Sonnabends d 21t. Jan. 9

7.  über den ursprünglichen Text geschrieben6.

Da habe ich doch neulich vergessen Luises Frage zu beantworten wie weit wir in der Odyssee wären.

Wir haben Gestern den 17ten und 18ten Gesang gelesen und ich mit besonderer Andacht und Ueberzeugung die Verse:

Aber des Magens Wuth des verderblichen kann man unmöglich Bändigen der soviel Unheils den Sterblichen darbeut den 17. und 18. Gesang der Odyssee 17. Gesang, Zitat Vers 286 f.

Nicht zwar wegen des Hungers den ich nie gekannt habe, sondern wegen des Krampfes den Homer nie gekannt hat. Indeß war es doch mehr die Erinnerung als die Empfindung was mich so stark ergriff. Nur ein Paarmal in den ersten Tagen der Woche habe ich seit dem Flußfieber noch harte Anfälle gehabt, aber seit einigen Tagen glaube ich nun daß es recht Ernst mit der Besserung; ich habe eigentlich gar keine Schmerzen mehr, nur ein gewisses marodes und jämmerliches Gefühl was mich nicht recht tüchtig sein läßt. Ich habe schon seit mehreren Wochen ein Recept liegen das mir ein anderer als mein gewöhnlicher Arzt so beiläufig verschrieben hat; ich habe aber jenen in seiner Kur nicht stören wollen und es immer liegen lassen. Nun ich aber nach dem Flußfieber, von dem ich hoffte, es sollte alles wegnehmen, wieder Anfälle bekam, wurde ich ungeduldig und ließ es machen, und es scheint mir entschieden gute Dienste zu thun. Wir haben auch im Homer die Entdekung gemacht daß die Griechen die Schweine in der Mast fünf Jahr alt werden ließen, und ich habe Nanny , die im KanonierHause gar zu gern einschlachten möchte, den Vorschlag gethan sie solle dort eins so lange futtern. Wir haben nun noch drei Abende am Homer; denn zwei Gesänge lese ich immer vor beim Thee. Dann denke ich will ich Nanny die Aeneide nach Voss Uebersezung vorlesen und damit kann sie für einmal alte Poesie genug haben. Ich kann dir gar nicht sagen was für einen eignen Reiz der Homer wieder für mich gehabt hat, nachdem ich ihn seit vierundzwanzig Jahren (denke Dir! länger als Du lebst) nicht ordentlich gelesen sondern nur so gelegentlich einzelne Stellen. Die liebenswürdige Naivität, die frische lebendige Darstellung und der ge | 12vsunde Lebenssinn sind doch etwas ganz göttliches darin. Ich habe auch noch neuerlich gesagt wenn ich nur Drei Bücher, die Bibel ungerechnet, aus dem Alterthum retten sollte so würden es doch keine anderen sein als der Homer der Herodot und der Platon . Es ist mir auch immer sehr wohl wenn wir so den Abend zu Hause sind und etwas homerisiren. Heute wird es uns nun nicht so gut. Gassens sind eben hier gewesen mit ihrer Mutter was  über den ursprünglichen Text geschriebendie ihr zur Hülfe gekommen ist und haben uns gebeten noch den Abend da zu sein weil sie gar nicht weiß wie bald ihre Stunde schlagen kann. Es ist so mörderlich kalt daß Nanny eigentlich gar keine Lust hatte und wir haben uns nun gegenseitig Vorwürfe gemacht daß wir nicht besser Stand gehalten haben. Nun ist es aber auch die höchste Zeit daß ich gehe denn ich habe noch einen andern Besuch vorher zu machen. Ich habe heute auch Vorbereitung gehalten. Dabei fällt mir noch ein daß ich Dir nun etwas bestimmen kann wegen des Communicirens wenn es nur gehn wird. Nemlich ich kann nun wol nicht mehr füglich anders als mit  über der Zeilein meiner künftigen Kirche communiciren, und da ist außer Morgen nur noch zweimal Communion am 5ten März und am 16ten April. Laß Dir nun sagen ob es sich so trift daß an einem von diesen Tagen auch Du communiciren kannst; eine große Freude wäre es mir allerdings. Hernach ist nicht eher wieder Communion als an dem Tage wo ich introducirt werde und wo wir also wieder hier sein müssen, nemlich den 17ten Junius. Einzigste Jette nun möchte ich erst wieder recht lustig werden und recht toll nun ich so auf Dein Hiersein gekommen bin und möchte Dir recht süß und schmeichelnd liebkosen – aber ich muß ja wahrhaftig fort.

