D 10t. Febr. 9 Abends.

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Endlich, nach einer beinahe monatlichen Trennung habe ich unsere lieben Götemitzer gesehen – meine Sehnsucht war aufs höchste gestiegen und nun fühle ich mich auch recht wie neu belebt. Unsere gute Lotte ist nun jeden Tag in Erwartung, es war mir ganz schmerzlich sie in dieser Zeit gar nicht zu sehn. Und unsere süße Jette hat mich so erfreut durch ihre innige Herzlichkeit, durch die Mittheilung einiger recht schönen Briefe – und dadurch daß ich sie viel ruhiger und hoffnungsvoller gefunden. Von dem Wetter und den Wegen die bisher waren hast Du keine Idee!

Ganz blaß und mager bist Du mir geworden mein süßes Leben! es ist mir gar rührend Dich mir so zu denken – und gar süß mich zu träumen an Deiner Seite auf dem Sopha dein liebes blasses Gesicht an meiner Brust – –

Herzens Geliebter thue doch alles um ganz wohl wieder zu werden!

Morgen sage ich Dir mehr, meine innigen AbschiedsKüsse –

Donnerstag Morgen.

Wegen des Communicirens kann ich noch nichts erfahren weil es hier nicht so lange vorher bestimt wird – Ich hoffe aber durch Sophie Schlichtkrull zu bewegen daß er schon was dazu thut um es so einrichten.

Eine recht traurige Nachricht erhielten wir vor  | 22v einigen Tagen. Der Cummerow ihr Bruder ist gestorben und hat eine sehr trostlose Wittwe zurückgelaßen. Sie war eine recht liebe Bekannte von mir. Ihr weiches Gemüth hatte mit seiner ganzen Kraft sich an den Mann geschloßen, sie ist sehr unglücklich, hat aber doch zu ihrem Trost einen unaussprechlich holden, hoffnungsvollen Knaben . Friedericke , deren Schwägerin sie ist, schrieb mir sehr bewegt.

Für Deine ausführliche Anweisung über den Unterricht danke ich Dir sehr, ich werde sie aber gröstentheils wohl erst benutzen wenn wir unter Deiner Aufsicht unser Wesen treiben werden die Kinder und ich. Einen Buchstabenkasten hier zu bekommen wäre sehr weitläuftig, ich müßte erst einen machen laßen. In diesen wenigen Monaten werden auch doch manche Unterbrechungen kommen, darum denke ich es bei der Fibel bewenden zu laßen die wir jezt haben und nur zu sehen daß Jettchen nicht vergist was sie weiß (freilich nur die Vocale) und daß diese ihr ganz geläufig werden.



Es ist mir sehr lieb gewesen daß Jette mir gestern einen Brief von Dohna vorgelesen. Ich hatte noch nie ein Wort von ihm selbst gehört, der Brief war recht schön und sprach seinen ganzen edlen Sinn aus. | Von Lotte habe ich sehr lange Briefe ich will ihr auch recht ordentlich antworten – sie ist wohl ein sehr liebendes  | 23 inniges Gemüth! Lotte Pistorius hat sich sehr über ihre Einlage gefreut und hat ihr sehr schön geantwortet. Das ist ganz herrlich wenn so Briefe und Antworten durch unsere Hand gehen und man dabei Erlaubniß hat hinein zu sehen.

Das Lesen der Briefe über Lucinde hat mir wirklich recht wahren Genuß gemacht und sie sind mir ganz außerordentlich klar und verständlich gewesen, daran kann ich doch merken wie ich weiter gekommen bin denn vor 4 Jahren als ich sie mit Ehrenfried las wurde es mir unendlich schwer zu folgen und ich faßte sie doch nur halb auf. So würde es mir gewiß auch mit den Reden gehen wenn ich sie wieder läse. Ach hätte ich doch künftig Zeit zum lesen! Gar manches ist vorgekommen worüber ich gerne mit Dir redete – manche Fragen manche Gedanken sind in mir entstanden. Sehr lebhaft ist mir der Wunsch geworden auch die Lucinde zu lesen, ich kenne sie so gut wie gar nicht. – Aber o Ernst wie sind die Briefe von Eleonore, schön wie eigenthümlich – wie ist mir ganz eigen zu Muthe gewesen beim lesen derselben mein süßer Ernst – kannst Du es wohl nachfühlen? ordentlich niedergedrükt hat es mich auch das Anschauen ihres innern Reichthums – diesen hohen freien Schwung des Geistes, diese wie sie sich hier ausspricht, vollendete Liebe – diese Fülle diese Eigenthümlichkeit des Gedankens  | 23v mir war als könne ich gar nicht wieder, und über nichts, mich gegen Dich aussprechen, und überhaupt – ich mag es nicht so mit Worten all sagen wie mirs war.

Wie Du mich wieder erfreut hast geliebter Mann durch die süßen Betheurungen in deinem lezten Briefe das köntest Du nur wissen wenn Du alle meine inneren Zweifel kenntest die ohne Zahl sind. Es ist mit meinem innern Leben wie mit allem was ich äußerlich treibe, wenn ich mich gehn laße, eines herrscht vor und alles andre muß darunter leiden. So habe ich lange Zeiten wo ich ganz so hin lebe ohne an mich zu denken, ohne etwas aufzuregen in mir als was von selbst wach ist, dann kann mit einem mahl wieder eine Zeit kommen wo ich in ein Meer von Grübeleien über mich selbst versinke und dann ist auch mein Lebensgenuß getrübt. Solche Zeit habe ich nun gehabt und Du hast ja schon manches davon hören müssen. Ernst es ist doch ein ganz köstliches Gefühl sich selbst zu lieben und zu achten, woher nur habe ich es am meisten gehabt wenn ich am unglücklichsten oder am meisten verkannt war? Und warum steigt die Selbsterniedrigung in solchem Grade nun meine Menschen mich so heben.

