zu ihr wenn ich sie ihr den Donnerstag gradezu schikke. Grüße alles und bitte Luise sie möchte mir doch wieder einmal schreiben – doch sie thut es auch gewiß in diesen Tagen der Trauer. Mit Sehnsucht sehe ich nun der Nachricht von unserer Schwester glüklicher Entbindung entgegen.

Du süße Jette gedenke mein auch immer wenn Du unseres Ehrenfried gedenkst, weine mir deine Thränen zu, sieh mein Bild an auf den Schmerz um den einzigen Freund, lehne Dich an meine Brust, und schlage recht aufs neue ein in meine Hand

Ernst

Die Einleitung zum Phädon über die ich so oft geklagt ist nun auch endlich fertig und kommt heute in die Drukkerei.

Zitierhinweis

3077: An Henriette von Willich. Berlin, Sonntag, 12.2.1809, erarbeitet von Simon Gerber und Sarah Schmidt. In: schleiermacher digital / Briefe, hg. v. Simon Gerber und Sarah Schmidt. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://schleiermacher-digital.de/S0006906 [Druck: KGA V/10, Berlin 2015]

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