Mittwoch d 25t. Es ist ja ordentlich schreklich daß ich nun erst wieder zu Dir komme süßes Herz! Alle Tage habe ich nicht nur Lust sondern Sehnsucht mit Dir zu plaudern, und denke mir ein Stündchen auszumitteln aber es geht dann immer nicht, und ich seze Dich, weil ich Dich eben schon als mich selbst ansehe nicht selten hintennach wenn ich zu einer Stunde die Dir eigentlich schon bestimt war in eine  über den ursprünglichen Text geschriebenein besonderes Arbeitsgeschikk hinein gekommen bin. Mein Herz ist dann doch immer bei Dir, und ich denke es ist auch ein Vortheil für Dich wenn ein Stük Arbeit mehr abgethan ist. Ich kaue jezt an etwas recht schwerem, an der Einleitung zum Phädon, und sie will noch gar nicht herauskommen. Das ist ein trauriger Zustand den Du wol auch noch oft erleben wirst, und ich will Dich lieber im Voraus damit bekant machen. Die Sache die ich zu machen habe ist dann noch nicht ganz reif es fehlt innerlich noch irgend etwas und ich weiß nicht was. Ich kann in diesem Gefühl unmöglich anfangen niederzuschreiben, aber eben so wenig kann ich mich entschließen irgend etwas anderes zu thun sondern die Sache muß immer an der Tagesordnung bleiben, ohne daß doch etwas wesentliches darin geschieht; sondern im bloßem hin und herwerfen und sinnen vergeht eine Menge Zeit die mir schmählich lang  | 13 wird. Das dauert nun so bis eine glükliche Inspiration kommt und mir das rechte Licht aufgeht. Nun denke dir daß ich noch acht solche Einleitungen zu machen habe, die mir gewiß größtentheils fast eben so schwer werden wie diese. Dann ist aber auch dafür alle bestimmte Arbeit bis zu meiner Reise zu dir abgethan. Ich habe aber eine Ahndung daß diese erste nun doch noch in dieser Woche fertig wird. – Deinen Brief vom 14ten erhielt ich Sonntag Nachmittag bei Reimer wo mich die Sonntagsbriefe gewöhnlich finden. Ich las ihn neben der kleinen Frau auf dem Sofa und konnte ihr also Deine Grüße gleich selbst einhändigen, die sie sehr herzlich aufnahm. Ich glaube wol daß du dich in den Kreis recht gut hinein versezen kannst; aber hast du wol auch darüber eine bestimmte Meinung wieviel er dir für dein Leben sein kann? ich glaube eben nicht daß es viel mehr als ein freundliches Zusammenleben soviel es eben die Verhältnisse mit sich bringen sein wird. Daß dein Herz sich sollte recht an diese Frauen schließen können glaube ich eben nicht, und bin ordentlich neugierig darauf was du dir wol noch vorzüglich aussuchen wirst. Vorführen muß ich dir doch eine ziemliche Parthie von Frauen und Mädchen. Fürchte aber deswegen nicht daß wir uns zu sehr zerstreuen werden, das wollen wir alles machen. Eben habe ich einen Brief von unserer Lotte in Gnadenfrei erhalten die sich Deines Briefes und auch der meinigen an dich sehr gefreut hat. Sie gesteht mir ein daß ich sie ordentlich verliebt in dich ist und hätte uns lieber schon diesen Herbst in Schlesien weil sie an übers Jahr mancherlei wunderliche Zweifel hat. Ich habe aber gar keine Ahndung daß irgend etwas dazwischen kommen wird weder gutes noch schlimmes. Sie schreibt es ginge ein groß Paket von ihr ab auf die Insel; also wirst du wol bald einen Brief von ihr bekommen und nicht durch mich so daß Ihr nun auf einem ganz unabhängigen und eignen Fuß mit einander steht und über mich raisonniren könnt soviel ihr wollt. Sie schreibt mir auch sie habe dich mit dem schwesterlichen Du angeredet so daß alles in der Ordnung ist. – Die Gaß hat am Montag ein kleines Mädchen geboren sehr regelmäßig und leicht. Ich habe sie heute gesehn sie fieberte etwas und klagte über Schmerzen das kommt aber alles daher weil sie nicht stillen darf und hat wol nichts weiter zu sagen. Indeß fürchte ich daß sie nach Tische unwohler geworden ist weil ich ihn nicht in der Vorlesung gesehen habe. Wie herzlich wünsche ich daß den armen Freunden nun endlich einmal ein Kind bleibe. Wahrscheinlich wird Gaß es mir zu taufen geben. – Eben bläst wieder der herrlichste Feurlärm in der Stadt herum aber es ist in einer entlegenen Gegend in der Straße wo große Jette wohnt und ich habe nicht die geringste Versuchung mich in dem unsäglichen Schein genauer darum zu bekümmern. Du siehst wie oft das hier vorfällt; aber selten brennt etwas ordentliches ab. Neulich war die Lage wirklich sehr gefährlich und die Anstalten eigentlich schlecht und es ist doch nur ein einziges Hintergebäude abgebrannt. Ich kann dir aber doch nicht unterlassen es zu bemerken weil es mich immer so sehr unterhält und innerlich in Thätigkeit sezt