Hast Du nicht bei der Ernestine große Jette sehr im Sinne gehabt, freilich unter ganz abgeänder | 24ten Verhältnissen? mir ist es so vorgekommen.

Gewiß mein süßer Ernst hast Du recht viel in diesen vergangenen Tagen an uns und an unsern theuren Ehrenfried gedacht – ich habe es recht tief empfunden wie ohne die Treue die fest das alte im Herzen behält, kein Gemüth heilig und from und kein Glück vollkommen sein kann. Ich habe sehr zu Gott gefleht deshalb – und wenn mir bisweilen gewesen als wohne diese Treue nicht in mir so habe ich es doch nun recht gefühlt daß sie mir nicht fremde ist daß sie in der Tiefe im Grunde meines Herzens rein und unverlezt wohnt.

Nicht wahr mein Theurer Dir ist es auch noch immer so nach allem was ich Dir auch ausgesprochen habe wie das neue Glük mich erfüllt und hinreißt? –

Unser Jettchen ist jezt sehr süß, dem Jungen machen die Zähne zu schaffen, doch ist er nicht krank, aber verdrießlich lustig und wüthend eins ums andre. Ich habe ihn und Jette gerne allein wirthschaften lassen wie sie wollten, aber es hat doch eine schlimme Wendung genommen, denn der Junge übt eine solche Herrschaft über sie daß es fast unglaublich ist, was sie hat und ihm gefällt muß sie ihm geben er hat so viel Kraft, und sie hat sich schon darin gefunden. Soll man nun das gehn lassen oder | 24v sich darin mischen? Auch fängt er an uns Große alle zu commandieren, für jede Hülfe die er braucht sucht er sich jemanden aus der sie ihm leisten soll und besteht dann darauf, darf man ihm willfahren?

Ueber etwas möchte ich noch Deinen Rath. Jettchen wacht häufig des Nachmittags mit starkem Weinen auf, dann hilft auch gar nichts, sie weiß nicht was sie will, will nicht aufstehn, will nicht liegen, kein Zureden, nichts was ihr sonst Freude macht beruhigt sie. Phisisch ist das gewiß, soll sie sich aber doch nicht überwinden lernen? sage nur soll ich es ruhig tragen daß sie sich ausweint oder durch die Ruthe sie zur Ueberwindung zwingen. Es wäre wohl sehr unangenehm die Ruthe zu gebrauchen und doch kann mir recht so zu Muthe werden als wenn ich es möchte, denn es komt mir doch ganz so vor als wenn sie schweigen könnte wenn sie wollte.

Unserer Pistorius schreibe nur einmahl sie ist unaussprechlich einsam –, was auch ihr Gemüth bewegen mag sie kann es gegen niemanden auslassen. Ihr Mann läßt sich seit seiner Krankheit durchaus auf kein ernsteres Gespräch ein

In einigen Wochen wirst Du einen Besuch  | 25 haben von einem Vetter Sohn des Leibmedicus aus Bergen , der in diesen Tagen nach Breslau abreiset, und auf der Rückreise über Berlin geht er hat mir Deine Adreße abgefordert weil er Dir seine Aufartung machen will.

Mit den Reimerschen Frauen hatte ich es mir auch gerade so vorgestellt wie du über sie schreibst, mir war schon vort 4 Jahren ganz entschieden so. Freuen kann ich mich außerordentlich zu den vielen interessanten Menschen, sie nur zu sehn und zu hören ohne weiter auf Annäherung mit Vielen Anspruch zu machen. Wir haben gestern in Götemitz sehr viel von Schlegels gesprochen. Mein Gefühl über Friedrich trift nach allem was ich von ihm kenne sehr mit Jettes ihrem zusammen.

Lieber Ernst wie wird mir das Leben doch neu sein, mir die ich immer in dem engsten Kreise gelebt habe. Herzens lieber Mann wenn Du mich nun einmal nur mit dem Gefühl der Gleichheit umfassen willst so kann ich nicht immer darwieder reden aber mir laß nur in der Stille das Gefühl  | 25v daß ich nichts bin als Dein Geschöpf das durch Dich und in Dir nur lebt, von Dir alles empfängt – und weiter nichts – Auf das zärtlichste umarme ich Dich mit aller Liebe – unsere lieben Kinder senden Dir tausend Grüße und Küsse.

Auch Sophie und Louise grüßen herzlich.

Leztere geht nach Götemitz auf einige Wochen.

Noch fällt mir ein, besprich doch mit Nanny ob ihr in eurem Koffer Platz haben werdet wenn wir zusammen zurück reisen daß ich noch Zeug für mich und die Kinder mit hineinlegen könnte. Ist das nicht so müßte ich bei Zeiten in Stralsund Auftrag geben mir einen in einer Auction zu kaufen und ihn wohl dann mit der Post schicken. Alles was ich entbehren kann schicke ich natürlich schon mit dem Fuhrman.

Zitierhinweis

3070: Von Henriette von Willich. Wohl Poseritz, Mittwoch, 8.2. bis Donnerstag, 9.2.1809, erarbeitet von Simon Gerber und Sarah Schmidt. In: schleiermacher digital / Briefe, hg. v. Simon Gerber und Sarah Schmidt. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: http://schleiermacher-digital.de/ediarum_pzwei/rest/db/projects/schleiermacher/web/briefe/detail.xql?id=S0006899 [Druck: KGA V/10, Berlin 2015]

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