An Lotte Kathen.

B. d. 7t. Febr. 9.

Das ist mir ganz unerwartet gekommen liebe Schwester daß Sie mir Ihre Entbindung schon so nahe ankündigen. Als Sie mir neulich sagten Sie rechneten daß das erste Frühjahr das kleine Geschöpf ans Licht finden sollte hielt ich mich zu genau an den Kalender und dachte an Ende Merz. Haben Sie Sich nicht auch zulezt durch das falsche Frühjahr täuschen lassen welches bei uns schon wieder vorbei ist und dem Winter aufs neue Plaz gemacht hat? Wenn Sie Recht haben so finden vielleicht schon diese Worte Sie in der neuen Mutterfreude, und dann mögen sie Ihnen meinen herzlichen Glükwunsch und meine frohe brüderliche Theilnahme zurufen. Ich bin jezt so voll guter Hofnung in allen Dingen beste Lotte daß mir auch nicht der leiseste Gedanke von Besorgniß einfällt als könnte Ihnen irgend etwas übles widerfahren. Hier habe ich in dem Kreise meiner Bekannten in wenigen Wochen drei glükliche Entbindungen erlebt , und Sie werden gewiß den guten Beispielen folgen. Unsere Freundin schreibt Sie wären heiter und wohl; so sehen mir Ihre lieben Worte auch aus, und das ist ja die beste Vorbedeutung. Wohl kann ich es mit empfinden wie Ihnen bei der heiligen Feier zunächst vor der entscheidenden Stunde zu Muthe gewesen ist. Sie spricht ganz den heiligen Sinn aus der in dem Bande der Liebe zwischen der Mutter und dem Kinde das sie der Welt  | 38v giebt liegen soll; und in herzlicher Andacht Eins werden mit dem. Alles Einigwerden ist wol die schönste Vorbereitung darauf daß nun z  über den ursprünglichen Text geschriebenZwei werden soll was bis dahin Eins gewesen ist. Ueberhaupt muß noch eine eigne Stärkung im Abendmahl liegen, wenn es so zugleich auf besondere Verhältnisse bezogen wird um sie zu heiligen. So ist es mir eine ganz eigene selige Vorstellung noch auf Rügen mit Jette zusammen zu communiciren sei es nun kurz ehe unser Bündniß bestätiget wird oder bald darauf. Beste Lotte ich vertiefe mich recht oft darin wie die schöne Zeit immer näher rükt und ich glaube keine Periode meines Lebens wird mir so schnell entflohen sein als diese. Das sieht freilich nicht nach Sehnsucht aus denn die soll die Zeit lang machen. Aber ich kann auch sagen daß ich troz der Entfernung recht viel Befriedigung gehabt habe, so schön haben wir uns schriftlich mit einander eingelebt meine liebe Jette und ich, und so durchdrungen bin ich von dem zuversichtlichsten Gefühl wie glüklich ich sein werde. Ich danke Ihnen für die lieben freundlichen Worte von unserm Kathen; sie kommen mir vor wie ein biedrer herzlicher Handschlag auf den sicherer Verlaß ist, und darum erfreut mich seine Zustimmung so recht gründlich.



Ich wollte noch recht viel mit Ihnen plaudern beste Lotte aber ich bin nicht wieder dazu gekommen und Sie erhalten nur dies kleine Blättchen. Gottes Schuz und Obhut sei über Ihnen in der entscheidenden Stunde und machen Sie uns Allen rechte Freude mit Sich und Ihrem Kinde. Meine herzlichen Grüße an Kathen und die Kinder , und empfehlen Sie mich auch an Mama . Hätten Sie doch Minchen bei sich.

Schleier

Zitierhinweis

3068: An Charlotte von Kathen. Berlin, Dienstag, 7.2.1809, ediert von Simon Gerber und Sarah Schmidt. In: schleiermacher digital / Briefe, hg. v. Simon Gerber und Sarah Schmidt. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://schleiermacher-digital.de/S0006897 [Druck: KGA V/11, Berlin 2015]

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