Zu meinem Schrekken liebste Jette muß ich glauben daß Du eine  | 13v ordentliche Anweisung über den Unterricht von mir erwartest; und ich weiß nicht ob ich im Stande sein werde dir die so schriftlich mit bloßen Worten zu geben. So etwas will eigentlich gezeigt sein. Die Hauptgrundsäze über die du gewiß mit mir einig bist sind die daß man überall von dem einfachsten anfange, nicht eher als bis dies ganz gefaßt ist weiter gehe und dann immer regelmäßig langsam Schritt vor Schritt, aber so daß soviel als möglich eigne Selbstthätigkeit der Kinder dabei sei. Darum halte ich zum Lesenlernen einen Buchstabenkasten, wo die einzelnen Buchstaben auf Pappe gezogen sind und den Du gewiß auch in Stralsund bei jedem Buchbinder bekommst für das beste. In diesem zeige ihnen nun erst die Vokale, lehre sie die Zeichen unterscheiden und die Töne rein und deutlich aussprechen. Erst wenn sie dies vollkommen inne haben und nicht mehr irren nimm einen Konsonanten, seze ihn der Reihe nach vor alle Vokale, und dann auch wieder dahinter und laß sie beide zusammen aussprechen. Du mußt aber immer mitsprechen damit sie ein deutliches Muster vor sich habe, es unterhält sie auch mehr. Wenn sie nun einen Konsonanten vollkommen kennen dann nimm einen andern abwechselnd mit jenem aber einen solchen der jenem verwandt ist. Wenn Du zum Beispiel mit b angefangen hast so laß hernach b und p wechseln, dann b und w dann b und m. Und wenn Du hernach d genommen hättest, dann d und t, und d und n und d und s und so fort, und ehe gehst Du nicht weiter bis sie auf diese Weise alle Konsonanten mit allen Vokalen einfach zu verbinden wissen und gar nicht mehr irren. Hierauf laß sie dann zwei Konsonanten, aber nur solche die wirklich in unserer Sprache zusammen vorkommen vor den Vokal sezen, fange aber immer zuerst mit dem lezten an. Wenn sie kla und bla sezen sollen so seze ihnen erst la und dann das b und das k davor. Dann laß sie zwei Konsonanten mit einem Vokal verbinden, so daß einer vorn und einer hinten steht, aber laß sie sie immer auch zuerst einzeln sezen und sagen; wenn sie Bad sezen sollen so laß sie erst ba und ad sezen und sagen, und dann zusammenziehn bad. Dann solche Silben wo zwei Konsonanten vorn und einer hinten stehn oder umgekehrt, und so fort und so daß in jeder Uebung immer die vorige wieder mit enthalten ist. Dies ist so der erste Cursus, der bloß einzelne Silben betrift, und weiter will ich meinen Unterricht diesmal auch nicht ausdehnen, weil er Dich mehr langweilen möchte als die Ausführung die Kinder langweilen wird. Denn diese werden gewiß sehr unterhalten sein weil sie wirklich immer fortschreiten und sich in dem was sie einmal hinter sich haben sicher wissen. Du mußt sie nur recht thätig sein lassen und mit ihnen thätig sein, mußt die Uebungen nicht zu lange währen lassen aber so lange sie währen auch keine Unterbrechung und Abschweifung auf etwas anderes gestatten. – Und nun liebste Jette muß ich noch das wesentliche aus meiner gestrigen Vorlesung aufschreiben und dann zu Bette gehn damit ich Morgen zur rechten Zeit aufstehe. Etwas früher fängt es doch nun an bei uns Tag zu werden. Aber nein meine süße Geliebte ich kann  | 14 mich unmöglich heute von Dir trennen ohne Dir noch etwas über Deinen Brief zu sagen. Mir kommt es, ich weiß nicht warum so sehr lange vor daß ich Dir auf Deine Bekenntnisse geantwortet habe daß ich gar nicht mehr erwartete daß Du mir noch etwas darüber sagen würdest, und nun hast Du mich so durch und durch entzükt damit. Ja süßes Kind geliebte Braut komm nur an meine Brust und liebe mich so unaussprechlich und fühle es daß Du ganz mein bist und ich ganz Dein, und daß es so sein muß. Und weißt es immer recht daß ich Dich ganz kenne wie Du bist und daß Du mir ganz recht bist. Und wenn Du mich schlechterdings verehren willst so thue es nur, ich will Dir Deinen Willen lassen und nichts dagegen haben und das soll das erste Stük sein womit  über der Zeileworin Du mich unter den Pantoffel bringst. Nur laß Dich erbitten und laß es etwas sachte angehn denn wenn Du hernach nachlassen müßtest in der Verehrung, das wäre mir nun eben so schreklich wie Deine Besorgnisse für Dich waren. Aber wenn Du mich nun wirklich verehrst so muß es auch wahr sein daß Du ganz geheilt bist, denn Du mußt Dich ja mit verehren. Du bist ja meine Wahl meine Liebe, es zieht mich ja der heiligste Zug meines Herzens zu Dir hin in Deine Arme, ich kann ja nur in Dir mein Glük und meine Freude finden. So umarme ich Dich Du meine, ganz meine süße Braut mein Herzensweib ach es fehlen mir auch Worte und nur lebendig läßt es sich ausdrükken.

Donnerstag d 26t. O weh liebste Jette da bin ich gleich Morgens durch einen Besuch abgefangen worden der mich freilich an sich nicht lange aufgehalten aber mir gar viel zu denken und zu schreiben gelassen hat. Nun werde ich gar nicht mehr lange bei dir sein können, und will nur noch sehn daß ich meinen guten Ruf des Antwortens bei Dir nicht verliere. Steins Verfolgung hat mich gar nicht alterirt. Ich hatte zwar gar nicht daran gedacht als es aber als es kam war es mir wie etwas ganz bekantes und erwartetes. Nur das hat mir erstaunlich leid gethan daß er, was gar nicht nöthig gewesen wäre, so schnell abgereiset ist und daß ich ihn nicht vorher noch gesehen habe. Ich habe ihm sagen lassen ich gratulirte ihm denn es wäre die größte Ehre die einem Privatmann widerfahren könnte für einen Feind der großen Nation erklärt zu werden. Wenn ich Dir übrigens lange nichts von öffentlichen Angelegenheiten geschrieben habe so komt das lediglich daher weil alles jezt in einem dumpfen Zustande des Brütens und der Erwartung liegt der wol noch einige Wochen dauern kann. Sei nicht bange ich werde mich gar nicht halten können wenn ich auch wollte; sobald eine Krisis sich nähert wirst Du hinreichend erfahren wie ich bewegt bin. Nimm dann nur nicht alles so scharf wie es sich im Augenblik ausspricht. Jette hat gar nicht Ursach sich das Herz schwer sein zu lassen. Dohna ist sehr gut und nimmt sich soviel ich erfahren kann vortreflich. Er hat mir noch vorgestern aufgetragen doch ja zu mahnen  | 14v daß sie ihm schriebe. Sage ihr doch das falls Du sie eher siehst als sie einen Brief von mir bekommt, was erst nächsten Posttag geschehen kann. Mich sezt er in rasende Bewegung; er möchte posttäglich die ausführlichsten Briefe von ihm  über der Zeilemir haben, und ich kann auch kaum anders als willfahren da ich ihm über Gegenstände der innern Verwaltung schreiben kann die für mich von dem höchsten Interesse sind. Auch der heutige Besuch war wieder so eine Geschichte. Daß du Jette so selten siehst ist mir recht traurig. Bei uns ist jezt das Wetter gelinder ich will wünschen daß es bei euch auch so ist. Aber am Anfang dieser Woche hatten wir hier fürchterliche Stürme mit Schneetreiben, wie mögen die erst bei euch gewesen sein! Mit meiner Gesundheit geht es übrigens ganz gut. Die Schmerzen sind wol völlig vorüber und ich habe keine Furcht mehr an einen Rükfall. Aber ich bin sehr heruntergekommen bleich und mager geworden und kann noch nicht wieder zu meinem gewohnten Gefühl von Kraft und Frische kommen. Ich will deswegen eine Zeitlang eine recht stark nährende Diät führen und dabei wenn das Wetter es irgend zuläßt warm baden und das soll denke ich bald gute Wirkung thun. Ich glaube ich könnte jezt alles mögliche Heil von einem warmen Bade erwarten seitdem mir das vom 18ten Julius so wunderschön bekommen ist.

Daß Du Dich so in die traurigste Zeit meines Lebens hineingelesen hast und so innigen Theil daran genommen hat mich recht erfreut. Du süßes liebes Herz! ja wohl will ich nun recht glüklich sein und Du glaubst auch nicht was für eine Ruhe über diese ganze Zeit in mir ist, nur daß ich freilich nicht begreife wie sie wesentlich in mein Leben gehört hat, wenn es nicht ist daß ich grade dadurch über manches was zur Ehe gehört habe richtiger denken gelernt, und so kommt sie auch Dir zu gute meine theure Geliebte. Was Du sagst über das ungleiche Verhältniß von Mann und Frau, darin hast Du von einer Seite nicht unrecht. Die Einweihung des Mannes und seine Tüchtigkeit in Wissenschaft oder Kunst oder bürgerlichem Leben erscheint soviel größer als die Gegenstände worin die Frau ihr Talent entwikkeln kann daß es scheint als müsste sie wo der Mann recht tüchtig ist sich immer untergeordnet fühlen und wenn die Frau an Geist und Charakterstärke über den Mann hervorragt das giebt gewiß immer ein schlechtes Verhältniß. Aber wenn sie den Mann versteht wie die wahre Liebe ihn immer verstehn lehrt und wenn sie im rechten Sinne Mutter ist und Gattin so kann doch der Mann sie nur mit dem Gefühl der vollen Gleichheit umfassen und da sie sich in vieler Hinsicht wenn die Eitelkeit sie nicht besizt, reiner und mehr unbeflekt von der Welt erhalten kann als der Mann so ist das auch wieder eine Seite wo der Mann sie über sich stellt mit vollem Recht und ohne daß das im mindesten das wahre Verhältniß stören könnte. Unschuldiger seid ihr doch in der Regel immer als wir. Ich denke das läßt Du Dir auch gefallen wenn Du es recht überlegst, und so ist eben alles von der Natur herrlich und schön geordnet. – Und nun sage ich Dir Lebewol mein süßes Herz mit der zärtlichsten Umarmung. Viele Küsse den süßen Kindern und grüße mir alles aufs freundlichste zumal auch die sehr liebe treue Mariane wenn sie noch da ist. Ich hätte heute so gern an unsere liebe Pistorius geschrieben aber es wollte nicht möglich werden. Nanny grüßt. Tausend süßeste Küsse von Deinem Ernst.

Es ist mir ein wahrer Trost daß Du meine Hand so gut lesen kannst denn dies ist wieder gutes Augenpulver.

Zitierhinweis

3045: An Henriette von Willich. Berlin, Sonnabend, 21.1. bis Donnerstag, 26.1.1809. In: schleiermacher digital / Briefe, hg. v. Simon Gerber und Sarah Schmidt. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: http://schleiermacher-digital.de/ediarum_pzwei/rest/db/projects/schleiermacher/web/briefe/detail.xql?id=S0006874 [Druck: KGA V/10, Berlin 2015]

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